Direkt vor unserer Haustür liegt ein Land, das vielen Österreichern nur als Durchfahrtsstation in den Sommerurlaub bekannt ist – dabei verbirgt sich dort eine Wildnis, die ihresgleichen in Europa s...
Direkt vor unserer Haustür liegt ein Land, das vielen Österreichern nur als Durchfahrtsstation in den Sommerurlaub bekannt ist – dabei verbirgt sich dort eine Wildnis, die ihresgleichen in Europa sucht. Am 10. März 2026 um 20.15 Uhr zeigt ORF 2 die neue "Universum"-Dokumentation "Slowenien – Am Puls der Wildnis" und enthüllt dabei Naturphänomene, die selbst Experten ins Staunen versetzen. Das Filmemacherduo Christine Sonvilla und Marc Graf hat zwei Jahre lang ein Land porträtiert, das als Vorbild für nachhaltiges Wirtschaften weltweit Anerkennung findet.
Mit nur zwei Millionen Einwohnern auf einer Fläche von etwa 20.000 Quadratkilometern ist Slowenien kleiner als das österreichische Bundesland Niederösterreich. Doch was das Land an Größe vermissen lässt, macht es durch außergewöhnliche Artenvielfalt wett. Wo die Adria auf die Alpen trifft, entsteht ein einzigartiges Ökosystem, das mediterrane und alpine Klimazonen miteinander verbindet.
Das besondere an Slowenien liegt in seinem Ansatz zum Naturschutz. Während in anderen europäischen Ländern oft ein Konkurrenzkampf zwischen Naturschutz und wirtschaftlicher Nutzung herrscht, hat Slowenien einen Weg gefunden, beide Interessen in Einklang zu bringen. Das Land gilt offiziell als nachhaltigstes Land der Welt – eine Auszeichnung, die auf dem Global Sustainability Index basiert und Faktoren wie CO2-Ausstoß, Ressourcenverbrauch und Biodiversität berücksichtigt.
Ein Highlight der Dokumentation sind die seltenen Aufnahmen von Braunbären während ihrer Brunftzeit. Christine Sonvilla, diplomierte Meeresbiologin und eine Hälfte des Filmemakerduos, erklärt die Besonderheit: "Nirgendwo sonst auf unserer Erde gibt es so viele Braunbären auf vergleichbarer Fläche." Diese Aussage ist durchaus bemerkenswert, leben doch in Slowenien geschätzte 500 bis 700 Braunbären – eine Population, die sich über die vergangenen Jahrzehnte kontinuierlich erholt hat.
Zum Vergleich: In ganz Österreich leben derzeit etwa 40 bis 50 Braunbären, hauptsächlich in Kärnten und der Steiermark. Die deutsche Braunbären-Population ist praktisch nicht existent – der letzte wilde Braunbär wurde 2006 in Bayern gesichtet und später getötet. In der Schweiz gibt es nur sporadische Sichtungen wandernder Bären aus Italien.
Die hohe Bärendichte in Slowenien ist das Ergebnis eines durchdachten Managementkonzepts. Bereits in den 1960er Jahren erkannte man, dass der Schutz der Braunbären nur gelingen kann, wenn die lokale Bevölkerung eingebunden wird. Heute erhalten Landwirte Entschädigungen für Schäden, Imker bekommen finanzielle Unterstützung für bärensichere Bienenstöcke, und Jäger sind in das Monitoring eingebunden.
Zu den spektakulärsten Szenen der Dokumentation gehören die Massenaufläufe von Eintagsfliegen in den südslowenischen Gewässern. Marc Graf, der gemeinsam mit Christine Sonvilla Regie führte, beschreibt das Erlebnis als unvergesslich: "Wir hatten ein besonders spektakuläres Jahr mit Hunderttausenden Eintagsfliegen."
Diese Massenaufläufe sind ein wichtiger Indikator für die Wasserqualität. Eintagsfliegen reagieren extrem empfindlich auf Verschmutzung und chemische Belastungen. Ihr massenhaftes Auftreten zeigt, dass die slowenischen Gewässer eine außergewöhnlich hohe Qualität aufweisen. In Deutschland und Österreich sind solche Massenaufläufe durch Gewässerverschmutzung und Flussregulierungen selten geworden.
Das Phänomen selbst ist faszinierend: Die Larven der Eintagsfliegen verbringen bis zu drei Jahre im Gewässer, bevor sie alle gleichzeitig als erwachsene Tiere schlüpfen. Ihr Leben als flugfähige Insekten dauert nur wenige Stunden bis maximal einen Tag – daher der Name. In dieser kurzen Zeit müssen sie sich paaren und ihre Eier legen, bevor sie sterben.
Obwohl Sloweniens Adriaküste mit nur 47 Kilometern Länge kürzer ist als eine Marathonstrecke, beherbergt sie eine überraschende Vielfalt an Meereslebewesen. Die Salinen von Piran sind nicht nur ein wichtiger Wirtschaftszweig – hier wird seit über 700 Jahren nach traditionellen Methoden Meersalz gewonnen – sondern auch ein bedeutendes Vogelschutzgebiet.
Die Flamingo-Population in den Piraner Salinen ist ein relativ neues Phänomen. Erst seit den 1990er Jahren nutzen diese eigentlich in wärmeren Gefilden beheimateten Vögel die slowenischen Salzgärten als Rastplatz. Experten führen dies auf den Klimawandel und verbesserte Wasserqualität zurück. Für Ornithologen sind die Piraner Salinen mittlerweile zu einem wichtigen Beobachtungsposten geworden.
Auch Delfine sind in den slowenischen Gewässern keine Seltenheit. Die nördliche Adria beherbergt eine der letzten stabilen Populationen des Großen Tümmlers im Mittelmeer. Marine Biologen schätzen den Bestand auf etwa 150 bis 200 Tiere, die in den nährstoffreichen Gewässern vor der slowenischen und italienischen Küste leben.
Slowenien ist ein Karstland par excellence. Etwa 43 Prozent der Landesfläche bestehen aus Kalkstein, wodurch sich über Millionen von Jahren ein verzweigtes Höhlensystem entwickelt hat. Mit über 10.000 bekannten Höhlen weist das kleine Land eine der höchsten Höhlendichten der Welt auf. Jährlich werden etwa 200 neue Höhlen entdeckt und vermessen.
Die berühmteste Höhle ist zweifellos die Postojna-Höhle, die seit 1818 für Touristen zugänglich ist und jährlich über 700.000 Besucher anzieht. Doch für Wissenschaftler ist eine andere Höhlenart viel interessanter: die wassergefüllten Karsthöhlen, in denen der Grottenolm lebt.
Der Grottenolm (Proteus anguinus) ist ein evolutionäres Wunder. Dieses bis zu 30 Zentimeter lange, schlangenartige Amphibium hat sich perfekt an das Leben in völliger Dunkelheit angepasst. Es ist blind, kann aber über Seitenliniensystem und Elektrorezeiptoren seine Umgebung wahrnehmen. Besonders bemerkenswert ist seine Langlebigkeit: Grottenolme können über 100 Jahre alt werden und bis zu zehn Jahre ohne Nahrung überleben.
Die Soča, auf Deutsch Isonzo, ist nicht nur wegen ihrer türkisblauen Farbe berühmt, sondern auch als Heimat der Marmorataforelle (Salmo trutta marmoratus). Diese bis zu einem Meter lange und 20 Kilogram schwere Forelle kommt ausschließlich in der Soča und ihren Zuflüssen vor – ein Endemit von höchster biologischer Bedeutung.
Während des Ersten Weltkriegs stand die Art kurz vor der Ausrottung. Die österreichisch-ungarische und später die italienische Armee befischten die Gewässer intensiv zur Versorgung der Truppen. Nach dem Krieg übernahmen die Fischer von Tolmin die Initiative und starteten eines der ersten erfolgreichen Artenschutzprogramme in Europa.
Heute gilt die Marmorataforelle als Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. Strenge Fangbeschränkungen, die Überwachung der Laichplätze und die Verbesserung der Wasserqualität haben dazu geführt, dass sich der Bestand stabilisiert hat. Für Angler aus ganz Europa ist die Soča mittlerweile ein Pilgerort – allerdings mit strengen Auflagen: Nur Fliegen fischen ist erlaubt, und alle gefangenen Fische müssen wieder freigelassen werden.
Die Dreharbeiten zu "Slowenien – Am Puls der Wildnis" stellten das Team vor besondere Herausforderungen. Christine Sonvilla, erfahrene Taucherin und Meeresbiologin, erinnert sich an die Unterwasseraufnahmen bei der Forellen-Laichzeit: "Bei Wassertemperaturen knapp über null Grad hält man es nicht lange aus. Alles muss gut geplant sein."
Die Laichzeit der Marmorataforellen findet im Spätherbst statt, wenn die Wassertemperatur der Soča auf wenige Grad über null sinkt. Nur an wenigen Tagen legen die Weibchen ihre Eier ab – ein Naturspektakel, das bisher selten gefilmt wurde. Die Herausforderung lag nicht nur in der Kälte, sondern auch in der Unberechenbarkeit des Naturschauspiels.
Auch die Aufnahmen der Braunbären während der Brunftzeit erforderten monatelange Geduld und Vorbereitung. Das Team musste sich an die Gewohnheiten der Tiere anpassen und oft tagelang in Verstecken ausharren. Marc Graf betont: "Man muss wissen, wo die besten Stellen sind, und auch ein wenig Glück haben."
Sloweniens Erfolg im Naturschutz basiert auf mehreren Säulen. Erstens: die frühe Erkenntnis, dass Naturschutz nur mit der Bevölkerung, nicht gegen sie funktioniert. Zweitens: die Integration von Naturschutz in die Wirtschaftsplanung. Ökotourismus bringt dem Land jährlich mehrere hundert Millionen Euro ein.
Ein konkretes Beispiel ist das Luchsprojekt LIFE Lynx. Nachdem der Luchs in den Dinarischen Alpen praktisch ausgestorben war, wurden zwischen 2019 und 2024 insgesamt 17 Luchse aus Rumänien und der Slowakei angesiedelt. Das Projekt wird von der EU mit 3,6 Millionen Euro gefördert und zeigt bereits erste Erfolge: Die ersten Jungtiere wurden geboren, und die genetische Vielfalt der Population konnte gestärkt werden.
Für Österreich ist das slowenische Modell besonders relevant. Die Rückkehr von Wolf und Bär nach Österreich sorgt für kontroverse Diskussionen. Slowenien zeigt, dass ein Zusammenleben möglich ist – vorausgesetzt, alle Beteiligten ziehen an einem Strang.
Die geografische Nähe macht Slowenien zu einem wichtigen Partner für den österreichischen Tourismus. Viele österreichische Touristen nutzen slowenische Autobahnen für die Anreise nach Kroatien oder Italien, ohne das Land selbst als Reiseziel zu entdecken. Produzent Lukas Kogler von dreiD.at bestätigt: "Viele kennen Slowenien nur vom Durchfahren in den Sommerurlaub und wissen gar nicht, was sie verpassen."
Dabei bietet Slowenien für österreichische Urlauber interessante Alternativen: Die Julischen Alpen mit dem Triglav-Nationalpark, die Höhlen von Postojna und Škocjan (UNESCO-Welterbe), die Hauptstadt Ljubljana mit ihrer von Jože Plečnik geprägten Architektur und natürlich die Adriaküste um Piran.
Die "Universum"-Dokumentationsreihe des ORF läuft seit 1987 und hat sich zu einer der erfolgreichsten Naturfilmserien im deutschsprachigen Raum entwickelt. Pro Jahr entstehen etwa acht bis zehn neue Folgen, die regelmäßig Marktanteile von über 20 Prozent erreichen.
Für das Filmemacherduo Christine Sonvilla und Marc Graf ist "Slowenien – Am Puls der Wildnis" das "Universum"-Debüt. Beide bringen jedoch umfangreiche Erfahrung mit: Sonvilla ist promovierte Meeresbiologin und hat bereits mehrere Naturdokumentationen produziert. Graf ist Kameramann und Regisseur mit Schwerpunkt Wildtierfilmerei.
Die Produktion entstand als Koproduktion zwischen ORF, NDR doclights, ARTE und der österreichischen Produktionsfirma dreiD.at. Diese internationale Zusammenarbeit ermöglichte es, die aufwendigen Dreharbeiten über zwei Jahre zu finanzieren und die Dokumentation auch in Deutschland und Frankreich zu zeigen.
Die Dokumentation "Slowenien – Am Puls der Wildnis" zeigt eindrucksvoll, dass erfolgreicher Naturschutz möglich ist, wenn Politik, Wirtschaft und Bevölkerung zusammenarbeiten. Das slowenische Modell könnte Vorbild für andere europäische Länder werden, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.
Besonders relevant ist dies angesichts der aktuellen Diskussionen über die Rückkehr von Großraubtieren nach Mitteleuropa. Wolf und Bär breiten sich wieder aus, stoßen aber oft auf Widerstand. Sloweniens Erfahrungen zeigen, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist – es braucht nur den politischen Willen und die Bereitschaft aller Beteiligten, Kompromisse einzugehen.
Die Ausstrahlung am 10. März 2026 um 20.15 Uhr in ORF 2 und gleichzeitig auf ORF ON verspricht nicht nur spektakuläre Naturaufnahmen, sondern auch wichtige Impulse für die Naturschutzdiskussion in Österreich. Eine Dokumentation, die zeigt: Manchmal liegt das Paradies direkt vor der Haustür – man muss nur hinschauen.