„Am Schauplatz
Die Reportage begleitet Familien, die von Behörden im Stich gelassen wurden und jahrelang nach der Wahrheit über ihre verschwundenen Angehörigen suchten.
Am 26. Februar zeigt ORF 2 um 21.05 Uhr eine besonders bewegende Ausgabe von „Am Schauplatz". Reporterin Julia Kovarik beleuchtet zwei tragische Fälle, die exemplarisch aufzeigen, was passiert, wenn offizielle Ermittlungen ins Leere laufen und Angehörige mit quälenden Fragen alleingelassen werden.
Der Fall Jennifer Scharinger aus dem Jahr 2018 illustriert auf erschütternde Weise, wie Familien zu Ermittlern in eigener Sache werden müssen. Als die junge Frau aus ihrer Wohnung verschwindet und nur Handy, Schlüssel und Geldbörse zurücklässt, konzentrieren sich die Ermittlungen schnell auf den Exfreund. Doch trotz dringenden Tatverdachts fehlen die entscheidenden Beweise.
Nach nur einem Jahr stellen die Behörden die Ermittlungen ein – ein Schock für Mutter Brigitta Scharinger. "Da verschwindet ein Mädchen und es passiert einfach nichts. Ich hatte keine andere Möglichkeit, als Jenny selbst zu suchen", erklärt sie ihre Entscheidung, selbst aktiv zu werden.
Was folgt, ist eine acht Jahre dauernde, zermürbende Suche. Brigitta Scharinger durchkämmt systematisch den Hollabrunner Wald, überzeugt davon, dass ihre Tochter dort vergraben wurde. Mit Unterstützung eines privaten Helferkreises sammelt sie unermüdlich Hinweise und führt eigene Recherchen durch. Ihre Ausdauer wird schließlich belohnt: 2026 gesteht der Exfreund den Mord an Jennifer.
Der zweite dokumentierte Fall zeigt ähnliche Muster behördlicher Unzulänglichkeiten auf. Im Oktober 2023 verschwindet die 54-jährige Christa P. nach einer Partynacht in Linz spurlos. Ihre Kinder stehen vor dem gleichen Dilemma wie Brigitta Scharinger: Die offiziellen Ermittlungen bringen keine Ergebnisse.
Eigeninitiative wird erneut zur Notwendigkeit. Die Kinder organisieren selbstständig Suchaktionen und hoffen monatelang verzweifelt auf ein Lebenszeichen ihrer Mutter. Acht qualvolle Monate vergehen, bis ein Bekannter von Christa P. ein Geständnis ablegt.
Seine Version der Ereignisse: Christa sei nach Drogenkonsum in seiner Wohnung zusammengebrochen. Anstatt die Rettung zu rufen, habe er ihren Leichnam auf einem Acker vergraben. Für die Kinder bleibt diese Darstellung jedoch mit Zweifeln behaftet.
Besonders frustrierend für die Hinterbliebenen: Eine von ihnen geforderte Tatrekonstruktion wird von den Behörden abgelehnt. Die Staatsanwaltschaft klagt den Täter lediglich wegen Im-Stich-Lassens eines Hilfsbedürftigen und Störung der Totenruhe an – das Urteil beläuft sich auf sechs Monate Haft.
"Der Fall soll abgeschlossen sein – aber das ist keine Gerechtigkeit", bringt Sohn Michael die Enttäuschung der Familie auf den Punkt. Die milde Strafe und die ungeklärten Umstände von Christas Tod lassen die Angehörigen mit dem Gefühl zurück, dass das Justizsystem versagt hat.
Die beiden Fälle werfen grundlegende Fragen zum österreichischen Justizsystem auf. Wann sind Ermittlungen tatsächlich ausgeschöpft? Welche Ressourcen stehen für die Aufklärung von Vermisstenfällen zur Verfügung? Und welche Unterstützung erhalten Angehörige, wenn offizielle Kanäle versagen?
Die Dokumentation zeigt auf, dass Familien oft völlig auf sich allein gestellt sind, wenn Polizei und Staatsanwaltschaft Fälle als erledigt betrachten. Private Ermittlungsarbeit wird zur Notwendigkeit – mit allen damit verbundenen emotionalen, finanziellen und zeitlichen Belastungen.
Julia Kovariks Reportage macht deutlich, wie wichtig investigativer Journalismus für die Aufdeckung systemischer Schwächen ist. Medien können dort Licht ins Dunkel bringen, wo Behörden versagen oder zu früh aufgeben.
Die Geschichten von Brigitta Scharinger und der Familie von Christa P. stehen stellvertretend für viele weitere Fälle in Österreich. Sie zeigen, dass Gerechtigkeit manchmal nur durch das unermüdliche Engagement von Angehörigen erreicht wird – ein Zustand, der gesellschaftspolitische Fragen aufwirft.
Die Dokumentation könnte Anstoß für Diskussionen über notwendige Reformen geben. Bessere Betreuung von Angehörigen, längere Ermittlungszeiträume in Vermisstenfällen und verbesserte Kommunikation zwischen Behörden und Familien sind nur einige der möglichen Verbesserungsansätze.
"Alleingelassen – Wenn Angehörige nach der Wahrheit suchen müssen" ist mehr als nur eine Dokumentation – sie ist ein Appell an Politik und Gesellschaft, das Schicksal von Vermissten und ihren Familien nicht zu vergessen.
Die Sendung läuft am 26. Februar um 21.05 Uhr in ORF 2 und ist auch auf ORF ON verfügbar. Sie verspricht, wichtige gesellschaftliche Diskussionen anzustoßen und das Bewusstsein für die Situation betroffener Familien zu schärfen.