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ORF Vorarlberg diskutiert über Übergewicht: Social Media verstärkt Körperbildstörungen

18. März 2026 um 13:54
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Mehr als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung ist von Übergewicht betroffen, doch das Thema bleibt ein gesellschaftliches Tabuthema. Am 23. März 2024 um 20:00 Uhr widmet sich der ORF Vorarlb...

Mehr als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung ist von Übergewicht betroffen, doch das Thema bleibt ein gesellschaftliches Tabuthema. Am 23. März 2024 um 20:00 Uhr widmet sich der ORF Vorarlberg in einer öffentlichen Podiumsdiskussion diesem brisanten Gesundheitsthema. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die medizinische Dimension, sondern vor allem die psychosozialen Aspekte und der wachsende Einfluss von Social Media auf unser Körperbild.

Die Veranstaltung im ORF-Landesfunkhaus Dornbirn bringt hochkarätige Expertinnen zusammen, um über das "Damoklesschwert Übergewicht" zu diskutieren – ein Begriff, der die ständige Bedrohung durch gesellschaftlichen Druck und gesundheitliche Risiken metaphorisch beschreibt. Dabei geht es um weitaus mehr als nur um Kilos auf der Waage: Es geht um Diskriminierung, psychische Belastung und die Macht der Algorithmen, die unser Selbstbild prägen.

Wenn Algorithmen das Schönheitsideal bestimmen

Die moderne Medienlandschaft hat das Thema Körperbild revolutioniert. Was früher hauptsächlich durch Zeitschriften und Fernsehen vermittelt wurde, bestimmen heute komplexe Algorithmen in sozialen Netzwerken. Diese Algorithmen sind mathematische Formeln, die basierend auf unserem Nutzerverhalten entscheiden, welche Inhalte wir zu sehen bekommen. Im Kontext von Körperbildern bedeutet dies: Wer sich für Fitness oder Diäten interessiert, bekommt verstärkt "perfekte" Körper präsentiert.

Besonders problematisch wird es, wenn Künstliche Intelligenz ins Spiel kommt. KI-generierte Bilder können mittlerweile täuschend echt aussehen und zeigen Körper, die in der Realität gar nicht existieren. Diese technologisch perfektionierten Darstellungen setzen einen neuen Standard für "Normalität", der für echte Menschen unerreichbar ist. Die Folge: Das eigene Körperbild wird durch unmögliche Standards verzerrt.

Margarita Köhl von der Fachhochschule Vorarlberg wird als Expertin für KI, Social Media und Algorithmen an der Diskussion teilnehmen. Als Wissenschaftlerin beschäftigt sie sich intensiv damit, wie digitale Technologien unser Verhalten und unsere Wahrnehmung beeinflussen. Ihre Expertise ist besonders wertvoll, da sie die technischen Mechanismen hinter den sozialen Medien versteht und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft erforscht.

Übergewicht in Österreich: Zahlen und Fakten

Die Statistik Austria liefert alarmierende Zahlen: Rund 56 Prozent der österreichischen Bevölkerung über 15 Jahre sind übergewichtig oder adipös (stark übergewichtig). Bei Männern liegt der Anteil sogar bei 65 Prozent, bei Frauen bei 47 Prozent. Diese Zahlen haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten kontinuierlich verschlechtert. Während 1999 noch 44 Prozent der Bevölkerung betroffen waren, stieg der Anteil bis 2019 auf 56 Prozent an.

Vorarlberg zeigt dabei ein interessantes regionales Bild: Das westlichste Bundesland weist traditionell einen etwas niedrigeren Anteil an übergewichtigen Menschen auf als der österreichische Durchschnitt. Mit etwa 52 Prozent liegt Vorarlberg unter dem Bundesschnitt, was möglicherweise auf die ausgeprägte Sportkultur und das Bewusstsein für alpine Freizeitaktivitäten zurückzuführen ist. Dennoch bedeutet dies, dass auch hier mehr als jeder zweite Erwachsene von Gewichtsproblemen betroffen ist.

Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich: Das österreichische Gesundheitssystem trägt jährlich Kosten von mehreren Milliarden Euro, die direkt oder indirekt mit Übergewicht zusammenhängen. Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenksprobleme und psychische Belastungen durch Diskriminierung verursachen enormous Behandlungskosten und führen zu Arbeitsausfällen.

Das Geschäft mit dem Idealgewicht

Paradoxerweise floriert parallel zur Zunahme von Übergewicht ein millionenschwerer Diätmarkt. In Österreich werden jährlich etwa 300 Millionen Euro für Diätprodukte, Abnehmprogramme und Nahrungsergänzungsmittel ausgegeben. Dieser Markt lebt von der Hoffnung auf schnelle Lösungen und dem gesellschaftlichen Druck, einem bestimmten Körperideal zu entsprechen.

Viele Diättrends versprechen spektakuläre Erfolge in kürzester Zeit: Ketogene Diät, Intervallfasten, Paleo-Ernährung oder Low-Carb-Programme. Während einige dieser Ansätze durchaus wissenschaftlich fundiert sind, nutzen andere hauptsächlich den Wunsch nach rascher Veränderung aus. Der Erfolg ist oft nur temporär, was zu einem Jo-Jo-Effekt führt – einem Kreislauf aus Abnehmen und Wiederzunehmen, der psychisch besonders belastend ist.

Personal Trainerin Nina Keck wird bei der Diskussion ihre praktischen Erfahrungen einbringen. Als Fitnessspezialistin kennt sie sowohl die körperlichen als auch die mentalen Herausforderungen beim Abnehmen. Ihr Ansatz geht über reine Gewichtsreduktion hinaus und fokussiert auf nachhaltige Lifestyle-Veränderungen. Diese Perspektive ist wichtig, da sie zeigt, dass erfolgreiches Abnehmen mehr ist als nur Kalorien zählen.

Medizinische Dimensionen und Behandlungsansätze

Internistin Laura Gärtner vom Landeskrankenhaus Feldkirch vertritt die medizinische Sichtweise auf das Thema Übergewicht. Als Ärztin in einem der renommiertesten Krankenhäuser Vorarlbergs behandelt sie täglich Patienten mit gewichtsbedingten Gesundheitsproblemen. Ihre Expertise umfasst sowohl konservative Behandlungsmethoden als auch moderne Therapieansätze.

Die medizinischen Folgen von Übergewicht sind vielfältig und ernst: Diabetes mellitus Typ 2 betrifft in Österreich bereits über 600.000 Menschen, Tendenz steigend. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nach wie vor die häufigste Todesursache, und Übergewicht ist ein wesentlicher Risikofaktor. Auch Krebs, Schlafapnoe, Arthrose und Depressionen treten bei übergewichtigen Menschen häufiger auf.

Moderne Behandlungsansätze gehen weit über die klassische "Diät" hinaus. Medikamentöse Therapien mit GLP-1-Agonisten wie Semaglutid haben in den letzten Jahren revolutionäre Erfolge gezeigt. Diese Medikamente wirken auf das Sättigungsgefühl und können zu einer Gewichtsreduktion von 10-15 Prozent führen. Allerdings sind sie teuer und nicht für alle Patienten geeignet.

Bei extremem Übergewicht kommen chirurgische Eingriffe in Betracht. Magenband, Magenbypass oder Schlauchmagen-Operationen können lebensrettend sein, erfordern aber eine lebenslange Nachbetreuung und Verhaltensänderung. In Österreich werden jährlich etwa 2.000 solcher Eingriffe durchgeführt, mit steigender Tendenz.

Hormonelle Einflüsse und Wechseljahre

Ein oft unterschätzter Aspekt sind hormonelle Veränderungen, insbesondere während der Wechseljahre. Bei Frauen zwischen 45 und 55 Jahren kommt es durch den sinkenden Östrogenspiegel zu einer Umverteilung des Körperfetts. Wo früher Fett an Hüften und Oberschenkeln gespeichert wurde, lagert es sich nun vermehrt am Bauch ab – ein Bereich, der besonders gesundheitsgefährdend ist.

Diese hormonellen Veränderungen betreffen in Österreich etwa 800.000 Frauen. Viele berichten von einer Gewichtszunahme von 5-10 Kilogramm während der Wechseljahre, obwohl sie ihre Gewohnheiten nicht verändert haben. Der verlangsamte Stoffwechsel und veränderte Hormonlage machen herkömmliche Diätansätze oft wirkungslos.

Psychosoziale Belastungen und Diskriminierung

Psychotherapeutin Suzan Toplak-Inan wird die psychologischen Aspekte von Übergewicht beleuchten. Als Spezialistin für Essstörungen und Körperbildprobleme behandelt sie Menschen, die unter dem gesellschaftlichen Druck leiden. Die psychische Belastung durch Übergewicht ist oft schwerwiegender als die körperlichen Beschwerden.

Diskriminierung aufgrund des Gewichts ist in Österreich weit verbreitet, aber rechtlich wenig geschützt. Studien zeigen, dass übergewichtige Menschen bei Bewerbungen benachteiligt werden, in öffentlichen Verkehrsmitteln angestarrt werden und in der Arbeitswelt oft übersehen werden. Diese Erfahrungen führen zu einem Teufelskreis: Stress und Diskriminierung verstärken emotionales Essen, was wiederum zu weiterer Gewichtszunahme führt.

Gender- und Körperbild-Expertin Rebecca Sonnweber erforscht, wie sich gesellschaftliche Erwartungen je nach Geschlecht unterscheiden. Während bei Frauen primär das Aussehen im Vordergrund steht, werden übergewichtige Männer eher mit mangelnder Selbstdisziplin assoziiert. Beide Stereotype sind schädlich und tragen zur Stigmatisierung bei.

Kinder und Jugendliche im Fokus

Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen. Lilith Knauf, Projektleiterin bei aks gesundheit (Arbeitskreis für Vorsorgemedizin und Gesundheitsförderung in Vorarlberg), arbeitet speziell mit jungen Menschen. Die Zahlen sind alarmierend: Etwa 24 Prozent der österreichischen Kinder und Jugendlichen sind übergewichtig oder adipös.

Die Ursachen sind vielschichtig: Bewegungsmangel durch digitale Medien, veränderte Essgewohnheiten mit mehr verarbeiteten Lebensmitteln, und gesellschaftlicher Wandel hin zu weniger körperlicher Aktivität. Gleichzeitig sind Kinder und Jugendliche besonders anfällig für die perfekten Körperbilder in sozialen Medien.

Der aks als größte Gesundheitsförderungsorganisation Vorarlbergs entwickelt präventive Programme für Schulen und Familien. Diese Programme setzen nicht auf Verbote oder Diäten, sondern auf Aufklärung und die Entwicklung eines gesunden Körpergefühls. Studien zeigen, dass frühe Intervention deutlich erfolgreicher ist als spätere Behandlung.

Internationale Vergleiche und Best Practices

Im internationalen Vergleich steht Österreich nicht gut da: Mit einer Übergewichtsrate von 56 Prozent liegt das Land über dem EU-Durchschnitt von 53 Prozent. Besonders erschreckend ist der Vergleich mit Ländern wie Japan (27 Prozent) oder Südkorea (31 Prozent). Allerdings schneidet Österreich besser ab als Deutschland (67 Prozent) oder die USA (73 Prozent).

Die Schweiz als direktes Nachbarland zeigt interessante Unterschiede: Mit 42 Prozent Übergewichtigen liegt sie deutlich unter Österreich. Dies könnte auf höhere Gesundheitskosten, die direkt von den Bürgern getragen werden, sowie eine stärkere Präventionskultur zurückzuführen sein. Auch das aktivere Mobilitätsverhalten – mehr Radfahren und zu Fuß gehen – spielt eine Rolle.

Skandinavische Länder wie Norwegen und Schweden haben erfolgreiche Anti-Übergewichts-Programme entwickelt. Diese setzen auf gesamtgesellschaftliche Ansätze: Regulierung der Lebensmittelindustrie, Förderung körperlicher Aktivität in Schulen und Arbeitsplätzen, sowie Werbeverbote für ungesunde Lebensmittel, die sich an Kinder richten.

Digitale Gesundheitslösungen und Apps

Die Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten im Kampf gegen Übergewicht, birgt aber auch Risiken. Gesundheits-Apps können beim Kalorien zählen, Bewegungsprotokollierung und Motivation helfen. Gleichzeitig können sie aber auch zu obsessivem Verhalten führen und unrealistische Erwartungen schaffen.

Künstliche Intelligenz wird zunehmend für personalisierte Ernährungs- und Sportpläne eingesetzt. Diese KI-Systeme analysieren individuelle Daten wie Stoffwechseltyp, Aktivitätslevel und Vorlieben, um maßgeschneiderte Empfehlungen zu geben. Studien zeigen vielversprechende Ergebnisse, aber die Technologie steckt noch in den Kinderschuhen.

Problematisch sind jedoch die gleichen Algorithmen, die in sozialen Medien unrealistische Körperbilder verstärken. Die Herausforderung besteht darin, die positiven Aspekte der Digitalisierung zu nutzen, ohne deren negative Auswirkungen zu verstärken.

Wirtschaftliche Auswirkungen und Arbeitsmarkt

Übergewicht hat massive wirtschaftliche Auswirkungen auf die österreichische Volkswirtschaft. Die direkten Kosten durch Behandlungen belaufen sich auf etwa 2,4 Milliarden Euro jährlich. Hinzu kommen indirekte Kosten durch Arbeitsausfälle, Frühpensionierungen und reduzierte Produktivität von schätzungsweise weiteren 2 Milliarden Euro.

Am Arbeitsmarkt führt Diskriminierung aufgrund des Gewichts zu volkswirtschaftlichen Verlusten. Qualifizierte Arbeitskräfte werden übersehen, Potentiale nicht genutzt. Gleichzeitig entstehen neue Arbeitsplätze in der Gesundheits- und Fitnessbranche: Personal Trainer, Ernährungsberater, Diätassistenten und spezialisierte Ärzte sind gefragter denn je.

Die Lebensmittelindustrie reagiert mit neuen Produktlinien: "Light"-Produkte, protein-angereicherte Lebensmittel und funktionelle Nahrungsmittel erobern die Supermarktregale. Dieser Markt wächst jährlich um etwa 8 Prozent und bietet neue Geschäftsmöglichkeiten.

Zukunftsperspektiven und Lösungsansätze

Die Zukunft im Kampf gegen Übergewicht wird multidimensional sein. Technologische Innovationen wie kontinuierliche Glukosemonitoring, intelligente Küchengeräte und Virtual-Reality-Fitnesstraining werden neue Möglichkeiten schaffen. Gleichzeitig ist ein Umdenken in der Gesellschaft notwendig: weg von Stigmatisierung, hin zu Verständnis und Unterstützung.

Präventionsprogramme werden wichtiger werden als Behandlung. Schulen müssen wieder mehr Bewegung und Ernährungsbildung anbieten. Arbeitgeber können durch betriebliche Gesundheitsförderung und flexible Arbeitszeiten für Sport beitragen. Die Politik ist gefordert, regulatorische Rahmenbedingungen zu schaffen, ohne in die persönliche Freiheit einzugreifen.

Besonders vielversprechend sind individualisierte Ansätze: Genetische Tests können zeigen, welche Ernährungsformen für eine Person optimal sind. Mikrobiom-Analysen helfen dabei, die Darmflora zu verstehen und gezielt zu beeinflussen. Diese personalisierte Medizin wird in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen.

Die Rolle der Medien und Aufklärung

Die ORF-Initiative "Bewusst gesund" zeigt beispielhaft, wie Medien verantwortungsvoll mit dem Thema Übergewicht umgehen können. Statt Sensationsmache oder Stigmatisierung steht Aufklärung im Vordergrund. Die multimediale Herangehensweise – von Radio über Fernsehen bis zu digitalen Plattformen – erreicht verschiedene Zielgruppen mit altersgerechten Inhalten.

Markus Klement, Landesdirektor ORF Vorarlberg, betont den öffentlich-rechtlichen Auftrag: "Ein ORF Vorarlberg für alle" bedeutet auch, schwierige Themen ohne Vorurteile zu behandeln. Die barrierefreie Veranstaltung im Landesfunkhaus macht Expertenwissen für alle zugänglich und fördert den gesellschaftlichen Dialog.

Die Podiumsdiskussion wird live auf ORF Radio Vorarlberg übertragen und damit auch für Menschen zugänglich, die nicht vor Ort sein können. Diese Reichweite ist wichtig, denn das Thema betrifft mehr als die Hälfte der Bevölkerung – aber viele scheuen sich, öffentlich darüber zu sprechen.

Die Veranstaltung verspricht, wichtige Impulse für den Umgang mit Übergewicht in Vorarlberg und darüber hinaus zu geben. Durch die Expertise der Teilnehmerinnen und die professionelle Moderation von Ines Hergovits-Gasser werden komplexe Zusammenhänge verständlich erklärt und praktische Lösungsansätze aufgezeigt. Für Betroffene und Angehörige bietet sich die seltene Gelegenheit, direkt mit Fachleuten ins Gespräch zu kommen und Fragen zu stellen, die sie bewegen.

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