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Österreichs Landschaft vertrocknet: Experten fordern Sofortmaßnahmen

19. März 2026 um 13:47
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Während die Temperaturen steigen und Wetterextreme zunehmen, kämpft Österreichs Natur mit einem dramatischen Problem: Unsere Landschaften trocknen aus. Zum Weltwassertag am 22. März schlagen Umwelt...

Während die Temperaturen steigen und Wetterextreme zunehmen, kämpft Österreichs Natur mit einem dramatischen Problem: Unsere Landschaften trocknen aus. Zum Weltwassertag am 22. März schlagen Umweltexperten Alarm und fordern von der Politik sofortige Maßnahmen zur Stärkung des Wasserrückhalts. Die Folgen des Klimawandels sind bereits heute in heimischen Wäldern, Wiesen und Feuchtgebieten spürbar – mit weitreichenden Konsequenzen für Mensch, Tier und Wirtschaft.

Klimawandel verändert Österreichs Wasserlandschaft dramatisch

Der Umweltdachverband zeichnet ein besorgniserregendes Bild der aktuellen Situation: "Der Klimawandel führt zum Rückgang des Winterniederschlags, dazu kommt eine erhöhte Verdunstung in den warmen Monaten", erklärt Franziska Werba, Biodiversitätsexpertin im Umweltdachverband. Diese Entwicklung hat bereits heute konkrete Auswirkungen auf Österreichs Ökosysteme.

Besonders dramatisch zeigt sich die Situation in den einst wasserreichen Auenlandschaften. Diese dynamischen Systeme, die jahrhundertelang als natürliche Wasserspeicher fungierten, verlieren zunehmend ihre Lebensgrundlage. Seitenarme, die früher permanent mit den Hauptströmen verbunden waren, werden zu isolierten Altarmen und verlanden schließlich komplett. Dieser Prozess, der normalerweise über Jahrzehnte abläuft, beschleunigt sich durch den Klimawandel drastisch.

Definition: Was sind Auenlandschaften?

Auenlandschaften sind natürliche Überschwemmungsgebiete entlang von Flüssen und Bächen. Sie entstehen durch regelmäßige Hochwasserereignisse und zeichnen sich durch eine einzigartige Mischung aus Wasserflächen, Feuchtwiesen und Auenwäldern aus. Diese Ökosysteme fungieren als natürliche Wasserspeicher und Hochwasserschutz, indem sie bei Überschwemmungen große Wassermengen aufnehmen und langsam wieder abgeben. Gleichzeitig sind sie Lebensraum für hochspezialisierte Tier- und Pflanzenarten, die auf den regelmäßigen Wechsel zwischen Überflutung und Trockenheit angewiesen sind. In Österreich waren ursprünglich etwa 600.000 Hektar Auenlandschaften vorhanden, heute sind nur noch etwa 15 Prozent davon in naturnahem Zustand erhalten.

Bedrohte Tierarten: Vom Kammloch bis zum Feuersalamander

Die fortschreitende Austrocknung der Landschaft hat verheerende Folgen für die heimische Tierwelt. Besonders betroffen sind Amphibien wie der Kammloch und der Feuersalamander, die auf stabile Wasserlebensräume für ihre Fortpflanzung angewiesen sind. Diese Lurche benötigen spezielle Laichgewässer, die über mehrere Monate im Jahr wassergefüllt bleiben müssen, damit sich ihre Larven vollständig entwickeln können.

Der Kammloch, Österreichs größter heimischer Wassermolch, gilt bereits heute in mehreren Bundesländern als gefährdet. Die Art benötigt größere, permanente Gewässer mit reichlicher Unterwasservegetation. Wenn diese Tümpel und Teiche austrocknen, verliert der Kammloch nicht nur seine Fortpflanzungsplätze, sondern auch seine Überwinterungsquartiere.

Auch wasserlebende Insekten leiden massiv unter der Trockenheit. Libellen, Wasserläufer und Gelbrandkäfer sind auf aquatische Lebensräume angewiesen. Ihre Larven entwickeln sich ausschließlich im Wasser, und viele Arten benötigen mehrere Jahre für ihre vollständige Entwicklung. Trocknen ihre Lebensräume aus, bricht die gesamte Fortpflanzungskette zusammen.

Fischsterben und Vogelrückgang als Warnsignale

Nicht nur kleine Gewässertiere sind betroffen – auch Fischbestände in Bächen und Flüssen leiden unter sinkenden Wasserständen und steigenden Temperaturen. In den Sommermonaten 2023 registrierten Behörden in mehreren österreichischen Bundesländern Fischsterben aufgrund von Sauerstoffmangel und Überhitzung in zu niedrigen Gewässern.

Wasservögel wie Reiher, Eisvögel und verschiedene Entenarten verlieren ebenfalls ihre Lebensgrundlage. Sie sind nicht nur auf Wasser zum Trinken angewiesen, sondern benötigen auch die Nahrung, die aquatische Ökosysteme bieten – von Fischen über Insektenlarven bis hin zu Wasserpflanzen.

Österreich im Vergleich: Situation in den Nachbarländern

Die Problematik der austrocknenden Landschaften beschränkt sich nicht nur auf Österreich. In Deutschland kämpfen insbesondere die östlichen Bundesländer Brandenburg und Sachsen-Anhalt mit dramatischen Grundwasserrückgängen. Der Spreewald, ein UNESCO-Biosphärenreservat, verzeichnete in den letzten Jahren historische Tiefststände. Die deutsche Bundesregierung hat bereits 2021 ein nationales Hochwasserschutzprogramm mit einem Volumen von 1,5 Milliarden Euro aufgelegt, das explizit auch Maßnahmen zum Wasserrückhalt in der Fläche fördert.

In der Schweiz setzt man verstärkt auf innovative Konzepte wie "Schwammlandschaften" – Gebiete, die durch gezielte Renaturierung große Wassermengen speichern können. Das Bundesamt für Umwelt investiert jährlich etwa 40 Millionen Schweizer Franken in entsprechende Projekte. Besonders erfolgreich sind dabei Programme zur Wiedervernässung von Mooren und zur Schaffung von Retentionsflächen in Bergregionen.

Konkrete Auswirkungen auf Österreichs Bürger und Wirtschaft

Die Austrocknung der Landschaft betrifft nicht nur die Natur, sondern hat direkte Konsequenzen für die österreichische Bevölkerung und Wirtschaft. Land- und Forstwirte spüren die Veränderungen bereits heute schmerzhaft in ihren Bilanzen. Trockenheitsstress führt zu Ernteausfällen bei Getreide, Mais und anderen Feldfrüchten. Die österreichische Landwirtschaftskammer bezifferte die Schäden durch Dürre im Jahr 2023 auf über 200 Millionen Euro.

Besonders dramatisch zeigt sich die Situation in der Forstwirtschaft. Trockenstress schwächt Bäume und macht sie anfälliger für Schädlinge wie den Borkenkäfer. Allein in Oberösterreich mussten 2023 über eine Million Kubikmeter Schadholz aufgearbeitet werden – ein Rekordwert, der hauptsächlich auf Trockenheitsschäden zurückzuführen ist.

Wasserknappheit bedroht Trinkwasserversorgung

Auch die Trinkwasserversorgung gerät zunehmend unter Druck. Kleinere Gemeinden in Niederösterreich und dem Burgenland mussten bereits Wasserspartage verhängen oder temporäre Lieferungen organisieren. Die Situation verschärft sich besonders in Regionen, die stark auf Grundwasser angewiesen sind, da die natürliche Grundwasserneubildung durch fehlende Niederschläge und erhöhte Verdunstung abnimmt.

Der Tourismus, eine wichtige Säule der österreichischen Wirtschaft, leidet ebenfalls unter den Folgen. Austrocknende Seen und Bäche beeinträchtigen die Attraktivität von Erholungsgebieten. Gleichzeitig steigt das Risiko von Waldbränden, was zu Sperrungen beliebter Wandergebiete führt und die touristische Nutzung einschränkt.

Naturbasierter Wasserrückhalt als Lösungsansatz

Kurt Lichtenwöhrer, Biodiversitätsexperte im Umweltdachverband, sieht in naturbasierten Lösungen den Schlüssel zur Bewältigung der Krise. "In Anbetracht des Klimawandels und der Biodiversitätskrise geht es darum, das Wasser bestmöglich in unserer Landschaft zu halten und den Erhalt und die Renaturierung von Feuchtflächen wie Feuchtwiesen, Auen, Tümpel oder Bachläufe zu fördern", erklärt der Experte.

Naturbasierte Lösungen umfassen eine Vielzahl von Maßnahmen, die darauf abzielen, natürliche Ökosysteme zu stärken oder wiederherzustellen, um deren Wasserretentionskapazität zu erhöhen. Dazu gehören die Renaturierung von Moorflächen, die Schaffung von Retentionsteichen, die Anlage von Versickerungsmulden und die Wiederherstellung natürlicher Überflutungsgebiete.

Erfolgreiche Beispiele aus der Praxis

Bereits heute gibt es in Österreich erfolgreiche Pilotprojekte, die zeigen, wie naturbasierter Wasserrückhalt funktionieren kann. Im Nationalpark Donau-Auen wurden in den letzten Jahren mehrere Altarme wieder an die Donau angeschlossen, wodurch wertvolle Laichhabitate für Fische entstanden und gleichzeitig die Hochwassersicherheit verbessert wurde.

In Vorarlberg setzt man auf innovative Konzepte wie "Sponge Villages" – Gemeinden, die durch gezielte Begrünung und Entsiegelung zu natürlichen Wasserspeichern werden. Dächer werden begrünt, Parkplätze wasserdurchlässig gestaltet und in Parks Mulden angelegt, die Regenwasser sammeln und langsam versickern lassen.

Politische Forderungen und notwendige Maßnahmen

Der Umweltdachverband fordert von der Politik konkrete und schnelle Maßnahmen. Im Zentrum steht die Forderung nach einem "neudotierten Fonds für Wiederherstellung", der gezielt Projekte zur Renaturierung und zum Wasserrückhalt finanziert. Ein solcher Fonds könnte nach dem Vorbild des deutschen Hochwasserschutzprogramms oder des Schweizer Gewässerrevitalisierungsprogramms gestaltet werden.

"Dürren und Überschwemmungen kennen keine Felder- oder Waldgrenzen. Die Auswirkungen des Klimawandels treffen uns alle", betont Lichtenwöhrer. Deshalb sei es notwendig, alle Akteure an einen Tisch zu bringen und Kooperationen zwischen Wasser-, Land- und Forstwirtschaft zu fördern.

Europäische Dimension der Herausforderung

Auf EU-Ebene gibt es bereits erste Ansätze zur Lösung des Problems. Die Europäische Kommission hat im Rahmen des European Green Deal die EU-Biodiversitätsstrategie 2030 verabschiedet, die unter anderem die Wiederherstellung von 25.000 Kilometern Fließgewässern und die Renaturierung von Feuchtgebieten vorsieht. Österreich könnte von entsprechenden EU-Fördermitteln profitieren, muss aber auch nationale Kofinanzierungen bereitstellen.

Das geplante EU-Naturwiederherstellungsgesetz (Nature Restoration Law) könnte weitere Impulse geben, steht aber noch unter politischer Diskussion. Es sieht vor, dass EU-Mitgliedstaaten bis 2030 mindestens 20 Prozent ihrer Land- und Meeresflächen unter Wiederherstellungsmaßnahmen stellen müssen.

Innovative Technologien und traditionelles Wissen kombinieren

Moderne Technologien können traditionelle Bewirtschaftungsmethoden ergänzen und den Wasserrückhalt optimieren. Satellitendaten und KI-gestützte Systeme ermöglichen es, Feuchtgebiete präzise zu überwachen und frühzeitig Trockenheitsstress zu erkennen. Drohnentechnik kann bei der Planung von Renaturierungsmaßnahmen helfen, indem sie detaillierte Geländemodelle erstellt.

Gleichzeitig gewinnt traditionelles Wissen wieder an Bedeutung. Alte Bewirtschaftungspraktiken wie Wässerwiesen oder Terassenlandschaften zeigen, wie frühere Generationen erfolgreich mit Wasser hausgehalten haben. Diese Methoden lassen sich mit modernen Erkenntnissen kombinieren und an heutige Bedingungen anpassen.

Herausforderungen bei der Umsetzung

Trotz der dringenden Notwendigkeit stehen der Umsetzung naturbasierter Lösungen verschiedene Hindernisse im Weg. Eigentumsrechtliche Fragen erschweren oft großflächige Renaturierungsprojekte, da viele der betroffenen Flächen in privatem Besitz sind. Hier sind innovative Finanzierungsinstrumente und Anreizsysteme notwendig, um Landwirte und Waldbesitzer zur Teilnahme zu motivieren.

Auch fehlendes Bewusstsein in der Bevölkerung kann Projekte verzögern. Viele Menschen verstehen nicht, warum scheinbar "unproduktive" Feuchtflächen wichtiger sein sollen als intensiv bewirtschaftete Agrarflächen. Hier ist verstärkte Aufklärungsarbeit notwendig, um die langfristigen ökonomischen und ökologischen Vorteile naturbasierter Lösungen zu vermitteln.

Zukunftsperspektiven: Was kommt auf Österreich zu?

Klimamodelle zeigen, dass sich die Situation in den kommenden Jahrzehnten weiter verschärfen wird. Bis 2050 rechnen Experten mit einem weiteren Anstieg der Durchschnittstemperaturen um 1,5 bis 2 Grad Celsius in Österreich. Gleichzeitig werden Extremwetterereignisse häufiger und intensiver auftreten.

Ohne geeignete Gegenmaßnahmen droht ein Teufelskreis: Austrocknende Böden können weniger Wasser speichern, was zu noch stärkerer Austrocknung führt. Gleichzeitig steigt das Risiko von Sturzfluten, da ausgetrocknete Böden Regenwasser schlechter aufnehmen können.

Andererseits bieten die aktuellen Herausforderungen auch Chancen für innovative Lösungen und neue Wirtschaftszweige. "Green Jobs" im Bereich Gewässerrevitalisierung und Landschaftspflege könnten entstehen. Ökotourismus rund um renaturierte Feuchtgebiete kann neue Einkommensquellen schaffen.

Internationaler Wissenstransfer als Erfolgsfaktor

Österreich kann von internationalen Erfahrungen profitieren. Die Niederlande gelten als Vorreiter beim Umgang mit Wasserextremen und haben innovative Konzepte wie "Room for the River" entwickelt. Dabei werden Flüssen bewusst mehr Raum gegeben, um Hochwasser zu vermeiden und gleichzeitig Ökosysteme zu stärken.

Israel hat trotz seiner Lage in einer ariden Zone Technologien entwickelt, um jeden Tropfen Wasser optimal zu nutzen. Tröpfchenbewässerung, Entsalzungsanlagen und Wasserrecycling könnten auch für Österreich in trockenen Regionen relevant werden.

Aktuelle Projekte des Umweltdachverbands wie "Wasser. Wald. Biodiversität" und "Wasser, Landwirtschaft und Lebensräume" zeigen bereits heute, wie interdisziplinäre Zusammenarbeit funktionieren kann. Diese Initiativen könnten als Blaupause für größere, österreichweite Programme dienen.

Die Zeit drängt: Jedes Jahr ohne konsequente Maßnahmen zum Wasserrückhalt verschärft die Problematik und macht spätere Lösungen teurer und aufwändiger. Österreich steht vor der Wahl, ob es die Herausforderung des Klimawandels proaktiv angeht oder reaktiv auf immer dramatischere Krisen reagiert. Die Expertise und die Lösungsansätze sind vorhanden – jetzt braucht es den politischen Willen und die gesellschaftliche Unterstützung für ihre Umsetzung.

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