Neuer Trendreport zeigt strukturelle Probleme trotz Rekordbuchungen – Winter wird zum Risikofaktor
Die heimische Hotellerie kämpft trotz hoher Auslastung mit sinkender Wertschöpfung. Ein aktueller Report zeigt, warum 2026 zum Jahr der strategischen Entscheidungen wird.
Die österreichische Hotelbranche steht vor einem Paradoxon: Die Zimmer sind gut gebucht, die Gäste kommen in Scharen – doch unter dem Strich bleibt bei vielen Betrieben immer weniger übrig. Der neue Markt- und Trendreport der Prodinger Tourismusberatung zeichnet ein ernüchterndes Bild einer Branche, die 2026 nicht etwa vor einem Aufschwung steht, sondern vor grundlegenden Weichenstellungen.
Was auf den ersten Blick nach einem florierenden Tourismusjahr aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als komplexe Herausforderung. Die Ursache für die angespannte Ertragslage vieler Hotelbetriebe liegt laut dem aktuellen Report nicht in mangelnder Nachfrage. Vielmehr handelt es sich um eine strukturelle Verschiebung, die Kosten, Erträge und die traditionelle saisonale Abhängigkeit gleichermaßen betrifft.
Für viele Hoteliers bedeutet das eine unbequeme Wahrheit: Die bisherigen Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr so wie früher. Steigende Betriebskosten, veränderte Gästeerwartungen und eine fundamentale Transformation des Wintertourismus zwingen die Branche zum Umdenken. Wer 2026 erfolgreich sein will, muss mehr tun als nur an einzelnen Stellschrauben zu drehen.
Besonders dramatisch zeigt sich der Wandel im österreichischen Wintertourismus – traditionell das wirtschaftliche Rückgrat vieler alpiner Regionen. Was über Jahrzehnte als sichere Einnahmequelle galt, entwickelt sich zunehmend zum kalkulatorischen Unsicherheitsfaktor.
Die Gründe dafür sind vielschichtig: Die technische Beschneiung wird immer teurer, während gleichzeitig die Planungssicherheit schwindet. Der Klimawandel macht sich bemerkbar, schneesichere Wochen werden weniger vorhersehbar. Hinzu kommt eine besorgniserregende Konzentration der Wertschöpfung auf immer weniger Hochwinterwochen. Die Schulferien und Feiertage rund um Weihnachten und Februar bringen zwar volle Häuser, aber die Nebensaison wird länger und weniger profitabel.
Thomas Reisenzahn, Geschäftsführer der Prodinger Tourismusberatung, bringt die Entwicklung auf den Punkt: „Der Winter ist für viele Regionen nicht mehr automatisch der wirtschaftliche Stabilitätsfaktor, der er lange war. Diese veränderte Risikobewertung fließt immer stärker in Finanzierungs- und Investitionsentscheidungen ein."
Diese Einschätzung hat weitreichende Konsequenzen. Banken prüfen Kreditanträge für Wintersportdestinationen kritischer, Investoren wägen ihre Entscheidungen sorgfältiger ab, und auch Förderstellen berücksichtigen das veränderte Risikoprofil zunehmend in ihren Bewertungen. Für Hotelbetriebe, die auf Finanzierungen oder Investitionen angewiesen sind, bedeutet das erschwerte Bedingungen.
Während der Winter an Strahlkraft verliert, erlebt der Sommertourismus in vielen alpinen Regionen einen regelrechten Aufschwung. Die Nächtigungszahlen liegen vielerorts bereits über dem Niveau von 2019 – dem letzten Vor-Corona-Jahr und bisherigen Benchmark für touristische Erfolge.
Doch auch hier offenbart der Trendreport eine unbequeme Wahrheit: Das mengenmäßige Wachstum schlägt sich wirtschaftlich nicht entsprechend nieder. Die Betriebe verzeichnen zwar mehr Gäste, aber die Margen bleiben unter Druck. Die Ursache dafür liegt in einem strukturellen Problem, das die Branchenexperten als „Winter-DNA im Sommerbetrieb" bezeichnen.
Was ist damit gemeint? Die meisten alpinen Hotels haben ihre gesamte Betriebs- und Kostenstruktur über Jahre und Jahrzehnte auf die ertragreiche Wintersaison ausgerichtet. Personal wurde für den Winter rekrutiert, Investitionen auf Wintergäste zugeschnitten, Preismodelle an der Winterhochsaison orientiert. Diese Struktur lässt sich nicht einfach auf den Sommer übertragen.
Konkret bedeutet das: Selbst wenn im Sommer mehr Gäste kommen, entstehen Kosten, die auf ein anderes Geschäftsmodell zugeschnitten sind. Die Personalstruktur passt nicht optimal, die Infrastruktur ist teilweise überdimensioniert, die Preise können nicht im gleichen Maß wie im Winter angehoben werden. Das Ergebnis ist ein struktureller Margendruck, der sich trotz steigender Nachfrage nicht auflösen lässt.
Für die Zukunft bedeutet das: Hotels müssen ihre Geschäftsmodelle grundlegend überdenken. Eine simple Verlagerung des Fokus vom Winter auf den Sommer reicht nicht aus. Vielmehr braucht es neue Konzepte, die beiden Saisonen gerecht werden – oder eine bewusste Spezialisierung auf eine Jahreszeit mit entsprechend angepasster Kostenstruktur.
Neben den strukturellen Verschiebungen auf der Angebotsseite verändern sich auch die Erwartungen der Gäste fundamental. Der Trendreport stellt klar: Die Zahlungsbereitschaft der Urlauber ist grundsätzlich erhalten geblieben. Wer Qualität bietet, kann nach wie vor angemessene Preise verlangen.
Doch die Spielregeln haben sich verschoben. Moderne Reisende haben andere Prioritäten als noch vor einigen Jahren. Sie erwarten in erster Linie, dass ihre Reise reibungslos funktioniert. Klare Strukturen, verlässliche Abläufe und sofort erlebbarer Mehrwert stehen im Vordergrund. Komplexe Angebotswelten mit unzähligen Optionen und Zusatzleistungen verlieren hingegen an Attraktivität.
Marco Riederer, Co-Geschäftsführer der Prodinger Tourismusberatung, fasst die Entwicklung zusammen: „Wir sehen keinen Nachfragerückgang, sondern veränderte Spielregeln. Gäste erwarten funktionierende Systeme, klare Abläufe und eine hohe Verlässlichkeit – und nicht immer neue Zusatzangebote."
Diese Entwicklung hat Konsequenzen für die Hotelkonzeption. Die Zeit der immer aufwendigeren Erlebnisinszenierungen neigt sich dem Ende zu. Statt noch mehr Wellness-Bereiche, noch exotischere Restaurants oder noch spektakulärere Events wünschen sich viele Gäste schlicht funktionierende Basics: ein sauberes, komfortables Zimmer, ein zuverlässiges WLAN, ein gutes Frühstück und einen unkomplizierten Check-in.
Für Hoteliers bedeutet das ein Umdenken. Statt in immer neue Attraktionen zu investieren, sollten sie ihre bestehenden Angebote perfektionieren. Operative Exzellenz – also die fehlerfreie Ausführung aller Standardprozesse – wird wichtiger als kreative Zusatzideen. Wer seine Kernleistung beherrscht und verlässlich liefert, hat am Markt bessere Karten als der, der mit halbgaren Innovationen experimentiert.
Der Strukturwandel in der Hotellerie zeigt sich auch in den Konzepten, die sich am Markt durchsetzen. Der Trendreport identifiziert einen klaren Gewinner: wirtschaftlich robuste Budget-, Economy- und funktionale Lifestyle-Konzepte.
Diese Hoteltypen haben gemeinsam, dass sie auf klare Produktkerne setzen statt auf breite Angebotspaletten. Sie definieren genau, was sie bieten – und was nicht. Diese Fokussierung ermöglicht effiziente Prozesse und eine schlanke Kostenstruktur. Das Ergebnis sind Betriebe, die auch in schwierigen Marktphasen profitabel arbeiten können.
Auch auf dem Hotelimmobilienmarkt zeigen sich die Auswirkungen der strukturellen Veränderungen. Nach turbulenten Jahren stabilisiert sich die Lage vorsichtig – allerdings mit veränderten Vorzeichen. Neue Großprojekte und spektakuläre Neubauten stehen nicht mehr im Fokus der Investoren.
Stattdessen konzentriert sich das Interesse auf drei Bereiche:
Diese Entwicklung spiegelt die allgemeine Vorsicht der Branche wider. In unsicheren Zeiten setzen Investoren auf Bestandsoptimierung statt auf riskante Neuprojekte.
Der Trendreport lässt keinen Zweifel daran, dass 2026 kein Jahr für kleinschrittige Anpassungen oder kosmetische Korrekturen sein wird. Die strukturellen Verschiebungen sind zu fundamental, als dass sie mit oberflächlichen Maßnahmen bewältigt werden könnten.
Stattdessen fordert der Report Hoteliers auf, drei zentrale Bereiche ihrer Betriebe konsequent zu hinterfragen:
Viele Hotels operieren mit Kostenstrukturen, die aus einer anderen Zeit stammen. Personal, Infrastruktur und Betriebsabläufe sind auf Geschäftsmodelle ausgerichtet, die heute nicht mehr funktionieren. Eine ehrliche Analyse der Kostenstruktur und der Mut zu Veränderungen sind unerlässlich.
Die traditionelle Aufteilung in Winter- und Sommersaison muss hinterfragt werden. Welche Saison ist für den eigenen Betrieb wirklich profitabel? Wo liegen Chancen, wo Risiken? Diese Fragen müssen ohne nostalgische Verklärung der Vergangenheit beantwortet werden.
In einem härter werdenden Markt können nur Betriebe bestehen, die ein klares Profil haben. Die Zeit der „Alles für jeden"-Hotels neigt sich dem Ende zu. Strategische Fokussierung – auch wenn sie schmerzhaft ist – wird zum Überlebensfaktor.
Der Markt- und Trendreport 2026 zeichnet ein differenziertes Bild der österreichischen Hotellerie. Die gute Nachricht: Die Nachfrage ist stabil, die Gäste kommen weiterhin gerne nach Österreich. Die herausfordernde Nachricht: Die strukturellen Rahmenbedingungen haben sich so stark verändert, dass viele traditionelle Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren.
Für Hoteliers bedeutet das: 2026 wird zum Jahr der strategischen Entscheidungen. Wer jetzt die richtigen Weichen stellt, seine Kostenstruktur anpasst, seine Saisonabhängigkeit reduziert und sein Angebot fokussiert, kann gestärkt aus der Transformation hervorgehen. Wer hingegen auf ein Zurück zur alten Normalität hofft, riskiert den Anschluss zu verlieren.
Die österreichische Hotellerie steht nicht vor dem Untergang – aber vor einer grundlegenden Neuausrichtung. Wie gut die Branche diese Transformation meistert, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Der Trendreport liefert dafür zumindest eine wichtige Grundlage: eine ehrliche Bestandsaufnahme der aktuellen Situation und klare Handlungsempfehlungen für die Zukunft.