Zum Weltgesundheitstag am 7. April 2024 rückt ein beunruhigender Trend in den Fokus: Österreichs einst stolzes Gesundheitssystem zeigt deutliche Schwächen. Rudolf Silvan, Gesundheitssprecher der SP...
Zum Weltgesundheitstag am 7. April 2024 rückt ein beunruhigender Trend in den Fokus: Österreichs einst stolzes Gesundheitssystem zeigt deutliche Schwächen. Rudolf Silvan, Gesundheitssprecher der SPÖ, warnt vor einer zunehmenden Zwei-Klassen-Medizin und stützt sich dabei auf aktuelle OECD-Daten, die eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung belegen. Die internationale Organisation kritisiert das sogenannte "wait or pay"-Prinzip, bei dem Patienten entweder lange warten oder selbst zahlen müssen.
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist eine internationale Wirtschaftsorganisation mit 38 Mitgliedstaaten, die regelmäßig Gesundheitssysteme analysiert und bewertet. In ihrem aktuellen Gesundheitsbericht zeichnet sie ein düsteres Bild der österreichischen Situation: 16,5 Prozent der Gesundheitsausgaben müssen bereits privat finanziert werden – ein Wert, der deutlich über dem EU-Durchschnitt von etwa 13 Prozent liegt. Diese Entwicklung bedeutet konkret, dass Österreicherinnen und Österreicher zunehmend aus eigener Tasche für medizinische Leistungen aufkommen müssen, die früher von der öffentlichen Hand abgedeckt waren.
Das "wait or pay"-Prinzip beschreibt ein Phänomen, bei dem Patienten vor der Wahl stehen: entweder monatelang auf einen Termin beim Facharzt warten oder eine Privatordination aufsuchen und die Kosten selbst tragen. Diese Entwicklung untergräbt das Grundprinzip eines solidarischen Gesundheitssystems, in dem der Zugang zur Behandlung nicht vom Geldbeutel abhängen sollte.
Österreichs Gesundheitssystem galt jahrzehntelang als Vorzeigeprojekt. Nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut, basierte es auf dem Prinzip der Sozialversicherung und garantierte allen Bürgern unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Situation Zugang zu hochwertiger medizinischer Versorgung. Die gesetzliche Krankenversicherung wurde schrittweise ausgebaut, und bis in die 1990er Jahre hinein war Österreich international für sein effizientes und gerechtes Gesundheitssystem bekannt.
Die ersten Risse im System zeigten sich bereits in den frühen 2000er Jahren, als der demografische Wandel und steigende Behandlungskosten den Druck auf das System erhöhten. Die Einführung der e-card im Jahr 2005 sollte ursprünglich administrative Abläufe vereinfachen und Kosten senken. Doch parallel dazu begannen sich Wartezeiten zu verlängern, und immer mehr Menschen sahen sich gezwungen, private Zusatzversicherungen abzuschließen oder Behandlungen selbst zu finanzieren.
Besonders dramatisch hat sich die Situation seit 2017 entwickelt, als verschiedene Regierungskoalitionen ohne sozialdemokratische Beteiligung das Gesundheitsressort übernahmen. In dieser Zeit wurden Sparmaßnahmen implementiert, die langfristige Auswirkungen auf die Versorgungsqualität hatten.
Ein Kernproblem des österreichischen Gesundheitssystems ist der akute Personalmangel. Dieser betrifft nicht nur Ärzte, sondern auch Pflegekräfte und weiteres medizinisches Personal. Die Gründe für diesen Mangel sind vielfältig: Einerseits führen demografische Veränderungen dazu, dass mehr ältere Menschen medizinische Versorgung benötigen, andererseits macht die hohe Arbeitsbelastung im Gesundheitswesen viele Berufe unattraktiv.
Besonders gravierend ist die Situation bei den Kassenärzten. Viele Ordinationen werden nicht nachbesetzt, wenn Ärzte in Pension gehen, da die Arbeitsbedingungen und die Vergütung im Kassensystem als unattraktiv empfunden werden. Dies führt zu einer Spirale: Weniger Kassenärzte bedeuten längere Wartezeiten, was wiederum mehr Patienten dazu veranlasst, Privatärzte aufzusuchen.
Die Situation ist regional sehr unterschiedlich. Während in städtischen Gebieten wie Wien, Graz oder Salzburg die Versorgung noch relativ dicht ist, kämpfen ländliche Regionen zunehmend mit einer Unterversorgung. In manchen Gemeinden gibt es keinen einzigen Allgemeinmediziner mehr, was besonders für ältere Menschen problematisch ist, die nicht einfach in die nächste Stadt fahren können.
Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass Österreich seinen einstigen Spitzenplatz verloren hat. Deutschland investiert beispielsweise deutlich mehr in die Digitalisierung des Gesundheitswesens und hat das Problem der Terminvergabe durch Online-Plattformen teilweise gelöst. Die Schweiz, obwohl mit einem anderen Finanzierungsmodell, gewährleistet durch strenge Regulierung eine gleichmäßige Versorgung in Stadt und Land.
Skandinavische Länder wie Dänemark oder Schweden haben durch konsequente Investitionen in Primärversorgungszentren eine bessere Verteilung der medizinischen Versorgung erreicht. Diese Zentren, in denen mehrere Ärzte verschiedener Fachrichtungen sowie Therapeuten und Pflegepersonal zusammenarbeiten, haben sich als effizientes Modell erwiesen, um sowohl die Qualität als auch die Zugänglichkeit der Versorgung zu verbessern.
Frankreich hat durch sein System der "Secteur 1" und "Secteur 2" Ärzte einen kontrollierten Rahmen für private Zusatzhonorare geschaffen, ohne das Grundprinzip der solidarischen Finanzierung aufzugeben. Dieses Modell könnte auch für Österreich interessant sein, um Anreize für Ärzte zu schaffen, im Kassensystem zu bleiben, ohne die Zwei-Klassen-Medizin zu fördern.
Die Verschlechterung des Gesundheitssystems trifft nicht alle Bevölkerungsgruppen gleich hart. Besonders betroffen sind Menschen mit geringem Einkommen, die sich private Zusatzversicherungen oder Selbstzahler-Behandlungen nicht leisten können. Eine Studie der Arbeiterkammer zeigt, dass bereits jeder fünfte Österreicher schon einmal eine notwendige medizinische Behandlung aufgrund der Kosten verschoben oder ganz darauf verzichtet hat.
Konkrete Beispiele aus dem Alltag illustrieren das Problem: Eine MRT-Untersuchung kann im öffentlichen System Wartezeiten von drei bis sechs Monaten haben, während private Anbieter binnen weniger Tage einen Termin anbieten – allerdings zu Kosten von 300 bis 800 Euro. Ein Termin beim Hautarzt ist über das Kassensystem oft erst nach vier bis sechs Monaten verfügbar, während Privatordinationen kurzfristige Termine anbieten.
Für chronisch Kranke ist die Situation besonders belastend. Diabetiker berichten von langen Wartezeiten bei Augenärzten für notwendige Kontrolluntersuchungen. Krebspatienten müssen teilweise wochenlang auf Nachsorgeuntersuchungen warten, was nicht nur psychisch belastend ist, sondern auch medizinisch problematisch sein kann.
Die steigenden privaten Gesundheitsausgaben belasten österreichische Haushalte zunehmend. Laut Statistik Austria geben Haushalte im Durchschnitt bereits 3,8 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Gesundheit aus – Tendenz steigend. Besonders trifft dies Familien mit Kindern, da auch in der Kinder- und Jugendmedizin die Wartezeiten gestiegen sind.
Private Zusatzversicherungen boomen entsprechend. Die Zahl der Österreicher mit einer privaten Krankenversicherung ist in den letzten fünf Jahren um 15 Prozent gestiegen. Doch auch diese Versicherungen werden teurer: Die Prämien steigen jährlich um durchschnittlich 5 bis 8 Prozent, was sie für viele Menschen unerschwinglich macht.
Die SPÖ präsentiert mit dem Slogan "e-card statt Kreditkarte" einen Gegenentwurf zur aktuellen Entwicklung. Dieses Konzept zielt darauf ab, das ursprüngliche Prinzip der solidarischen Krankenversicherung zu stärken und den Zugang zu medizinischen Leistungen wieder unabhängig von der wirtschaftlichen Situation zu machen.
Konkret schlägt die Partei vor, 500 Millionen Euro jährlich durch einen Gesundheitsreformfonds zusätzlich in das System zu investieren. Diese Mittel sollen vor allem für die Aufstockung der Kassenarztstellen und den Ausbau von Primärversorgungszentren verwendet werden. Primärversorgungszentren sind moderne Gesundheitseinrichtungen, in denen Allgemeinmediziner, Fachärzte und andere Gesundheitsberufe unter einem Dach zusammenarbeiten und erweiterte Öffnungszeiten anbieten.
Der vorgeschlagene "Pakt gegen die Zwei-Klassen-Medizin" für 2026 soll alle politischen Kräfte und Sozialpartner an einen Tisch bringen, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Ähnliche Ansätze haben in anderen europäischen Ländern bereits Erfolg gezeigt, wo überparteiliche Kommissionen langfristige Gesundheitsstrategien entwickelt haben.
Die Finanzierung zusätzlicher Investitionen ins Gesundheitssystem ist jedoch keine einfache Aufgabe. Österreich steht unter dem Druck der EU-Defizitkriterien und muss gleichzeitig in anderen Bereichen wie Klimaschutz, Bildung und Digitalisierung investieren. Die Frage, woher die 500 Millionen Euro für den Gesundheitsreformfonds kommen sollen, bleibt weitgehend unbeantwortet.
Zudem ist das österreichische Gesundheitssystem komplex organisiert, mit Zuständigkeiten die zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherung aufgeteilt sind. Reformen erfordern daher oft langwierige Verhandlungen zwischen verschiedenen Akteuren mit unterschiedlichen Interessen.
Ein weiteres Problem ist der Ärztemangel, der sich nicht kurzfristig lösen lässt. Die Ausbildung von Medizinern dauert mindestens sechs Jahre, die Facharztausbildung weitere drei bis sechs Jahre. Selbst wenn heute die Studienplätze massiv aufgestockt würden, kämen die zusätzlichen Ärzte frühestens in einem Jahrzehnt im System an.
Andere Länder haben innovative Wege gefunden, um ihre Gesundheitssysteme zu stärken. Die Niederlande haben beispielsweise durch die Einführung von "Nurse Practitioners" – hochqualifizierten Pflegekräften mit erweiterten Kompetenzen – die Versorgung verbessert, ohne nur auf mehr Ärzte zu setzen. Diese Fachkräfte können bestimmte medizinische Aufgaben übernehmen und so Ärzte entlasten.
Estland hat durch konsequente Digitalisierung Wartezeiten reduziert und die Effizienz des Systems gesteigert. Über eine zentrale Online-Plattform können Patienten Termine vereinbaren, Befunde einsehen und mit Ärzten kommunizieren. Solche technologischen Lösungen könnten auch in Österreich helfen, das System zu modernisieren.
Experten sind sich einig, dass ohne grundlegende Reformen eine weitere Verschlechterung des österreichischen Gesundheitssystems wahrscheinlich ist. Der demografische Wandel wird sich in den nächsten Jahren noch verstärken: Bis 2030 wird die Zahl der über 65-Jährigen um etwa 20 Prozent steigen, was eine entsprechend höhere Nachfrage nach medizinischen Leistungen bedeutet.
Gleichzeitig gehen viele erfahrene Ärzte in den nächsten Jahren in Pension. Ohne massive Anstrengungen bei der Nachwuchsgewinnung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen wird sich der Personalmangel weiter verschärfen. Prognosen gehen davon aus, dass bis 2030 etwa 1.500 zusätzliche Allgemeinmediziner und 2.000 Fachärzte benötigt werden, nur um den aktuellen Standard zu halten.
Die Kosten des Gesundheitssystems werden weiter steigen. Neue, teure Therapien, insbesondere in der Krebsbehandlung und bei seltenen Erkrankungen, belasten die Budgets. Ohne Reformen könnte der Anteil der privat finanzierten Gesundheitsausgaben auf über 20 Prozent steigen, was Österreich in die Nähe des amerikanischen Modells brächte.
Andererseits bieten technologische Innovationen Chancen für Effizienzsteigerungen. Telemedizin, künstliche Intelligenz in der Diagnostik und robotergestützte Chirurgie könnten helfen, mit weniger Personal mehr Patienten zu versorgen. Voraussetzung ist jedoch, dass in diese Technologien investiert und das Personal entsprechend geschult wird.
Der Erfolg zukünftiger Reformen wird maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, einen breiten gesellschaftlichen Konsens für die notwendigen Veränderungen zu schaffen. Das Beispiel anderer Länder zeigt, dass Gesundheitsreformen nur dann nachhaltig erfolgreich sind, wenn sie von allen politischen Kräften und gesellschaftlichen Gruppen mitgetragen werden. Der von Silvan vorgeschlagene Pakt gegen die Zwei-Klassen-Medizin könnte ein erster Schritt in diese Richtung sein, vorausgesetzt, alle Beteiligten sind bereit, über Parteigrenzen hinweg zusammenzuarbeiten und auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen.