Österreichs Energieinfrastruktur steht vor der Transformation. Heimische Netzbetreiber investieren Milliarden in die Zukunft: Die fünf größten Verteilernetzbetreiber planen bis 2030 Investitionen von 4,7 Milliarden Euro.
Am 23. März 2026 machte Thomas Angerer, Geschäftsführer der Wiener Netze, beim Energiepolitischen Hintergrundgespräch des Forums Versorgungssicherheit deutlich: Die Netze sind Treiber der Energiewende, Rückgrat der Wirtschaft und Wachstumsmotor als Treiber von Innovationen und Investitionen. Voraussetzung dafür ist langfristige Planungssicherheit.
Was es zu erhalten gilt, so Angerer, ist das hohe Niveau an Zuverlässigkeit, das Österreichs Strom-Infrastruktur auszeichnet. International sind zwei Kennzahlen für die Stabilität der Versorgung gebräuchlich: Der Average System Interruption Frequency Index (ASIFI) gibt (vereinfacht gesagt) die Wahrscheinlichkeit eines Stromausfalls an. Der Average System Interruption Duration Index (ASIDI) misst die Dauer der durchschnittlichen jährlichen Nichtverfügbarkeit von Strom pro Haushalt. Laut OTS liegen beide Indizes in Österreich unter den Werten des übrigen Europa. So müssen Wiener Stromkund*innen rein statistisch alle vier Jahre einmal mit einer ungeplanten Unterbrechung der Versorgung rechnen – der europäische Durchschnittswert liegt bei 15 Monaten. Im Jahr 2025 waren nach den geprüften Zahlen der E-Control Wiener Strombezieherinnen und -bezieher 18 Minuten ohne Strom. Angerer: „Das ist die Jahressumme von kleineren, oft nur Sekunden dauernden Unterbrechungen, wahrscheinlich haben es die meisten nicht einmal wahrgenommen.“
Die Energiewende wird die Struktur des Energiesystems verändern. Strom, erneuerbare Gase sowie Wärme- und Kältenetze müssen künftig stärker miteinander verknüpft werden. Angerer nennt ein Beispiel: „Wenn in einem Gebiet das Gasnetz stillgelegt werden soll, muss als Alternative entweder Fernwärme zur Verfügung stehen, oder die Haushalte stellen auf Wärmepumpen um, wodurch der Strombedarf steigt. Der Aus- oder Umbau dieser drei Netze muss daher abgestimmt geplant werden.“
Die Stilllegung von Teilen des Gasnetzes hängt dabei wesentlich von den rechtlichen Rahmenbedingungen ab, so Angerer: „Derzeit gilt für die Netzbetreiber noch eine Anschlussverpflichtung, wir müssen also auf Wunsch jeden neuen Gaskunden auch versorgen. Es braucht daher klare politische Vorgaben, wo in Zukunft fossiles Gas durch einen anderen Energieträger ersetzt werden soll.“
In den Ballungsräumen entstehen dadurch auch Synergien. Die Wiener Netze vereinen mehrere leitungsgebundene Energieformen und arbeiten eng mit anderen Netzbetreibern zusammen, um die Infrastruktur weiterzuentwickeln. Durch diese Integration lassen sich Energieflüsse besser steuern und erneuerbare Energien effizienter nutzen. Gleichzeitig schafft sie Voraussetzungen für technologische Lösungen in der Sektorenkopplung oder bei der Integration klimafreundlicher Mobilität.
Um für die künftigen Aufgaben gewappnet zu sein, planen die Wiener Netze bis 2030 Investitionen in Höhe von rund 2,2 Milliarden Euro, das sind durchschnittlich rund 440 Millionen Euro pro Jahr. Rund zwei Drittel davon entfallen auf die Aufrüstung des Stromnetzes.
Bei den fünf Mitgliedsunternehmen des Forums Versorgungssicherheit – Wiener Netze, Netz Burgenland, Netz Niederösterreich, Netz Oberösterreich und Linz Netz – summieren sich die Ausbaupläne bis 2030 auf rund 4,7 Milliarden Euro. Angerer zitiert eine Studie der Boston Consulting Group, nach der Investitionen in die Energie-Infrastruktur eine besonders hohe indirekte Wachstumswirkung haben sollen.
Auch der Weg zur Klimaneutralität sollte laut Angerer als Chance gesehen werden. Die Stadt Wien hat das Ziel gesetzt, bis 2040 klimaneutral zu werden. Angerer: „Der Ausbau der Energieinfrastruktur wird dabei zum zentralen Erfolgsfaktor. Deshalb dürfen wir nicht übersehen, dass wir vor einem grundlegenden Umbau des bestehenden Systems stehen.“ Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel im Bereich der Raumwärme. Fernwärme wird künftig eine zentrale Rolle spielen, ergänzt durch Nahwärmelösungen, Geothermie sowie Wärmepumpen. Gleichzeitig wird das Stromnetz zunehmend zum Rückgrat der Wärmewende. Fossiles Gas wird nach und nach ersetzt, so Angerer: „Gas befindet sich bereits auf dem Rückzug. In den letzten Jahren wurden pro Jahr etwa 10.000 Zählpunkte von Gasbeziehern abgemeldet.“ Teile der bestehenden Gasinfrastruktur können jedoch künftig für klimaneutrale Gase genutzt werden. Für Gewerbe und Industrie wird Gas weiterhin als Energieträger eine Rolle spielen.
Das optimale Zusammenspiel der unterschiedlichen leitungsgebundenen Energieträger erfordert eine langfristige und umfassende Energieraumplanung, ist Angerer überzeugt: „Gerade weil der Ausbau der Infrastruktur teuer ist, müssen wir ihn so effizient wie möglich gestalten. Wir müssen Doppelgleisigkeiten ebenso vermeiden wie Stranded Costs, die entstehen können, wenn wir in Leitungen investieren, die später nicht mehr benötigt werden.“ Dazu kommt, dass die Rolle von Wasserstoff noch in den Anfängen steckt; so Angerer: „braucht der mögliche Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur frühzeitige strategische Entscheidungen.“
Für die Netzbetreiber sind klare strategische Entscheidungen von Seiten der Stadt- und Regionalplanung unerlässlich. Das gilt besonders für die Gas-Infrastruktur, deren Zukunft durch zwei in Diskussion befindliche Gesetze neu geregelt werden soll, nämlich das Gaswirtschaftsgesetz (GWG) und das Erneuerbare-Gase-Gesetz (EGG). „Die Netzbetreiber sehen sich hier als Partner in der Umsetzung“, verspricht Angerer, „doch die Grundsatzentscheidungen darüber, welche Netzteile stillgelegt werden, wo eine alternative Versorgung aufgebaut werden muss, wo Biomethan zum Einsatz kommt – diese Vorgaben erwarten wir uns von der Politik. Ein rechtssicherer Rahmen ist die Voraussetzung, um die nötigen Investitionsentscheidungen tätigen zu können.“
Das Forum Versorgungssicherheit ist die gemeinsame Plattform von fünf Verteilernetzbetreibern: Wiener Netze, Netz Niederösterreich, Netz Burgenland, Linz Netz und Netz Oberösterreich.