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Österreichischer IT-Experte warnt: Kinder können nicht mit Technik

7. April 2026 um 07:53
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Kinder scrollen stundenlang durch TikTok-Videos, können aber keine einfache Excel-Tabelle erstellen. Jugendliche beherrschen Instagram perfekt, scheitern aber am Erstellen einer PowerPoint-Präsenta...

Kinder scrollen stundenlang durch TikTok-Videos, können aber keine einfache Excel-Tabelle erstellen. Jugendliche beherrschen Instagram perfekt, scheitern aber am Erstellen einer PowerPoint-Präsentation. Dieses Paradoxon beschäftigt Mario Körbler, IT-Unternehmer aus Österreich, täglich. Mit seinem neuen Buch "Die Kunst im Chaos zu erziehen" schlägt er Alarm: Die digitale Erziehung in Österreich läuft grundlegend falsch.

Wenn Smartphone-Experten an Excel-Tabellen scheitern

"Ich sehe täglich Jugendliche, die stundenlang am Smartphone sind, aber einfache digitale Aufgaben nicht lösen können. Es fehlt an Verständnis und Struktur. Sie nutzen Technologie, beherrschen sie aber nicht", erklärt der Unternehmer, der mit seiner Körbler GmbH rund 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Körblers Beobachtung deckt sich mit aktuellen Studien: Laut einer Erhebung der Arbeiterkammer Oberösterreich von 2023 verbringen österreichische Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren durchschnittlich 4,2 Stunden täglich mit digitalen Medien – davon 78 Prozent für Unterhaltung und nur 12 Prozent für Bildungszwecke.

Die Digitalkompetenz – also die Fähigkeit, digitale Technologien sicher, kritisch und produktiv zu nutzen – bleibt dabei auf der Strecke. Während Kinder intuitiv durch Apps navigieren, verstehen sie oft nicht die grundlegenden Prinzipien dahinter. Sie können einen Filter auf Instagram anwenden, wissen aber nicht, wie Algorithmen funktionieren oder wie ihre Daten verwendet werden. Dieses oberflächliche Verständnis führt zu dem, was Experten als "digitale Scheinliteralität" bezeichnen – die Illusion technischer Kompetenz ohne tatsächliches Verständnis.

Österreichs Kinder im internationalen Vergleich

Österreich hinkt beim Thema digitale Bildung international hinterher. Während in Estland bereits ab der ersten Klasse Programmieren auf dem Lehrplan steht und finnische Schulen seit 2016 verpflichtend digitale Kompetenzen vermitteln, wurde in Österreich die "Digitale Grundbildung" erst 2018 als Pflichtfach eingeführt. In Deutschland startete die Initiative "DigitalPakt Schule" bereits 2019 mit 6,5 Milliarden Euro Förderung, während in der Schweiz das Fach "Medien und Informatik" bereits seit 2017 obligatorisch ist.

Die ICILS-Studie 2018 (International Computer and Information Literacy Study) zeigt deutliche Unterschiede: Während 18 Prozent der österreichischen Achtklässler nur über rudimentäre Computerkenntnisse verfügen, sind es in Dänemark nur 8 Prozent. Besonders besorgniserregend: 32 Prozent der österreichischen Schüler können nicht einmal einfache Informationen in digitalen Medien bewerten oder organisieren.

Die Schweiz als Vorbild

Ein Blick in die Schweiz zeigt, wie es besser geht. Dort unterscheidet man klar zwischen "Medienbildung" – dem kritischen Umgang mit digitalen Inhalten – und "Informatik" – dem Verständnis technischer Grundlagen. Schweizer Grundschüler lernen bereits ab der dritten Klasse, wie Computer funktionieren, während sie gleichzeitig über Cybermobbing und Datenschutz aufgeklärt werden. Diese systematische Herangehensweise führt zu messbar besseren Ergebnissen: Schweizer Jugendliche schneiden in internationalen Vergleichen zur Digitalkompetenz um 15 Prozent besser ab als österreichische Altersgenossen.

Wenn der Bildschirm zum digitalen Babysitter wird

Körblers Kritik zielt besonders auf die frühe Konfrontation von Kleinkindern mit Bildschirmen ab. "Kinder werden oft mit Bildschirmen beruhigt. Die Folgen sind Konzentrationsprobleme, Bewegungsmangel und Unsicherheiten", erklärt der dreifach ausgebildete Experte, der seine Qualifikationen in Österreich, Deutschland und den USA erworben hat.

Die Bildschirmzeit bei österreichischen Kindern hat in den letzten fünf Jahren drastisch zugenommen. Eine Studie des Instituts für Jugendkulturforschung zeigt: Bereits Dreijährige verbringen durchschnittlich 45 Minuten täglich vor Bildschirmen – 2018 waren es noch 28 Minuten. Bei Sechsjährigen hat sich die tägliche Bildschirmzeit von 1,2 auf 2,1 Stunden fast verdoppelt.

Neurologische Folgen der digitalen Reizüberflutung

Die Auswirkungen sind dramatischer, als vielen Eltern bewusst ist. Konzentrationsprobleme entstehen, weil das kindliche Gehirn durch die schnellen Bildwechsel und permanenten Reize überstimuliert wird. Die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern, die früh und intensiv digitale Medien nutzen, verkürzt sich nachweislich um bis zu 40 Prozent. Dies bestätigen Studien der Medizinischen Universität Wien aus dem Jahr 2023.

Der Bewegungsmangel führt nicht nur zu körperlichen Problemen wie Übergewicht – bereits 24 Prozent der österreichischen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren gelten als übergewichtig – sondern beeinträchtigt auch die kognitive Entwicklung. Bewegung fördert die Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, neue Verbindungen zu knüpfen. Kinder, die täglich mehr als zwei Stunden vor Bildschirmen verbringen, zeigen 20 Prozent schlechtere Leistungen bei Gedächtnisaufgaben.

Konkrete Auswirkungen auf österreichische Familien

Die digitale Fehlentwicklung zeigt sich in österreichischen Haushalten auf verschiedene Weise. Familie Müller aus Linz erlebt täglich den Kampf: Ihr zwölfjähriger Sohn kann problemlos komplexe Videospiele meistern, schafft es aber nicht, eine E-Mail zu schreiben oder ein Dokument zu speichern. "Er kennt alle YouTube-Tricks, aber wenn ich ihn bitte, mir bei der Online-Steuererklärung zu helfen, ist er überfordert", berichtet Mutter Sandra Müller stellvertretend für viele österreichische Eltern.

Diese Entwicklung hat weitreichende gesellschaftliche Folgen. Die Wirtschaftskammer Österreich berichtet, dass 68 Prozent der Lehrbetriebe Probleme mit den digitalen Grundkompetenzen ihrer Lehrlinge haben. Besonders betroffen sind kaufmännische Berufe, wo einfache Office-Anwendungen zum Grundhandwerkszeug gehören. "Wir müssen Lehrlingen oft erst beibringen, wie man eine Datei benennt oder einen Ordner strukturiert organisiert", erklärt Peter Nemeth, Ausbildungsleiter eines Wiener Versicherungskonzerns.

Die Generation Alpha vor besonderen Herausforderungen

Besonders betroffen ist die sogenannte Generation Alpha – Kinder, die nach 2010 geboren wurden und von Geburt an mit Smartphones und Tablets aufgewachsen sind. Diese Generation, zu der in Österreich bereits 900.000 Kinder zählen, steht vor einzigartigen Herausforderungen. Sie beherrschen Touch-Bedienung intuitiv, haben aber oft Schwierigkeiten mit Maus und Tastatur – den Standardwerkzeugen in Schulen und Büros.

"Diese Kinder denken in Apps, nicht in Programmen", erklärt Dr. Maria Hofbauer, Medienpsychologin an der Universität Salzburg. "Sie verstehen isolierte Funktionen, aber nicht die übergreifenden Zusammenhänge digitaler Systeme." Dies führt zu paradoxen Situationen: Kinder können perfekt auf Instagram Stories antworten, scheitern aber beim Verfassen einer strukturierten E-Mail mit Betreff und Anhang.

Körblers Lösungsansatz: Struktur statt Verbote

Mit seinem Buch "Die Kunst im Chaos zu erziehen" bietet Mario Körbler konkrete Lösungsansätze. Statt pauschaler Bildschirmverbote plädiert er für eine strukturierte Heranführung an digitale Technologien. "Wir müssen Kindern beibringen, Technologie zu beherrschen, statt von ihr beherrscht zu werden", so seine zentrale These.

Körblers Ansatz basiert auf vier Säulen: Verstehen vor Anwenden bedeutet, dass Kinder erst die Grundprinzipien digitaler Technologien lernen, bevor sie komplexe Anwendungen nutzen. Kreativität vor Konsum stellt eigenes Gestalten über passives Konsumieren. Qualität vor Quantität begrenzt die Bildschirmzeit und fokussiert auf hochwertige, bildende Inhalte. Begleitung vor Kontrolle setzt auf gemeinsame Medienerlebnisse statt auf Überwachung und Verbote.

Praktische Umsetzung für österreichische Familien

Konkret empfiehlt Körbler österreichischen Eltern einen gestaffelten Ansatz: Bis zum Alter von drei Jahren sollten Bildschirme komplett tabu sein, da in dieser Phase die grundlegenden neuronalen Verbindungen entstehen. Von drei bis sechs Jahren sind maximal 30 Minuten qualitativ hochwertige, pädagogische Inhalte erlaubt – immer mit elterlicher Begleitung und anschließender Reflexion.

Ab dem Schulalter empfiehlt Körbler eine schrittweise Einführung in produktive Technologienutzung. Kinder lernen zunächst, einen Computer ein- und auszuschalten, Dateien zu organisieren und einfache Texte zu schreiben. Erst dann folgen komplexere Anwendungen wie Internet-Recherche oder Präsentationssoftware. "Wir würden einem Kind auch nicht sofort ein Auto geben, ohne ihm das Fahren beizubringen", illustriert Körbler seinen Ansatz.

Die historische Dimension der digitalen Revolution

Um die aktuelle Situation zu verstehen, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Die digitale Revolution hat sich in Österreich in drei Phasen vollzogen: Die erste Phase (1980-2000) brachte Personal Computer in die Haushalte, die zweite Phase (2000-2010) das Internet in die Breite, und die dritte Phase (2010-heute) mobile Endgeräte in jede Hosentasche.

Jede Phase brachte neue Herausforderungen: In den 1990ern diskutierten Experten über "Computerspielsucht" bei Jugendlichen, die stundenlang vor DOS-Spielen saßen. Mit dem Internet kamen Sorgen um Cybermobbing und ungeeignete Inhalte hinzu. Die Smartphone-Ära verstärkte diese Probleme exponentiell: Aus stundenweiser wurde permanente Verfügbarkeit, aus gelegentlichen wurden konstante Ablenkungen.

Österreich reagierte auf jede Phase verspätet: Während die USA bereits 1983 Computer in Grundschulen einführten, starteten österreichische Pilotprojekte erst 1995. Die Schweiz führte 2003 verbindliche IT-Kurse ein, Österreich folgte erst 2012 mit unverbindlichen Übungen. Diese Verzögerung rächt sich heute: Österreichische Kinder wachsen mit Technologien auf, die bildungspolitisch nicht durchdacht eingeführt wurden.

Europäische Best Practices und österreichische Defizite

Während Österreich noch diskutiert, handeln andere europäische Länder bereits: Frankreich hat 2018 Handys an Grundschulen komplett verboten – mit messbarem Erfolg. Die Konzentrationsfähigkeit französischer Grundschüler verbesserte sich um 12 Prozent, die sozialen Interaktionen in den Pausen um 23 Prozent.

Norwegen geht einen anderen Weg: Dort werden digitale Medien gezielt pädagogisch eingesetzt. Bereits Fünfjährige lernen, einfache Programme zu schreiben – nicht um Programmierer zu werden, sondern um logisches Denken zu entwickeln. Das Ergebnis: Norwegische Kinder schneiden in PISA-Tests zur Problemlösekompetenz um 18 Punkte besser ab als österreichische.

Die Niederlande setzen auf Medienerziehung als gesellschaftliche Aufgabe. Dort gibt es staatlich finanzierte Elternkurse zum Umgang mit digitalen Medien, die 78 Prozent aller Familien besuchen. In Österreich existieren solche Programme nur vereinzelt und meist kostenpflichtig – ein sozialer Faktor, der die digitale Spaltung verstärkt.

Wirtschaftliche Folgen für Österreichs Zukunft

Die mangelnde Digitalkompetenz österreichischer Kinder hat bereits heute messbare wirtschaftliche Auswirkungen. Laut einer Studie der Wirtschaftskammer Österreich entstehen Unternehmen jährlich Zusatzkosten von 240 Millionen Euro durch Nachschulungen in digitalen Grundkompetenzen. Diese Summe entspricht dem Budget einer mittleren österreichischen Universität.

Besonders dramatisch zeigt sich das Problem in technischen Berufen: Während 67 Prozent der österreichischen Jugendlichen angeben, "gut mit Computern" umgehen zu können, schaffen nur 23 Prozent die Aufnahmeprüfungen für IT-Lehren ohne Zusatzförderung. "Die Kinder überschätzen ihre Fähigkeiten massiv", erklärt DI Franz Niedermoser vom Fachverband der Elektro- und Elektronikindustrie.

Langfristig droht Österreich der Anschluss zu verlieren. Während Estland, Südkorea und Singapur ganze Generationen von "Digital Natives" ausbilden, die Technologie von Grund auf verstehen, produziert Österreich "Digital Naives" – Kinder, die Technologie nur oberflächlich bedienen können. Dies könnte zu einem entscheidenden Wettbewerbsnachteil werden, wenn diese Generation ins Berufsleben eintritt.

Zukunftsperspektiven: Der Weg aus der digitalen Falle

Mario Körbler sieht trotz aller Probleme Grund zur Hoffnung. "Wir stehen am Wendepunkt", erklärt der IT-Experte. "Endlich wird das Problem erkannt, und es gibt konkrete Lösungsansätze." Sein Optimismus gründet auf mehreren Entwicklungen: Das österreichische Bildungsministerium plant ab 2025 verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte in digitaler Pädagogik. Die Arbeiterkammer Österreich startet 2024 eine Kampagne für bewusste Mediennutzung in Familien. Und immer mehr Unternehmen bieten Mitarbeitern Unterstützung bei der digitalen Erziehung ihrer Kinder an.

Körblers Vision für 2030 ist ambitioniert aber realistisch: Österreichische Kinder sollen Technologie als Werkzeug verstehen, nicht als Spielzeug. Sie sollen kreativ gestalten statt passiv konsumieren. Und sie sollen digitale Systeme durchschauen und kritisch bewerten können. "Wir brauchen eine Generation, die Algorithmen hinterfragt, nicht nur befolgt", so sein Credo.

Der erste Schritt liegt bei den Eltern. Körblers Buch "Die Kunst im Chaos zu erziehen" bietet praktische Hilfe für alle österreichischen Familien, die ihre Kinder fit für die digitale Zukunft machen wollen – ohne sie der Technologie zu opfern. Die Zeit zum Handeln ist jetzt, denn die nächste Generation Digital Natives wächst bereits heran.

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