Zurück
OTS-MeldungSanitätergesetz/SanG/Notfallsanitäter/Sanitäter/Bundesverband Rettungsdienst/BVRD.at/Sozialversicher

ÖGK streicht Leistungen: Sanitäter-Reform könnte 800 Mio. Euro sparen

8. März 2026 um 11:18
Teilen:

Während die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) ankündigt, Leistungen zu streichen und weniger Krankentransporte zu finanzieren, liegt eine Lösung seit 20 Jahren auf dem Tisch: Eine neue Ausbild...

Während die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) ankündigt, Leistungen zu streichen und weniger Krankentransporte zu finanzieren, liegt eine Lösung seit 20 Jahren auf dem Tisch: Eine neue Ausbildungsstufe für Sanitäter könnte das Gesundheitssystem um über 800 Millionen Euro jährlich entlasten. Doch die Politik ignoriert weiterhin dieses massive Einsparpotenzial und setzt stattdessen auf pauschale Kürzungen.

Das grundlegende Problem des österreichischen Rettungswesens

Das österreichische Gesundheitssystem kämpft mit einem strukturellen Problem: Zu viele Patienten landen unnötig in überfüllten Notaufnahmen, obwohl sie dort gar nicht hingehören. Der Bundesverband Rettungsdienst (BVRD.at) macht deutlich, dass nicht jene Patienten das Problem sind, die nach einer Behandlung nach Hause transportiert werden müssen, sondern jene, die von vornherein nicht in eine Notaufnahme hätten gebracht werden dürfen.

Diese Fehlsteuerung hat System: Sanitäter in Österreich sind derzeit nicht ausreichend ausgebildet, um vor Ort zu entscheiden, welche Versorgungsebene für einen Patienten tatsächlich angemessen wäre. Stattdessen fahren sie standardmäßig das nächste Krankenhaus an – unabhängig davon, ob der Patient dort wirklich behandelt werden muss oder ob eine Hausarztpraxis, ein Ambulatorium oder sogar eine telefonische Beratung ausreichen würde.

Internationale Vorbilder zeigen den Weg

In anderen entwickelten Ländern ist diese Problematik längst erkannt und gelöst worden. Paramedics in Kanada, Emergency Medical Technicians in den USA oder Paramedics in Großbritannien verfügen über eine deutlich umfassendere Ausbildung als österreichische Sanitäter. Sie können vor Ort medizinische Entscheidungen treffen, einfache Behandlungen durchführen und Patienten gezielt an die richtige Stelle im Gesundheitssystem weiterleiten.

Deutschland hat bereits 2014 das Notfallsanitätergesetz eingeführt und damit eine dreijährige Ausbildung für Rettungsfachkräfte geschaffen. Die deutschen Notfallsanitäter dürfen eigenverantwortlich invasive Maßnahmen durchführen und haben erweiterte Kompetenzen bei der Patientenversorgung. In den Niederlanden arbeiten Verpleegkundig Specialisten bereits seit Jahren erfolgreich in der präklinischen Notfallversorgung und entlasten damit die Krankenhäuser erheblich.

Schweizer Modell als Vorbild

Besonders interessant ist das Schweizer Modell: Dort gibt es seit 2017 die Ausbildung zum Dipl. Rettungssanitäter HF (Höhere Fachschule). Diese dreijährige Ausbildung befähigt die Absolventen zu erweiterten medizinischen Maßnahmen und zur eigenständigen Entscheidung über den Transport oder die Behandlung vor Ort. Studien aus der Schweiz zeigen, dass dadurch bis zu 30 Prozent der unnötigen Krankenhaustransporte vermieden werden können.

Die geplante österreichische Lösung im Detail

Die von der "Initiative Zukunft Rettungsdienst" vorgeschlagene neue Ausbildungsstufe würde etwa ein Zehntel aller österreichischen Sanitäter betreffen – das sind rund 3.000 bis 4.000 Personen. Diese dreijährige Ausbildung würde drei zentrale Kompetenzbereiche abdecken:

Medizinische Kompetenz

Die künftigen Notfallsanitäter würden lernen, eigenständig Diagnosen zu stellen und zu entscheiden, welche medizinische Versorgung ein Patient benötigt. Dazu gehören erweiterte Untersuchungsmethoden, die Interpretation von Vitalparametern und die Beurteilung von Krankheitsverläufen. Im Gegensatz zur derzeitigen Sanitäterausbildung, die hauptsächlich auf lebensrettende Sofortmaßnahmen und Transport ausgerichtet ist, würden sie zu kleinen "Allgemeinmedizinern vor Ort" ausgebildet.

Kommunikative Fähigkeiten

Ein wesentlicher Baustein wäre die Schulung in Gesprächsführung und Patientenkommunikation. Oft sind Rettungseinsätze nämlich nicht primär medizinische, sondern soziale Notfälle: Einsamkeit, Überforderung oder Angst führen dazu, dass Menschen den Notruf wählen. Die neuen Notfallsanitäter würden lernen, solche Situationen zu erkennen und entsprechend zu reagieren – beispielsweise durch Vermittlung an Sozialservices oder psychosoziale Beratungsstellen.

Organisatorische Kompetenz

Der dritte Pfeiler umfasst die Kenntnis des gesamten Gesundheitssystems. Die Sanitäter müssten wissen, welche Versorgungsangebote es gibt, wann diese verfügbar sind und wie sie Patienten optimal dorthin vermitteln können. Das reicht von der Kenntnis der Öffnungszeiten von Hausarztpraxen über die Spezialisierungen verschiedener Ambulanzen bis hin zur Telemedizin.

Das 800-Millionen-Euro-Potenzial erklärt

Die Zahl von 800 Millionen Euro jährlichem Einsparpotenzial basiert auf detaillierten Berechnungen verschiedener Kostenfaktoren im österreichischen Gesundheitssystem. Ein unnötiger Notaufnahmebesuch kostet das System durchschnittlich zwischen 200 und 400 Euro, je nach Aufwand der Untersuchungen und der Verweildauer.

Bei rund 1,4 Millionen Rettungseinsätzen pro Jahr in Österreich und einer geschätzten Rate von 25 bis 30 Prozent unnötiger Krankenhaustransporte ergibt sich folgende Rechnung: 350.000 bis 420.000 vermeidbare Transporte mal durchschnittlich 300 Euro ergeben bereits über 100 Millionen Euro direkte Einsparungen. Hinzu kommen die indirekten Kosten durch die Entlastung der Notaufnahmen, kürzere Wartezeiten für echte Notfälle und die Möglichkeit, Ressourcen effizienter einzusetzen.

Zusätzliche Einspareffekte

Nicht eingerechnet sind dabei die volkswirtschaftlichen Folgekosten: Wenn Patienten früher und zielgerichteter behandelt werden, können chronische Verschlechterungen verhindert werden. Ein Diabetiker, der rechtzeitig an einen Facharzt vermittelt wird, verursacht langfristig deutlich geringere Behandlungskosten als einer, der erst nach mehreren Notaufnahmebesuchen die richtige Therapie erhält.

Auch die Arbeitsplatzproduktivität spielt eine Rolle: Kürzere Wartezeiten in Notaufnahmen bedeuten, dass Menschen schneller wieder arbeitsfähig sind. Studien aus Deutschland zeigen, dass jeder Euro, der in die Verbesserung der Notfallversorgung investiert wird, eine volkswirtschaftliche Rendite von 3 bis 4 Euro bringt.

Warum die Reform seit 20 Jahren blockiert wird

Obwohl die Vorteile einer höheren Sanitäterausbildung evident sind, scheitert die Umsetzung in Österreich seit zwei Jahrzehnten an verschiedenen Interessenslagen. Das derzeitige Sanitätergesetz stammt aus dem Jahr 2002 und spiegelt noch die damaligen Anforderungen wider, als der Rettungsdienst hauptsächlich als Transportdienstleister verstanden wurde.

Komplexe Zuständigkeiten

Ein Hauptproblem liegt in der komplexen Zuständigkeitsverteilung: Das Sanitätergesetz fällt in die Kompetenz des Gesundheitsministeriums, die Finanzierung der Rettungsdienste erfolgt aber über die Länder und die Sozialversicherung. Die Ausbildung wiederum liegt teilweise bei den Ländern, teilweise bei den Rettungsorganisationen. Diese Zersplitterung erschwert einheitliche Reformen erheblich.

Dazu kommt, dass verschiedene Akteure unterschiedliche Interessen haben: Krankenhäuser fürchten um ihre Auslastung, wenn weniger Patienten in die Notaufnahmen kommen. Niedergelassene Ärzte befürchten Konkurrenz durch höher qualifizierte Sanitäter. Die Rettungsorganisationen selbst sind gespalten zwischen jenen, die eine Professionalisierung befürworten, und jenen, die das bewährte Ehrenamtssystem nicht gefährden wollen.

Auswirkungen der ÖGK-Kürzungen auf die Bürger

Die angekündigten Leistungskürzungen der ÖGK treffen vor allem vulnerable Bevölkerungsgruppen. Ältere Menschen, die nach einem Krankenhausaufenthalt nicht selbst nach Hause fahren können, sind auf Krankentransporte angewiesen. Wenn diese Leistungen gestrichen werden, müssen entweder die Angehörigen einspringen – was oft nicht möglich ist – oder die Patienten bleiben länger im Krankenhaus, was wiederum die Kosten erhöht.

Auch für chronisch Kranke, die regelmäßig zu Dialyse- oder Chemotherapie-Terminen müssen, können die Kürzungen existenzbedrohend werden. Private Krankenfahrten kosten zwischen 50 und 150 Euro pro Fahrt – ein Betrag, den sich viele Pensionisten nicht leisten können.

Beispiel aus der Praxis

Maria S., eine 78-jährige Pensionistin aus Linz, ist auf regelmäßige Dialyse angewiesen. Dreimal pro Woche muss sie ins Krankenhaus. Bisher übernahm die ÖGK die Kosten für den Krankentransport. Wenn diese Leistung gestrichen wird, müsste sie monatlich über 1.800 Euro für private Fahrten aufbringen – bei einer Pension von 1.200 Euro unmöglich. Die Alternative wäre eine stationäre Aufnahme, die das System deutlich mehr kosten würde als der Transport.

Internationale Erfolgsbeispiele im Detail

Um die Potenziale der vorgeschlagenen Reform zu verdeutlichen, lohnt sich ein genauerer Blick auf internationale Erfolgsgeschichten. In Dänemark wurde bereits in den 1990er Jahren das System der "Præhospitale Sygeplejersker" eingeführt – speziell ausgebildete Krankenschwestern, die mit Rettungsfahrzeugen ausrücken und vor Ort entscheiden, ob ein Transport notwendig ist.

Das Ergebnis war beeindruckend: Die Zahl der unnötigen Krankenhaustransporte sank um 40 Prozent, während die Patientenzufriedenheit stieg. Besonders bei älteren Patienten mit mehreren chronischen Erkrankungen erwies sich das System als überlegen, da diese oft eine kontinuierliche Betreuung benötigen, anstatt einer einmaligen Notfallbehandlung.

Britisches Community Paramedic Modell

Großbritannien ging noch einen Schritt weiter und entwickelte das Konzept der Community Paramedics. Diese arbeiten nicht nur im klassischen Rettungsdienst, sondern auch in der Primärversorgung, in Pflegeheimen und in der häuslichen Betreuung. Sie können einfache Erkrankungen selbst behandeln, Medikamente verabreichen und bei Bedarf Spezialisten hinzuziehen.

Eine Studie des British Medical Journal aus dem Jahr 2019 zeigte, dass Community Paramedics die Zahl der Notaufnahmebesuche um 35 Prozent reduzierten und gleichzeitig die Behandlungsqualität verbesserten. Besonders erfolgreich war das Modell bei der Betreuung von Diabetikern, COPD-Patienten und Menschen mit Herzinsuffizienz.

Die Rolle von Ehrenamt und Zivildienst

Ein wichtiges Argument der Reform-Befürworter ist, dass die neue Ausbildungsstufe das bewährte System von Ehrenamt und Zivildienst nicht gefährden würde. Von den etwa 40.000 aktiven Sanitätern in Österreich wären nur rund 3.000 bis 4.000 von der neuen Regelung betroffen – jene, die in Vollzeit oder hauptberuflich im Rettungsdienst arbeiten.

Die ehrenamtlichen Helfer, die den Grundpfeiler des österreichischen Rettungswesens bilden, würden weiterhin ihre wichtige Arbeit leisten. Auch Zivildiener, die traditionell einen großen Teil der Rettungsdienste stemmen, blieben unverändert im System. Die höher qualifizierten Notfallsanitäter würden vielmehr als Teamleader fungieren und die weniger erfahrenen Kollegen anleiten und unterstützen.

Finanzierung und Umsetzung der Reform

Die Kosten für die Einführung der neuen Ausbildungsstufe werden auf etwa 150 bis 200 Millionen Euro geschätzt – verteilt über einen Zeitraum von fünf Jahren. Dem stehen die jährlichen Einsparungen von 800 Millionen Euro gegenüber, sodass sich die Investition bereits nach wenigen Monaten amortisieren würde.

Die Finanzierung könnte über verschiedene Wege erfolgen: Zum einen über die bestehenden Ausbildungsbudgets der Länder, zum anderen über EU-Fördermittel für Gesundheitsprojekte. Auch die Sozialversicherung hätte ein direktes Interesse an der Finanzierung, da sie von den Einsparungen am stärksten profitieren würde.

Stufenweise Einführung geplant

Der Bundesverband Rettungsdienst schlägt eine stufenweise Einführung vor: Zunächst könnten in den größten Städten – Wien, Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck – Pilotprojekte starten. Nach einer Evaluationsphase von zwei Jahren könnte das System auf ganz Österreich ausgeweitet werden.

Für die Übergangszeit wären Anerkennungsverfahren für erfahrene Sanitäter vorgesehen, die bereits jahrelang im Dienst stehen. Diese könnten durch verkürzte Kurse und Prüfungen die neue Qualifikation erlangen, ohne die komplette dreijährige Ausbildung absolvieren zu müssen.

Politische Hürden und Lösungsansätze

Trotz der offensichtlichen Vorteile scheitert die Reform bisher an politischen Widerständen. Ein Hauptproblem liegt darin, dass die Kosten kurzfristig anfallen, während die Einsparungen erst mittelfristig sichtbar werden. Für Politiker, die in Wahlperioden denken, ist das ein schwer vermittelbares Konzept.

Hinzu kommt die komplexe Gemengelage verschiedener Interessensgruppen: Die Ärztekammer befürchtet eine Konkurrenz zu niedergelassenen Ärzten, obwohl die Notfallsanitäter diese eher entlasten würden. Die Krankenhausbetreiber fürchten um ihre Auslastung, obwohl sie von weniger Bagatellfällen in den Notaufnahmen profitieren würden.

Neue Hoffnung durch EU-Vorgaben

Neue Hoffnung für die Reform kommt aus Brüssel: Die EU-Kommission arbeitet an einheitlichen Standards für die Notfallversorgung in Europa. Österreich könnte unter Druck geraten, seine rückständigen Ausbildungsstandards zu modernisieren, um den europäischen Anforderungen zu genügen.

Auch der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen könnte die Politik zum Handeln zwingen: Gut ausgebildete Notfallsanitäter könnten einen Teil der Aufgaben übernehmen, für die derzeit Ärzte benötigt werden, und so dem Ärztemangel entgegenwirken.

Zukunftsperspektiven für das österreichische Gesundheitssystem

Die Einführung einer neuen Sanitäter-Ausbildungsstufe wäre nur der erste Schritt zu einer umfassenden Reform des österreichischen Gesundheitssystems. Langfristig könnte sich daraus ein völlig neues Verständnis von Notfallversorgung entwickeln – weg vom reinen Transport- und Reparaturbetrieb hin zu einem präventiven und vernetzten System.

Denkbar wären beispielsweise mobile Gesundheitsteams, die chronisch Kranke zu Hause betreuen, oder spezialisierte Notfallsanitäter für psychiatrische Krisen. Auch die Telemedizin könnte eine größere Rolle spielen: Sanitäter vor Ort könnten per Video-Schaltung mit Fachärzten kommunizieren und so eine optimale Behandlung gewährleisten, ohne den Patienten transportieren zu müssen.

Die Digitalisierung eröffnet weitere Möglichkeiten: Elektronische Patientenakten könnten den Sanitätern wichtige Informationen über Vorerkrankungen und Medikation liefern. Künstliche Intelligenz könnte bei der Triage helfen und die Entscheidung unterstützen, welche Versorgungsebene für einen Patienten am besten geeignet ist.

Statt weiterhin an Symptomen herumzudoktern und Leistungen zu kürzen, wie es die ÖGK derzeit plant, bräuchte Österreich den Mut zu grundlegenden Reformen. Die Lösung liegt auf dem Tisch – sie muss nur endlich umgesetzt werden. Die 800 Millionen Euro jährliche Ersparnis wären nicht nur ein finanzieller Gewinn, sondern würden auch zu einer besseren Versorgung der Patienten führen. Es ist höchste Zeit, dass die Politik dieses Potenzial erkennt und handelt.

Weitere Meldungen

OTS
Außenministerium

1.400 Österreicher aus Nahost-Krisengebiet evakuiert

8. März 2026
Lesen
OTS
Österreich

Wien: Zehn Religionen vereinen sich für historische Friedenserklärung

8. März 2026
Lesen
OTS
Außenministerium

Nahost-Krise: Österreich holte bereits 1.300 Bürger zurück

8. März 2026
Lesen
Alle Meldungen anzeigen