Die Wohnungsnot unter Österreichs Jugend spitzt sich dramatisch zu. Während Mieten explodieren und Eigentum für die meisten jungen Menschen zu einem unerreichbaren Traum wird, kämpfen Lehrlinge und
Die Wohnungsnot unter Österreichs Jugend spitzt sich dramatisch zu. Während Mieten explodieren und Eigentum für die meisten jungen Menschen zu einem unerreichbaren Traum wird, kämpfen Lehrlinge und Berufseinsteiger verzweifelt um bezahlbare Unterkünfte. Die neue Bundesvorsitzende der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ), Jennifer Huemer, schlägt nun Alarm und startet eine breit angelegte Kampagne gegen die Wohnungsmisere. Ihre klare Botschaft: „Wohnen ist ein Grundrecht und kein Luxus!" Am 18. Dezember 2024 präsentierte die 24-jährige Oberösterreicherin ihre Agenda für leistbares Wohnen – und damit eine der größten sozialpolitischen Herausforderungen des Landes.
Jennifer Huemer ist erst die zweite Frau, die an der Spitze der Österreichischen Gewerkschaftsjugend steht. Die gelernte Mobilitätsservicekauffrau der ÖBB bringt sowohl theoretisches Wissen als auch praktische Erfahrung mit. Seit fünf Jahren engagiert sie sich in der ÖGJ, seit sieben Jahren als Funktionärin in der Gewerkschaft vida. Zuletzt war sie stellvertretende Bundesvorsitzende beider Organisationen.
Die ÖGJ vertritt als Dachorganisation die Interessen aller gewerkschaftlich organisierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 30 Jahre in Österreich. Mit rund 180.000 Mitgliedern ist sie die größte Jugendorganisation des Landes und fungiert als wichtige Stimme für Lehrlinge, Berufsschüler und junge Arbeitnehmer. Die Organisation ist Teil des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB) und verfügt über ein Netzwerk von Betriebsräten, Lehrlingswarten und Jugendvertrauenspersonen in ganz Österreich.
Beruflich steht Huemer täglich in direktem Kontakt mit den Problemen junger Menschen: Als Lehrlingsausbildnerin bei den ÖBB und Betriebsrätin erlebt sie hautnah, welche Sorgen und Nöte Auszubildende beschäftigen. "Lehrlinge sind unsere Zukunft. Ich werde mich dafür einsetzen, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind und junge Menschen echte Chancen auf ein gutes Leben haben", betont die neue Vorsitzende.
Mit ihrer neuen Kampagne "Wohntraum? Träum weiter!" macht die ÖGJ auf ein Problem aufmerksam, das längst existenzbedrohende Ausmaße angenommen hat. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während die Inflationsrate 2023 bei durchschnittlich 7,7 Prozent lag, stiegen die Wohnkosten teilweise um das Doppelte. In Wien beispielsweise kostete eine 60-Quadratmeter-Wohnung im Jahr 2020 durchschnittlich 850 Euro Miete, heute sind es bereits über 1.200 Euro – ein Anstieg von mehr als 40 Prozent in nur vier Jahren.
Besonders dramatisch ist die Situation für Lehrlinge, die oft nur über ein monatliches Einkommen zwischen 700 und 1.400 Euro verfügen. Nach der Faustregel, dass maximal 30 Prozent des Nettoeinkommens für Wohnen ausgegeben werden sollten, können sich diese jungen Menschen Mieten von höchstens 210 bis 420 Euro leisten. In den Ballungsräumen ist das praktisch unmöglich. "Wer arbeitet oder eine Lehre macht, muss sich ein eigenständiges Leben leisten können. Doch die Realität ist oft eine andere", erklärt Huemer die prekäre Lage.
Die Kampagne zielt darauf ab, sowohl Bewusstsein für das Problem zu schaffen als auch konkrete politische Lösungen einzufordern. Über die Website www.oegj.at/wohnen können Betroffene eine Petition unterzeichnen und ihre eigenen Erfahrungen teilen. Bereits in den ersten Tagen nach dem Launch verzeichnete die Plattform hunderte Zugriffe und Unterstützungsbekundungen.
Die Wohnkostensituation in Österreich hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verschärft. Laut Statistik Austria stiegen die Wohnungspreise zwischen 2010 und 2023 um durchschnittlich 85 Prozent, während die Löhne nur um etwa 35 Prozent zulegten. Diese Schere führt dazu, dass immer mehr junge Menschen bei ihren Eltern wohnen bleiben müssen – oft gegen ihren Willen und ihre Lebensplanung.
Ein Vergleich mit anderen deutschsprachigen Ländern zeigt: Deutschland kämpft mit ähnlichen Problemen, besonders in Großstädten wie München oder Hamburg, wo Studenten und Auszubildende teilweise 50 bis 60 Prozent ihres Einkommens für Miete ausgeben müssen. In der Schweiz sind die absoluten Mieten zwar höher, jedoch steht dem ein deutlich höheres Lohnniveau gegenüber, was die relative Belastung mindert.
Die ÖGJ beschränkt sich nicht auf Kritik, sondern präsentiert einen detaillierten Katalog politischer Forderungen. An erster Stelle steht ein Mietpreisdeckel, der explosive Mietpreisentwicklungen verhindern soll. Dieser Mechanismus ist bereits in anderen europäischen Städten wie Berlin erprobt worden, wenn auch mit gemischten Ergebnissen. Die Gewerkschaftsjugend argumentiert, dass staatliche Eingriffe in den Wohnungsmarkt notwendig seien, um die Grundversorgung zu sichern.
Der zweite Kernpunkt betrifft geförderte Startwohnungen speziell für Jugendliche. Diese sollen jungen Menschen den ersten Schritt in die Eigenständigkeit ermöglichen, ohne sie finanziell zu überfordern. Ähnliche Programme existieren bereits in Wien mit den "Smart"-Wohnungen, jedoch in viel zu geringem Umfang, um die Nachfrage zu decken.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Forderung nach mehr sozialem Wohnbau. Österreich verfügt mit einem Anteil von etwa 60 Prozent gemeinnützigem Wohnbau traditionell über einen starken sozialen Wohnungssektor. Dennoch reicht das Angebot bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Die ÖGJ kritisiert, dass zu viel Bauland an private Investoren verkauft wird, die primär renditeorientiert agieren.
Eine österreichweite Leerstandsabgabe könnte nach Ansicht der ÖGJ dazu beitragen, dass ungenutzter Wohnraum wieder auf den Markt kommt. In Wien stehen schätzungsweise 40.000 bis 50.000 Wohnungen leer, während gleichzeitig dringend Wohnraum benötigt wird. Eine Abgabe von beispielsweise 10 Euro pro Quadratmeter und Monat würde Eigentümer motivieren, leerstehende Immobilien zu vermieten oder zu verkaufen.
Das Modell hat in anderen europäischen Städten bereits Erfolge gezeigt. In Amsterdam führte eine ähnliche Regelung dazu, dass binnen zwei Jahren über 10.000 zusätzliche Wohnungen auf den Markt kamen. Kritiker wenden ein, dass solche Maßnahmen Eigentumsrechte beschränken und möglicherweise zu Preiserhöhungen bei vermieteten Objekten führen könnten.
Ein weiterer Schwerpunkt der ÖGJ-Kampagne liegt auf der Sanierung und dem Ausbau von Lehrlingswohnheimen. Diese Einrichtungen spielten in der Vergangenheit eine wichtige Rolle, um Jugendlichen aus ländlichen Gebieten eine Ausbildung in städtischen Zentren zu ermöglichen. Viele dieser Heime sind jedoch in die Jahre gekommen oder wurden aus Kostengründen geschlossen.
In Oberösterreich beispielsweise gibt es noch etwa 20 Lehrlingswohnheime mit insgesamt 1.200 Plätzen – bei über 20.000 Lehrlingen im Bundesland. Die Wartelisten sind entsprechend lang, und die Ausstattung entspricht oft nicht mehr zeitgemäßen Standards. Moderne Lehrlingswohnheime sollten nicht nur günstigen Wohnraum bieten, sondern auch Lernräume, Internetanschlüsse und soziale Bereiche umfassen.
Jennifer Huemer kennt diese Problematik aus eigener Erfahrung: "Viele Lehrlinge müssen weite Anfahrtswege in Kauf nehmen oder teure private Unterkünfte suchen, weil es keine angemessenen Alternativen gibt. Das bremst nicht nur ihre persönliche Entwicklung, sondern schadet auch den Unternehmen, die händeringend Fachkräfte suchen."
Die Wohnungsmisere hat weitreichende Konsequenzen für den österreichischen Arbeitsmarkt. Wenn junge Menschen sich keine Wohnung in der Nähe ihres Ausbildungs- oder Arbeitsplatzes leisten können, führt das zu einem Mismatch zwischen Arbeitskräfteangebot und -nachfrage. Unternehmen in Ballungsräumen finden schwerer qualifizierte Arbeitskräfte, während in ländlichen Gebieten Überangebot herrscht.
Besonders betroffen sind Branchen wie Gastronomie, Einzelhandel oder Handwerk, die traditionell viele Lehrlinge ausbilden. Hotels in Tourismusregionen berichten bereits von Schwierigkeiten, genügend Mitarbeiter zu finden, weil diese sich keine Unterkünfte vor Ort leisten können. Diese Entwicklung könnte sich in den kommenden Jahren noch verschärfen, wenn keine politischen Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
Gesellschaftlich führt die Wohnungsnot zu einer zunehmenden Spaltung. Während junge Menschen aus wohlhabenden Familien durch Elternunterstützung oder Erbschaften Zugang zu Eigentum finden, bleiben andere dauerhaft auf den überteuerten Mietmarkt angewiesen. Diese Entwicklung verstärkt soziale Ungleichheit und kann langfristig den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.
Ein Blick über die Grenzen zeigt unterschiedliche Ansätze im Umgang mit der Wohnungsfrage. Frankreich hat mit dem "Pass GRL" (Garantie universelle des loyers) ein System geschaffen, bei dem der Staat als Bürge für junge Mieter fungiert, die noch keine ausreichenden Sicherheiten vorweisen können. Dieses Modell könnte auch für Österreich interessant sein.
In den Niederlanden existiert ein ausgeklügeltes System von Wohnungsbaugesellschaften, die als Genossenschaften organisiert sind und günstigen Wohnraum anbieten. Der Anteil des sozialen Wohnungsbaus liegt dort bei über 30 Prozent aller Wohnungen, deutlich höher als in vielen anderen europäischen Ländern.
Skandinavische Länder wie Dänemark setzen auf eine Kombination aus staatlicher Förderung und genossenschaftlichen Modellen. Interessant ist auch das schwedische Konzept der "Allmännyttan", kommunaler Wohnungsunternehmen, die bezahlbaren Wohnraum bereitstellen und gleichzeitig als Marktregulativ fungieren.
Jennifer Huemer betont, dass sich die Gewerkschaftsjugend nicht nur mit Wohnungsfragen beschäftigen will, sondern auch die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt im Blick hat. "Junge Menschen brauchen Perspektiven. Dazu gehört eine gute Ausbildung, die auf eine digitalisierte und sich ständig verändernde Arbeitswelt vorbereitet", erklärt die neue Vorsitzende.
Die Digitalisierung bringt sowohl Chancen als auch Risiken für junge Arbeitnehmer mit sich. Einerseits eröffnen sich neue Berufsfelder und Möglichkeiten flexibler Arbeitsgestaltung, andererseits drohen traditionelle Ausbildungsberufe wegzufallen oder sich grundlegend zu verändern. Die ÖGJ sieht hier eine wichtige Aufgabe darin, sicherzustellen, dass digitale Kompetenzen bereits in der Lehrausbildung vermittelt werden.
Besonders relevant ist diese Entwicklung für Branchen wie den Einzelhandel, die Logistik oder das Bankwesen, wo Automatisierung und künstliche Intelligenz traditionelle Tätigkeiten verändern. Gleichzeitig entstehen neue Berufsbilder im IT-Bereich, im E-Commerce oder in der Datenanalyse, für die entsprechende Ausbildungsprogramme entwickelt werden müssen.
Die Gewerkschaftsbewegung steht vor der Herausforderung, ihre Rolle in einer sich wandelnden Arbeitswelt neu zu definieren. Während traditionelle Industriearbeitsplätze schwinden, wächst der Dienstleistungssektor und entstehen neue Formen der Beschäftigung wie Gig-Work oder Crowdworking. Die ÖGJ muss junge Menschen erreichen, die möglicherweise ganz andere Erwartungen an ihre Arbeitsbeziehungen haben als frühere Generationen.
Gleichzeitig zeigen aktuelle Entwicklungen, dass klassische Gewerkschaftsthemen wie faire Entlohnung, Arbeitszeiten und soziale Absicherung nichts von ihrer Relevanz verloren haben. Im Gegenteil: In einer zunehmend flexibilisierten Arbeitswelt wird der Schutz vor Ausbeutung und die Sicherung existenzieller Grundbedürfnisse wie bezahlbarem Wohnen noch wichtiger.
Die Prognosen für den österreichischen Wohnungsmarkt sind nicht ermutigend. Experten erwarten, dass sich die Situation in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird. Die Europäische Zentralbank hält die Zinsen auf hohem Niveau, was Baufinanzierungen verteuert und den Neubau bremst. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung in den Ballungsräumen weiter, was die Nachfrage nach Wohnraum zusätzlich anheizt.
Ohne politische Intervention droht eine weitere Verschärfung der sozialen Spaltung. Immer mehr junge Menschen könnten gezwungen sein, entweder bei ihren Eltern zu bleiben oder in entfernte, günstigere Gebiete zu ziehen, was ihre beruflichen Möglichkeiten einschränkt. Dies hätte negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Dynamik und die soziale Mobilität in Österreich.
Andererseits wächst das Bewusstsein für die Problematik sowohl in der Bevölkerung als auch in der Politik. Initiativen wie die ÖGJ-Kampagne tragen dazu bei, dass das Thema verstärkt öffentlich diskutiert wird. Auch auf EU-Ebene gibt es Bestrebungen, das Recht auf angemessenes Wohnen zu stärken und grenzüberschreitende Lösungsansätze zu entwickeln.
Jennifer Huemer zeigt sich kämpferisch: "Die Politik muss endlich handeln! Wir werden nicht lockerlassen, bis junge Menschen wieder eine realistische Chance auf eine eigene Wohnung haben." Mit ihrer neuen Führungsrolle in der ÖGJ will sie das Thema Wohnen dauerhaft auf der politischen Agenda halten und für konkrete Verbesserungen sorgen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob ihre Kampagne den nötigen politischen Druck aufbauen kann, um echte Veränderungen zu bewirken.