Am Samstag, dem 18. April 2024, verwandelt sich Österreichs Kultursender Ö1 in eine akustische Voliere: Der Thementag „Ö1 zwitschert" stellt die gefiederte Welt von der Morgendämmerung bis in die N
Am Samstag, dem 18. April 2024, verwandelt sich Österreichs Kultursender Ö1 in eine akustische Voliere: Der Thementag „Ö1 zwitschert" stellt die gefiederte Welt von der Morgendämmerung bis in die Nacht in den Mittelpunkt. Von authentischen Nachtigallen-Gesängen um 5.03 Uhr bis zu einer experimentellen ornithopoetischen Radio-Wanderung um 19.30 Uhr erwartet die Hörerinnen und Hörer ein außergewöhnliches Programm zwischen Naturschutz, Kunst und Wissenschaft.
Der Thementag kommt zur rechten Zeit: Mehr als die Hälfte aller Vogelarten weltweit ist rückläufig, wie aktuelle ornithologische Studien belegen. In Österreich sind besonders Feldvögel betroffen – der Bestand der Feldlerche ist in den vergangenen 20 Jahren um mehr als 50 Prozent zurückgegangen. Experten warnen vor einem stillen Frühling, wenn in den kommenden Jahrzehnten Hunderte Vogelarten aussterben könnten.
Diese Entwicklung hat weitreichende Konsequenzen für die österreichische Landschaft: Vögel fungieren als natürliche Schädlingsbekämpfer, Bestäuber und Samenverbreiter. Ein Meisenpaar verfüttert beispielsweise während der Brutzeit täglich bis zu 10.000 Insekten und deren Larven an seine Jungen. Der Verlust solcher ökologischer Dienstleistungen kostet die Landwirtschaft jährlich Millionen Euro.
Im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz steht Österreich beim Vogelschutz relativ gut da, kämpft aber mit ähnlichen Problemen. Während in Deutschland bereits 14 Prozent aller Brutvogelarten als gefährdet gelten, sind es in Österreich etwa 12 Prozent. Die Schweiz verzeichnet mit ihrer kleinräumigen Landwirtschaft und konsequenten Naturschutzpolitik bessere Erhaltungsraten bei Alpenvögeln.
Besonders dramatisch ist die Situation bei Wiesenvögeln: Der Kiebitz, einst häufiger Brutvogel in österreichischen Niederungen, brütet heute nur noch in wenigen Gebieten Niederösterreichs und des Burgenlandes. In der Schweiz gilt er bereits als ausgestorben, in Deutschland steht er auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.
Der Thementag beginnt bereits in der Vorwoche mit literarischen Betrachtungen: Die österreichische Schriftstellerin Anna Weidenholzer spricht in den „Gedanken für den Tag" über Tauben – jene Vögel, die als Kulturfolger besonders erfolgreich sind, aber dennoch polarisieren. Tauben gelten als flying rats der Städte, sind aber gleichzeitig Symbole für Frieden und Liebe.
Am Freitag, dem 17. April, präsentiert „Zeit-Ton extended" um 23.03 Uhr ein faszinierendes Projekt: Die Künstlergruppe alien productions hat Musikinstrumente speziell für Papageien entwickelt. Diese hochintelligenten Vögel können nicht nur menschliche Sprache imitieren, sondern auch rhythmische Muster erkennen und eigene musikalische Präferenzen entwickeln. Studien zeigen, dass Papageien sogar zwischen verschiedenen Musikstilen unterscheiden können.
Das Herzstück des Thementages bildet die Arbeit von ORF-Tonmeister Martin Leitner, der über Jahre hinweg ein beeindruckendes Privatarchiv mit Vogelstimmen aufgebaut hat. Seine Aufnahmen entstehen oft in den frühen Morgenstunden, wenn die akustische Konkurrenz durch Verkehrslärm minimal ist. Die Kunst liegt dabei nicht nur im technischen Können, sondern auch im Verständnis für das Verhalten der Tiere.
Um 5.03 Uhr erklingt eine ganze Stunde lang der Gesang von Nachtigallen. Diese unscheinbaren braunen Vögel gehören zu den virtuosesten Sängern Europas: Ihr Repertoire umfasst bis zu 260 verschiedene Strophen, die sie in immer neuen Kombinationen vortragen. Eine männliche Nachtigall kann pro Minute bis zu 20 verschiedene Motive singen.
Die kulturelle Faszination für Vögel zieht sich durch alle Epochen und Gesellschaften. In der österreichischen Tradition spielen sie eine besondere Rolle: Von Mozarts „Papageno" in der Zauberflöte bis zu den Wiener Lerchen, die in der Biedermeierzeit als Delikatesse galten. Auch die Falknerei, die seit 2010 UNESCO-Kulturerbe ist, hat in Österreich eine jahrhundertelange Tradition.
Um 9.05 Uhr erzählen die „Hörbilder" die berührende Geschichte von Stjepan Vokic und seiner Storchendame „Malena". Seit über 30 Jahren lebt der Mann mit dem flugunfähigen Storch zusammen – ein Beispiel für die emotionale Bindung zwischen Mensch und Vogel. Störche gelten in vielen Kulturen als Glücksbringer und Überbringer neuen Lebens.
Um 14.00 Uhr präsentiert Ö1 das Hörstück „Naturaufnahme – Stimme/Unstimme" von Martin Leitner und dem Dichter Bodo Hell. Das 2022 entstandene Werk verbindet authentische Naturaufnahmen mit poetischen Texten und schafft eine neue Form der akustischen Naturerfahrung. Zu hören sind seltene Arten wie Rotbauchunken, die nur in wenigen österreichischen Gewässern vorkommen, oder Schilfrohrsänger, deren charakteristischer Gesang typisch für Schilfgürtel an Seen ist.
Diese Art der Radiokunst, die Natur und Kunst verbindet, hat in Österreich eine besondere Tradition. Der ORF war Pionier bei der Entwicklung elektroakustischer Musik und experimenteller Radioproduktionen. Die Zusammenarbeit zwischen Technikern und Künstlern führt zu einzigartigen akustischen Erlebnissen.
Der Höhepunkt des Thementages ist die vierstündige Live-Spezialsendung „Ö1 zwitschert" von 15.05 bis 19.00 Uhr, moderiert von Eva Teimel und Peter Waldenberger. Als Inspiration dient das persische Epos „Konferenz der Vögel" von Fariduddin Attar aus dem 12. Jahrhundert – ein mystisches Werk über 30 Vögel auf der Suche nach ihrem König Simurgh.
Diese literarische Vorlage ist eine Allegorie auf die spirituelle Suche des Menschen und die Überwindung weltlicher Hindernisse. In der persischen Literatur symbolisieren Vögel oft die menschliche Seele auf ihrem Weg zur Erkenntnis. Die Übertragung dieses klassischen Motivs in den modernen Radiokontext schafft eine Verbindung zwischen orientalischer Weisheit und aktuellen Umweltfragen.
Während der Live-Sendung diskutieren Experten über die dramatische Entwicklung der Artenvielfalt. In Österreich sind von den etwa 240 Brutvogelarten bereits 28 akut gefährdet. Besonders betroffen sind Offenlandarten wie Rebhuhn, Wachtel und Brachpieper, die unter der Intensivierung der Landwirtschaft leiden.
Die Ursachen sind vielfältig: Habitatverlust durch Flächenversiegelung, intensive Landwirtschaft mit Pestizideinsatz, Klimawandel und Lichtverschmutzung. Allein in Wien kollidieren jährlich geschätzte 400.000 Zugvögel mit beleuchteten Gebäuden. Solche konkreten Zahlen verdeutlichen die Dimension des Problems.
Um 19.05 Uhr berichtet „Contra" über den „Grazer Kleinkunstvogel 2026