180.000 Niederösterreicher arbeiten in Wien und bringen Milliarden – werden aber medizinisch ausgegrenzt
Niederösterreichische Pendler erwirtschaften 10,8 Mrd. Euro in Wien, doch Wiener Spitäler weisen sie ab. NÖAAB startet Kampagne gegen Ungleichbehandlung.
Ein brisanter Konflikt zwischen Wien und Niederösterreich spaltet derzeit die österreichische Gesundheitspolitik: Während 180.000 niederösterreichische Pendler täglich in Wien arbeiten und Milliarden zur Wiener Wirtschaftsleistung beitragen, werden sie von Wiener Spitälern zunehmend abgewiesen. Der Niederösterreichische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbund (NÖAAB) schlägt nun Alarm und spricht von einer "Ungerechtigkeit", die nicht länger hingenommen werden könne.
Die aktuellen Zahlen der Pendleranalyse 2025 der Arbeiterkammer NÖ sprechen eine deutliche Sprache: Von den 683.159 erwerbstätigen Personen in Niederösterreich pendeln rund 26,4 Prozent – das sind etwa 180.000 Menschen – täglich zur Arbeit nach Wien. Diese Gruppe stellt einen unverzichtbaren wirtschaftlichen Motor für die Bundeshauptstadt dar.
Ohne die niederösterreichischen Pendler wären viele Wiener Branchen schlichtweg unterbesetzt. Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß ihrer wirtschaftlichen Bedeutung: Die in Wien arbeitenden Niederösterreicher erwirtschaften eine Bruttowertschöpfung von 10,8 Milliarden Euro. Darüber hinaus entrichten sie etwa 4,3 Milliarden Euro an Steuern und Sozialabgaben, die direkt oder indirekt der Stadt Wien zugutekommen.
Besonders ins Gewicht fallen dabei der Wohnbauförderungsbeitrag und die Kommunalsteuer, die direkt an die Stadt Wien abgeführt werden müssen. Diese Abgaben fließen in die Wiener Stadtkasse und finanzieren damit auch das Gesundheitssystem der Hauptstadt mit.
"Es kann nicht sein, dass Wien finanziell und wirtschaftlich von den in der Bundeshauptstadt arbeitenden Niederösterreicherinnen und Niederösterreichern nur nimmt, ihnen aber die vertraglich zugesicherte Gesundheitsversorgung versagt", zeigt sich Christiane Teschl-Hofmeister, Landesobfrau des NÖAAB, empört über die aktuelle Situation.
Die NÖAAB-Funktionärin unterstützt die kürzlich vorgestellte Kampagne der Volkspartei NÖ "Schluss mit Blockieren. Wien muss operieren!" und fordert einen Schulterschluss aller niederösterreichischen Arbeitnehmer. Das Ziel: Die Gesundheitsversorgung in Wien dürfe nicht vom Meldezettel abhängig gemacht werden.
Verschärft wird der Konflikt durch die Regelungen des Finanzausgleiches. "Im Rahmen des Finanzausgleiches verzichtet Niederösterreich zugunsten der Stadt Wien jährlich auf 500 Millionen Euro, damit die Behandlung unserer Landsleute sichergestellt ist", erklärt NÖAAB-Landesgeschäftsführerin Katja Seitner. Diese beträchtliche Summe sollte eigentlich dafür sorgen, dass niederösterreichische Patienten in Wiener Spitälern behandelt werden.
Seitner kritisiert scharf: "Wenn der Wiener Gesundheitslandesrat Geld für die Stadt sucht, soll er dies nicht auf den Rücken der Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher austragen. Es ist paradox, dass selbst Pendlerinnen und Pendler, die jeden Tag aufstehen, um in Wien zu arbeiten und ihre Abgaben leisten, von dieser Ungerechtigkeit betroffen sind."
Der Konflikt um die Behandlung niederösterreichischer Patienten in Wiener Spitälern ist nicht neu, hat aber in den vergangenen Monaten an Schärfe gewonnen. Wiener Gesundheitseinrichtungen argumentieren mit Kostendruck und Kapazitätsproblemen, während niederösterreichische Vertreter auf bestehende Vereinbarungen und die wirtschaftlichen Beiträge ihrer Bürger verweisen.
Besonders brisant wird die Situation für Notfälle und dringende medizinische Behandlungen. Wenn niederösterreichische Patienten von Wiener Spitälern abgewiesen werden, müssen sie oft weite Wege in Kauf nehmen oder auf weniger spezialisierte Einrichtungen ausweichen.
Für die 180.000 Pendler bedeutet diese Situation eine besonders schwierige Lage. Sie arbeiten täglich in Wien, zahlen dort ihre Steuern und Sozialabgaben, leben aber weiterhin in Niederösterreich. Im medizinischen Notfall während der Arbeitszeit oder bei chronischen Erkrankungen, die eine spezialisierte Behandlung erfordern, können sie nun nicht mehr selbstverständlich auf die Wiener Gesundheitsinfrastruktur zugreifen.
Diese Situation trifft besonders jene Berufsgruppen hart, die in Wien unentbehrlich sind: von Pflegekräften über Techniker bis hin zu Büroangestellten. Viele von ihnen haben sich bewusst für ein Leben in Niederösterreich entschieden, um von niedrigeren Lebenshaltungskosten zu profitieren, während sie gleichzeitig in Wien arbeiten.
"Es darf nicht sein, dass unsere niederösterreichischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer trotz Millionen-Zahlungen plötzlich von Wiener Spitälern abgewiesen werden, nur weil sie aus Niederösterreich sind", betonen Teschl-Hofmeister und Seitner gemeinsam.
Um gegen diese Praxis vorzugehen, wurde eine umfassende Informationskampagne gestartet. Unter der Website www.gastpatienten.at können sich Betroffene über ihre Rechte informieren und eine Petition unterschreiben. Die Plattform bietet detaillierte Zahlen und Fakten zur aktuellen Situation und soll Druck auf die politischen Entscheidungsträger ausüben.
Der Streit um die Gesundheitsversorgung hat auch eine deutliche politische Dimension. Während die ÖVP Niederösterreich von einer "Blockadehaltung" Wiens spricht, verweisen Wiener Politiker auf die angespannte Finanzlage der städtischen Spitäler und fordern eine grundlegende Reform der Finanzierungsstrukturen.
Die Auseinandersetzung zeigt exemplarisch die Herausforderungen des österreichischen Föderalismus auf, wenn es um die Finanzierung und Organisation öffentlicher Dienstleistungen geht. Besonders in Ballungsräumen wie Wien-Niederösterreich, wo die administrativen Grenzen nicht mit den wirtschaftlichen und sozialen Realitäten übereinstimmen, entstehen solche Konflikte.
Der NÖAAB fordert eine rasche Lösung des Konflikts und die Einhaltung bestehender Vereinbarungen. Die Organisation sieht in der aktuellen Praxis einen Verstoß gegen das Prinzip der Solidarität im österreichischen Gesundheitssystem.
Eine Lösung des Konflikts scheint nur durch politische Verhandlungen auf höchster Ebene möglich. Dabei müssten sowohl die finanziellen Interessen Wiens als auch die berechtigten Ansprüche der niederösterreichischen Pendler berücksichtigt werden.
Die weitere Entwicklung wird zeigen, ob eine Einigung zwischen den Ländern möglich ist oder ob der Bund eingreifen muss, um eine für alle Seiten akzeptable Lösung zu finden. Klar ist jedoch: Die 180.000 Pendler verdienen eine faire Behandlung – sowohl wirtschaftlich als auch medizinisch.