Die wirtschaftlichen Aussichten für Österreich haben sich binnen weniger Wochen dramatisch verschlechtert. Was noch vor kurzem als zufriedenstellende Entwicklung galt, bereitet Nationalbank-Chef Ma...
Die wirtschaftlichen Aussichten für Österreich haben sich binnen weniger Wochen dramatisch verschlechtert. Was noch vor kurzem als zufriedenstellende Entwicklung galt, bereitet Nationalbank-Chef Martin Kocher nun erhebliche Sorgen. Bei der heutigen Aussprache im Finanzausschuss des Nationalrats präsentierte er düstere Szenarien: Sollten die Preise für Rohöl und Gas weiter steigen, würde das Wirtschaftswachstum um 0,25 Prozent schrumpfen und die Inflationsrate um 0,5 Prozentpunkte auf 2,9 Prozent ansteigen. "Niemand hat eine Glaskugel", räumte Kocher ein und verwies auf die unvorhersagbare geopolitische Lage.
Die Österreichische Nationalbank (OeNB) musste ihre ursprünglich optimistischen Prognosen vom Dezember 2025 vollständig revidieren. Damals rechnete man noch mit einem soliden BIP-Wachstum von 0,8 Prozent und einer kontrollierten Inflation von 2,4 Prozent. Doch die aktuellen geopolitischen Verwerfungen, insbesondere der anhaltende Konflikt im Nahen Osten, haben diese Berechnungen obsolet gemacht.
Die Risikofaktoren sind vielfältig und schwer kalkulierbar: Von einer möglichen Ausweitung des Krieges über die Zerstörung kritischer Infrastruktur bis hin zu drastisch steigenden Preisen für Düngemittel reicht das Spektrum der Bedrohungen. Besonders beunruhigend für die österreichische Exportwirtschaft ist der deutliche Rückgang der Ausfuhren in die USA, der vor allem die lukrativen Pharma- und immunologischen Produkte betrifft.
Die OeNB wird am 24. März ihre überarbeiteten Wirtschaftsprognosen vorlegen, die alle aktuellen Entwicklungen berücksichtigen sollen. Parallel dazu steht die Europäische Zentralbank (EZB) vor schwierigen geldpolitischen Entscheidungen. Bereits am kommenden Donnerstag tagt der EZB-Rat, wobei die Marktteilnehmer für das Jahr 2026 mit ein bis zwei Zinsanhebungsschritten rechnen.
Der österreichische Immobilienmarkt befindet sich in einer kritischen Phase. Die KIM-Verordnung (Kreditinstitute-Immobilienfinanzierungsmaßnahmen-Verordnung), die 2022 eingeführt wurde, sollte ursprünglich spekulative Überhitzung verhindern. Stattdessen wirkte sie laut NEOS-Politiker Christoph Pramhofer als "Brandbeschleuniger" und verschärfte die Probleme im Gewerbeimmobiliensektor erheblich.
Besonders dramatisch ist die Situation bei notleidenden Krediten im Gewerbeimmobilienbereich, wo die Ausfallsquote bereits bei alarmierenden 8,3 Prozent liegt. Diese Entwicklung wird von internationalen Ratingagenturen genau beobachtet und könnte weitere negative Auswirkungen auf das österreichische Bankensystem haben.
Um mehr Transparenz in den undurchsichtigen Immobilienmarkt zu bringen, hat die OeNB den sogenannten "Immo-Hub" geschaffen. Diese digitale Plattform stellt der Öffentlichkeit erstmals hochwertige Daten und fundierte Analysen zentral zur Verfügung. Das erste Produkt ist das Wohnimmobilien-Dashboard, das in Kürze durch einen Gewerbeimmobilienpreisindex ergänzt werden soll.
ÖVP-Abgeordneter Andreas Minnich sprach von einer regelrechten "Kreditklemme", die vor allem junge Menschen trifft. Die Kosten für den Immobilienerwerb sind in den letzten 15 bis 20 Jahren deutlich stärker gestiegen als die Einkommen. Während das durchschnittliche Nettoeinkommen moderat wuchs, explodierten die Immobilienpreise förmlich.
Kocher räumte ein, dass in den Boomjahren 2021 und 2022 "zu teuer gebaut" wurde. Die Bauwirtschaft, normalerweise ein wichtiger volkswirtschaftlicher Motor, leidet nun unter den Folgen der überhitzten Märkte. Immerhin sei bei der Nachfrage nach Privatimmobilien bereits ein leichter Anstieg bemerkbar, was auf eine mögliche Bodenbildung hindeutet.
Während die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs unaufhaltsam voranschreitet, kämpft die OeNB an einer anderen Front: der Sicherstellung der Bargeldversorgung im ländlichen Raum. Die Bankomaten-Initiative der Nationalbank ist eine direkte Antwort auf das massive Bankomatensterben der letzten Jahre.
Bereits 42 Bankomaten der OeNB sind in Betrieb, im Endausbau sollen es 100 bis 120 Geräte werden. Diese Initiative ist jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wie SPÖ-Politiker Kai Jan Krainer kritisierte. Er bezeichnete das Projekt als "Notlösung" und prangerte an, dass private Banken ihre Geräte nur dort aufstellen, wo sie profitable Geschäfte erwarten.
Um das weitere Verschwinden von Bankomaten zu stoppen, hat die OeNB mit den Banken ein Memorandum vereinbart. Demnach dürfen bis 2029 per Saldo keine Bankomaten mehr abgebaut werden. Zusätzlich setzt sich die Nationalbank für eine strenge und umfassende Annahmepflicht von Bargeld ein, die auch auf europäischer Ebene vorangetrieben werden soll.
Parallel zur Bargeld-Offensive arbeitet die OeNB intensiv an der Einführung des digitalen Euro. Dabei übernimmt Österreich eine federführende Rolle bei IT-Systemen und Risikomanagement. Kocher sieht darin nicht nur ein zusätzliches digitales Zahlungsmittel, sondern vor allem ein strategisches Konzept für europäische Souveränität.
Derzeit dominieren außereuropäische Unternehmen den digitalen Zahlungsverkehr und erzielen dabei Gewinne im zweistelligen Milliardenbereich. Das Gesamtprojekt des digitalen Euro wird 1,3 Milliarden Euro kosten, wobei jährlich 300 Millionen Euro für den Betrieb anfallen werden.
Trotz aller Unwägbarkeiten präsentiert sich der österreichische Bankensektor in einer robusten Verfassung. Vize-Gouverneurin Edeltraud Stiftinger berichtete, dass die Gewinne der Banken 2025 zwar um 25 Prozent auf 8,2 Milliarden Euro gesunken sind, sich aber weiterhin auf einem historisch hohen Niveau bewegen.
Besonders erfreulich entwickelt sich die Kapitalausstattung der Kreditinstitute, die mit 18,4 Prozent ein historisches Hoch erreicht hat. Diese solide Kapitalbasis ist entscheidend für die Stabilität des Finanzsystems und die Kreditversorgung der Wirtschaft.
Als Reaktion auf die Probleme im Gewerbeimmobiliensektor wurde 2025 ein "sektoraler Systempuffer" von einem Prozent eingeführt. Auf Empfehlung des Finanzmarktstabilitätsgremiums soll dieser ab Juli auf 3,5 Prozent ausgedehnt werden. Die finale Entscheidung darüber liegt jedoch beim Finanzminister.
Kritik gab es von SPÖ-Seite am Reservemanagement der OeNB, da es nicht Aufgabe der Notenbank sei, damit Geld zu verdienen. Stiftinger verteidigte jedoch die langfristige, stabile Anlagestrategie der Nationalbank. Generell hätten alle Notenbanken Verluste geschrieben, doch durch die langfristige Ausrichtung könnten diese durch spätere Gewinne ausgeglichen werden.
Die Gesamtreserven der OeNB belaufen sich auf 49 Milliarden Euro. Bei der Veranlagung gelten strenge Regularien, und die Bank hat den Anspruch, einen Teil der eigenen Kosten zu erwirtschaften. Wichtig sei dabei, dass keine Kosten für die Steuerzahler entstehen, betonte Stiftinger.
Finanzminister Markus Marterbauer zeigte sich trotz der düsteren Prognosen kämpferisch. Das von Kocher skizzierte Negativ-Szenario würde das gesamtstaatliche Defizit um 0,1 Prozent erhöhen - ein verkraftbarer Wert. Entscheidend sei die nächste WIFO-Prognose am 10. April, die mehr Klarheit bringen soll.
Der Finanzminister versicherte, dass sein Ressort bei der Budgeterstellung alle verfügbaren Prognosen berücksichtige, nicht nur die des WIFO. Aus vergangenen Krisen habe man gelernt, dass gezieltes, frühzeitiges und strategisches Eingreifen in die Preise notwendig sei.
Die Regierung hat bereits ein umfangreiches Maßnakenpaket geschnürt: Ab 1. April bringt der Sozialtarif beim Strom eine spürbare Entlastung für 400.000 Haushalte. Die Halbierung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel entlastet Familien direkt beim Einkauf. Der zweite Teil der Mietpreisbremse soll die Wohnkosten dämpfen.
Langfristig setzt Marterbauer vor allem auf den intensiven Ausbau der Windkraft und den raschen Ausstieg aus fossilen Energieträgern. Nur so könne Österreich seine Abhängigkeit von volatilen Energiemärkten reduzieren und gleichzeitig die Klimaziele erreichen.
Die Entwicklungen der kommenden Wochen werden zeigen, ob die pessimistischen Szenarien der Nationalbank eintreten oder ob sich die Lage stabilisiert. Eines ist jedoch klar: Die österreichische Wirtschaft steht vor herausfordernden Monaten, die sowohl von der Politik als auch von den Bürgern Anpassungen erfordern werden. Die nächsten Prognosen Ende März werden wegweisend für die weitere wirtschaftspolitische Strategie des Landes sein.