Am 27. Mai 2025 erlebte das österreichische Parlament ein Ereignis der besonderen Art: das Lehrlingsparlament. 80 motivierte Lehrlinge aus Vorarlberg, Oberösterreich und Wien schlüpften in die Rolle von Abgeordneten und tauchten in die Welt der Gesetzgebung ein. Diese Initiative zur politischen Bild
Am 27. Mai 2025 erlebte das österreichische Parlament ein Ereignis der besonderen Art: das Lehrlingsparlament. 80 motivierte Lehrlinge aus Vorarlberg, Oberösterreich und Wien schlüpften in die Rolle von Abgeordneten und tauchten in die Welt der Gesetzgebung ein. Diese Initiative zur politischen Bildung bot den jungen Teilnehmern eine Plattform, um den politischen Prozess hautnah zu erleben und eigene Ideen einzubringen.
Die abschließende Plenarsitzung im Hohen Haus war kaum von einer regulären Nationalratssitzung zu unterscheiden. Die Lehrlinge, die an diesem Tag die Abgeordnetenrollen übernahmen, hatten sich in den Tagen zuvor in Fraktionen organisiert, Mehrheiten gesucht und Ausschusssitzungen abgehalten. Das Ziel: Ein fiktives Gesetz zu verabschieden, das neue Pflichten für Lehrlinge regeln sollte.
„Spannend, wie viele verschiedene Meinungen es zu einem kurzen Gesetzestext geben kann“, resümierte eine Teilnehmerin die lebhaften Debatten. Die Diskussionen verdeutlichten, dass Politik vor allem aus Kompromissen besteht, um gemeinsame Lösungen zu finden.
Die Lehrlinge bearbeiteten einen fiktiven Gesetzesentwurf, der die Einführung von Leitfäden für den Umgang mit Lehrlingen vorsah. Diese sollten verpflichtend für alle Lehrbetriebe werden. Zahlreiche Unternehmen hatten bereits positive Erfahrungen mit solchen Leitfäden gemacht, die den Jugendlichen klare und verständliche Regeln für ihre Ausbildung bieten.
Die Lehrlinge stimmten dem Entwurf mehrheitlich zu, nachdem sie ihn mit eigenen Abänderungen versehen hatten. Diese Änderungen wurden in Ausschüssen ausgearbeitet, wo die jungen Politiker Mehrheiten bildeten und Koalitionen schlossen.
Unterstützt wurden die Jugendlichen von Abgeordneten aller großen Parteien, darunter Maximilian Weinzierl (FPÖ), Lukas Brandweiner (ÖVP), Roland Baumann (SPÖ), Ines Holzegger (NEOS) und Markus Koza (Grüne). Der Nationalratspräsident Walter Rosenkranz übernahm den Vorsitz der abschließenden Plenarsitzung.
Ein zentraler Punkt der Debatte war der Vorschlag, einen verpflichtenden Leitfaden in den Lehrvertrag aufzunehmen. Eine Teilnehmerin betonte, dass dies gleich zu Beginn für Klarheit über die Pflichten sorgen würde. Anstelle der ursprünglich geplanten Dokumentation des Lernerfolgs sollten regelmäßige Gespräche im Betrieb stattfinden. Auch Verwarnungen bei Regelverstößen wurden diskutiert. Die Lehrlinge entschieden sich gegen Gehaltskürzungen, die im ursprünglichen Entwurf vorgesehen waren.
Die Koalitionsparteien, die sich im Rahmen des Lehrlingsparlaments gebildet hatten, setzten sich für Erleichterungen bei der Dokumentation des Lernerfolgs ein. Diese wurde schließlich durch regelmäßigen Austausch ersetzt. Auch die Gehaltskürzungen wurden gestrichen. Die Gesetzesvorlage sei ein „Diamant, der erst zu schleifen war“, hieß es in der Debatte.
Eine lebhafte Diskussion entspann sich zwischen den jungen Koalitions- und Oppositionspolitikern. Ein Redner der Koalitionsparteien lobte die „konstruktiven Kräfte“, die sich durchgesetzt hätten, und den „echten Mehrwert“, den das Gesetz bringe. Ein Vertreter der Opposition kritisierte jedoch, dass die Handynutzung nicht gesetzlich geregelt werden solle und sah die Freiheit der Lehrlinge eingeschränkt. Dennoch fand die Mehrheit der Regelungen Zustimmung.
Insgesamt brachten die Lehrlinge sechs Entschließungen ein, von denen nur eine einstimmig angenommen wurde. Ein aktuelles Thema war die Besteuerung von Trinkgeld, gegen die sich die Lehrlinge einhellig aussprachen. Weitere Anträge betrafen die Verbesserung der Bedingungen für pharmazeutisch-kaufmännische Assistenzkräfte, die Besteuerung von Überstunden und die Kontrolle der Lehrausbildung. Ein Vorschlag für ein Informationsblatt zu den Rechten und Pflichten der Lehrlinge fand keine Mehrheit.
Nationalratspräsident Walter Rosenkranz lobte das Engagement und Selbstbewusstsein der Lehrlinge. Er hob hervor, dass die „Kunst, die Dinge beim Namen zu nennen“ und der „gute Wille“ oft angesprochen wurden. Auch der „Kompromiss“ als politisches Prinzip wurde häufig thematisiert.
Die Abgeordneten, die die Lehrlinge begleiteten, zeigten sich beeindruckt. Maximilian Weinzierl (FPÖ) gratulierte zur Bildung einer Koalition und betonte, dass auch die Opposition etwas bewirken könne. Lukas Brandweiner (ÖVP) appellierte an die Lehrlinge, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Roland Baumann (SPÖ) lobte das duale Ausbildungssystem Österreichs und forderte die Lehrlinge auf, sich weiter politisch einzubringen. Ines Holzegger (NEOS) und Markus Koza (Grüne) betonten die Wichtigkeit einer kompromissbereiten Politik und einer starken Opposition.
Das Lehrlingsparlament ist ein jährliches Angebot des österreichischen Parlaments zur politischen Bildung. Es bietet Lehrlingen aus ganz Österreich die Möglichkeit, die Rolle von Abgeordneten zu übernehmen und den Gesetzgebungsprozess hautnah zu erleben. Die diesjährigen Teilnehmer kamen von verschiedenen Berufsschulen und Unternehmen, darunter die Berufsschule Altmünster, die Landesberufsschule Dornbirn 2, die Berufsschule Kremsmünster, die Parlamentsdirektion, die Wiener Wohnen Kundenservice GmbH, die Berufsschule Wels 3 und die Wiener Wohnen Hausbetreuung.
Für viele der jungen Teilnehmer war das Lehrlingsparlament eine wertvolle Erfahrung, die ihr Verständnis für politische Prozesse und die Bedeutung von Demokratie vertiefte. Die Veranstaltung zeigte, wie wichtig es ist, junge Menschen frühzeitig in politische Entscheidungsprozesse einzubinden und ihnen eine Stimme zu geben.
Weitere Informationen zum Lehrlingsparlament finden Interessierte unter www.reininsparlament.at. Die Plenarsitzung des Lehrlingsparlaments ist als Video-on-Demand in der Mediathek des Parlaments verfügbar.