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Krebs durch HPV: Neue Therapie-Konzepte bei Anogenitalkrebs

16. März 2026 um 11:17
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Ein revolutionäres medizinisches Konzept verändert die Behandlung von Krebs im Anogenitalbereich grundlegend. Während bisher alle Karzinome in diesem sensiblen Körperbereich ähnlich behandelt wurde...

Ein revolutionäres medizinisches Konzept verändert die Behandlung von Krebs im Anogenitalbereich grundlegend. Während bisher alle Karzinome in diesem sensiblen Körperbereich ähnlich behandelt wurden, unterscheidet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) heute zwischen zwei völlig verschiedenen Krebsarten: solchen, die durch Humane Papillom Viren (HPV) verursacht werden, und jenen, die völlig unabhängig davon entstehen. Diese Erkenntnis führt zu einem dualen Behandlungsansatz, der Leben retten kann – besonders bei den aggressiveren HPV-unabhängigen Tumoren, die sich innerhalb weniger Monate zu tödlichem Krebs entwickeln können.

Was sind Humane Papillom Viren und wie entstehen HPV-bedingte Krebsarten?

Humane Papillom Viren, kurz HPV, sind eine Gruppe von über 200 verschiedenen Virustypen, die ausschließlich Menschen befallen. Diese Viren infizieren Haut- und Schleimhautzellen und werden hauptsächlich durch Geschlechtsverkehr übertragen. Etwa 80 Prozent aller sexuell aktiven Menschen infizieren sich mindestens einmal im Leben mit HPV. Die meisten Infektionen verlaufen symptomlos und heilen von selbst ab. Problematisch werden jedoch bestimmte Hochrisiko-HPV-Typen wie HPV 16 und HPV 18, die für etwa 70 Prozent aller Gebärmutterhalskrebsfälle verantwortlich sind.

Der Anogenitalbereich umfasst alle Geschlechtsorgane und den Analbereich: Gebärmutterhals (Zervix), Vulva (äußere weibliche Geschlechtsorgane), Penis und Anus. HPV-Infektionen in diesen Bereichen können nach Jahren oder sogar Jahrzehnten zu Krebsvorstufen und schließlich zu invasiven Karzinomen führen. Besonders betroffen sind dabei Plattenepithelkarzinome – eine spezielle Form von Hautkrebs, die aus den oberflächlichen Schichten der Haut oder Schleimhaut entsteht.

HPV-positive versus HPV-negative Krebsarten: Ein fundamentaler Unterschied

Die bahnbrechende Erkenntnis der modernen Onkologie liegt in der Unterscheidung zwischen HPV-positiven und HPV-negativen Karzinomen. Prof. Dr. Sigrid Regauer von der Medizinischen Universität Graz, eine international anerkannte Expertin für anogenitale Erkrankungen und WHO-Autorin, erklärt die dramatischen Unterschiede: "HPV ist für 95 Prozent aller Plattenepithelkarzinome am Gebärmutterhals und Anus verantwortlich. Bei Vulva- und Peniskrebs hingegen werden nur etwa die Hälfte durch HPV verursacht."

Diese Unterscheidung hat weitreichende Konsequenzen für Patienten und Behandlungsteams. HPV-positive Krebsarten entwickeln sich sehr langsam – oft vergehen 10 bis 30 Jahre zwischen der ersten Infektion und dem Auftreten invasiver Karzinome. Diese lange Entwicklungszeit bietet ausreichend Gelegenheit für Früherkennungsmaßnahmen und verschiedene Behandlungsoptionen bei Krebsvorstufen.

HPV-negative Krebsarten hingegen verhalten sich völlig anders. Sie entstehen meist auf dem Boden chronischer Entzündungen, sogenannter Dermatosen, und können sich innerhalb von nur drei bis vier Jahren zu lebensbedrohlichen invasiven Karzinomen entwickeln. "Das sind hochaggressive, schnell voranschreitende Läsionen, die sich in wenigen Monaten entwickeln können", warnt Prof. Regauer.

Dermatosen als Krebsrisiko: Wenn das Immunsystem zum Problem wird

Zwei Drittel aller HPV-unabhängigen Penis- und Vulvakarzinome entstehen auf dem Boden chronischer Hauterkrankungen, den sogenannten Dermatosen. Die häufigsten sind Lichen planus und Lichen sclerosus – chronisch-entzündliche Hauterkrankungen, die mit starkem Juckreiz, Schmerzen und charakteristischen Hautveränderungen einhergehen.

Lichen sclerosus ist eine Autoimmunerkrankung, die bevorzugt die Genital- und Analregion befällt. Die Haut wird dünn, glänzend weiß und sehr empfindlich. Unbehandelt kann sie zu Narbenbildung und Gewebeschädigung führen. Lichen planus hingegen zeigt sich durch violette, polygonale Papeln und kann sowohl Haut als auch Schleimhäute betreffen.

Diese Dermatosen zählen zu den Immundysregulierungen und treten häufig zusammen mit anderen Autoimmunerkrankungen auf. Betroffene leiden oft gleichzeitig unter Hashimoto-Schilddrüsenentzündung, Vitiligo (Weißfleckenkrankheit) oder Schuppenflechte. "Idealerweise sollte bei der Diagnose von Dermatosen im Intimbereich auch nach klassischen Autoimmunerkrankungen gefragt werden", empfiehlt Prof. Regauer.

Behandlungsstrategien: Schnell versus bedacht vorgehen

Die unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten der beiden Krebstypen erfordern völlig verschiedene Behandlungsansätze. Bei HPV-positiven Krebsvorstufen haben Ärzte und Patienten Zeit, verschiedene Therapieoptionen auszuprobieren. Neben chirurgischen Eingriffen und Lasertherapie können auch zeitintensive medikamentöse Behandlungen eingesetzt werden. Besonders erfolgreich ist die mehrmonatige Therapie mit Imiquimod, einem Immunmodulator, der das körpereigene Immunsystem zur Bekämpfung der abnormalen Zellen anregt.

Bei HPV-negativen Krebsvorstufen hingegen ist schnelles Handeln gefragt. Diese sprechen nicht auf Imiquimod an und erfordern meist sofortige chirurgische Intervention. "Diese Zeit haben wir bei HPV-unabhängigen, entzündungsassoziierten Krebsvorstufen leider nicht", betont Prof. Regauer. Die Behandlung der zugrundeliegenden Dermatosen ist dabei entscheidend für die Prävention.

Bei Frauen mit vulvären Dermatosen haben sich Kortisonsalben als hochwirksam erwiesen. Diese entzündungshemmenden Medikamente können die chronische Entzündung kontrollieren und das Krebsrisiko signifikant senken. Bei Männern entstehen durch die chronischen Entzündungen oft Vorhautverengungen, die eine Beschneidung (Zirkumzision) erforderlich machen. Diese operative Maßnahme ist oft kurativ und verhindert die Weiterentwicklung zu Krebs.

Anatomische Unterschiede erklären Krebsverteilung

Die unterschiedliche Verteilung von HPV-positiven und HPV-negativen Krebsarten in den verschiedenen anatomischen Regionen lässt sich durch die unterschiedlichen Gewebetypen erklären. Der Gebärmutterhals besteht aus verschiedenen Epithelarten: Der äußere Muttermund ist von unverhornter, mehrschichtiger Schleimhaut bedeckt, während der innere Gebärmutterhalskanal nur von einschichtigem Epithel mit Reservezellen ausgekleidet ist.

Diese Reservezellen sind besonders anfällig für HPV-Infektionen und gelten als primärer Infektionsherd. Sie kommen ausschließlich im Gebärmutterhals vor, nicht aber an Vulva, Vagina oder Penis. Diese anatomische Besonderheit erklärt, warum HPV-bedingte Krebsarten am Gebärmutterhals so häufig sind – 95 Prozent aller Zervixkarzinome sind HPV-positiv.

Die verhornte Haut von Vulva und Penis ist robuster gegenüber HPV-Infektionen, aber anfälliger für chronische Entzündungen, die zu HPV-negativen Karzinomen führen können. Diese anatomischen Unterschiede sind entscheidend für das Verständnis der verschiedenen Krebsentstehungswege und die Entwicklung gezielter Präventionsstrategien.

Diagnostische Fortschritte und neue WHO-Klassifikationen

Die Erforschung HPV-unabhängiger Krebsarten ist ein relativ junges Gebiet der Onkologie. Erst in den letzten zehn Jahren wurden HPV-negative Plattenepithelkarzinome am Gebärmutterhals systematisch dokumentiert und 2020 erstmals in die WHO-Klassifikation "Tumor of the Female Genital Tract" aufgenommen.

Prof. Regauer und ihr Team an der Medizinischen Universität Graz leisteten Pionierarbeit in diesem Bereich. 2022 und 2023 gelang der Arbeitsgruppe die Erstpublikation der histologischen und molekularen Klassifikation HPV-negativer zervikaler Vorstufen. Diese entsprechen den bereits bekannten Klassifikationen für Vulva- und Peniskrebsvorstufen und bilden die Grundlage für die neue WHO-Klassifikation, die 2026 erscheinen wird.

Die molekulare Charakterisierung dieser Tumoren ermöglicht es, sie bereits im Frühstadium sicher zu identifizieren und entsprechende Behandlungsstrategien einzuleiten. Moderne diagnostische Verfahren können HPV-Status, Gewebetyp und Entzündungsmarker bestimmen und so eine präzise Therapieplanung ermöglichen.

Österreichische Expertise im internationalen Fokus

Der EUROGIN-Kongress, einer der weltweit führenden internationalen Kongresse zu HPV-Infektionen und damit verbundenen Krebserkrankungen, findet vom 18. bis 21. März im Austria Center Vienna statt. Diese Veranstaltung unterstreicht Österreichs führende Rolle in der Erforschung anogenitaler Krebserkrankungen.

Das Austria Center Vienna, Österreichs größtes Kongresszentrum mit 21 Sälen und 134 Meetingräumen, bietet den idealen Rahmen für den wissenschaftlichen Austausch zwischen internationalen Experten. Der Kongress fokussiert auf Prävention und Diagnostik von HPV-Infektionen und bringt Forscher, Kliniker und Gesundheitspolitiker zusammen.

Die österreichische Forschung, insbesondere die Arbeiten der Medizinischen Universität Graz, hat international Anerkennung gefunden. Prof. Regauers Beitrag zur WHO-Klassifikation zeigt die hohe Qualität der heimischen medizinischen Forschung und deren Bedeutung für die weltweite Krebsbehandlung.

Scham und Stigmatisierung überwinden

Ein großes Problem in der Behandlung anogenitaler Erkrankungen ist die Scham der Betroffenen. Viele Patienten zögern, bei Beschwerden im Intimbereich medizinische Hilfe zu suchen. "Das passiert leider – vielfach aus großem Schamgefühl der betroffenen Menschen – nicht immer", bedauert Prof. Regauer.

Diese Verzögerungen können bei HPV-negativen Krebsarten fatal sein, da sie sich schnell entwickeln. Früherkennung ist hier besonders wichtig. Prof. Regauer appelliert daher an die Betroffenen, keine falsche Scham zu zeigen, und an die Gesellschaft, Patienten mit Anogenitalkrebs nicht zu stigmatisieren.

Aufklärung und Entstigmatisierung sind wichtige Säulen der Krebsprävention. Offene Gespräche über Intimgesundheit, regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und professionelle Beratung können Leben retten. Besonders bei chronischen Hauterkrankungen im Intimbereich ist eine frühzeitige und konsequente Behandlung entscheidend.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Schlüssel zum Erfolg

Die Behandlung anogenitaler Erkrankungen erfordert die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. Gynäkologen, Urologen, Dermatologen, Pathologen und Onkologen müssen eng kooperieren, um optimale Behandlungsergebnisse zu erzielen.

Prof. Regauer setzt sich als Präsidentin der "Interdisziplinären Interessensgemeinschaft Vulvaerkrankungen" gemeinsam mit der niedergelassenen Gynäkologin Dr. Barbara Eberz für bessere Ausbildung und Information aller beteiligten Fachdisziplinen ein. "Da es bei der Entstehung von HPV-unabhängigen Vulva- und Peniskrebs einen sehr starken Zusammenhang mit chronischen lichenoiden Entzündungen gibt, ist es wichtig, dass alle Therapeuten darüber informiert sind."

Spezifische Fortbildungsinitiativen und interdisziplinäre Kooperationen werden ausgebaut, um das Bewusstsein für die Bedeutung chronischer Dermatosen als Krebsrisikofaktor zu schärfen. Nur durch koordinierte Anstrengungen aller Beteiligten können Diagnose- und Behandlungszeiten verkürzt und Behandlungsergebnisse verbessert werden.

Zukunftsperspektiven: Präzisionsmedizin und personalisierte Therapien

Die Zukunft der Anogenitalkrebsbehandlung liegt in der Präzisionsmedizin. Durch die genaue molekulare Charakterisierung der Tumoren können individuell angepasste Therapien entwickelt werden. HPV-positive Tumoren sprechen beispielsweise oft gut auf Immuntherapien an, da das Immunsystem die viralen Proteine als fremd erkennt.

Für HPV-negative Krebsarten werden neue Therapieansätze erforscht, die gezielt die chronischen Entzündungsprozesse unterbrechen. Biologika, die bereits bei anderen Autoimmunerkrankungen erfolgreich eingesetzt werden, könnten auch bei der Behandlung von Dermatosen und deren Krebsrisiko wirksam sein.

Die HPV-Impfung, die bereits erfolgreich zur Prävention HPV-bedingter Krebsarten eingesetzt wird, könnte in Zukunft noch breiter angewendet werden. Auch therapeutische HPV-Impfungen, die bei bereits infizierten Personen eingesetzt werden, befinden sich in der Entwicklung.

Österreich ist mit seiner hochqualifizierten Forschung und modernen medizinischen Infrastruktur gut positioniert, um an diesen Entwicklungen teilzuhaben und internationale Standards mitzugestalten. Der EUROGIN-Kongress in Wien zeigt das internationale Vertrauen in die österreichische Expertise und bietet die Gelegenheit, neueste Forschungsergebnisse zu präsentieren und internationale Kooperationen zu vertiefen.

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