Seniorenbundpräsidentin kritisiert Paradox zwischen Fachkräftemangel und Altersdiskriminierung
Während die Regierung eine neue Fachkräftestrategie plant, steigt die Arbeitslosigkeit bei Älteren deutlich an. Korosec sieht darin ein Paradox.
Die österreichische Regierung will ab März eine umfassende Fachkräftestrategie entwickeln, um dem wachsenden Mangel an qualifizierten Arbeitskräften entgegenzuwirken. Sozialministerin Korinna Schumann verwies nach dem gestrigen Ministerrat auf das paradoxe Phänomen, dass einerseits die Arbeitslosigkeit steigt, andererseits aber in vielen Bereichen dringend Fachkräfte gesucht werden.
Seniorenbundpräsidentin Ingrid Korosec macht auf ein besonders brisantes Problem aufmerksam: Die Arbeitslosigkeit unter älteren Arbeitnehmern steigt kontinuierlich an. Die aktuellen Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Jänner 2024 waren 116.749 Menschen über 50 Jahre arbeitslos – das entspricht einem Anstieg von 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.
Besonders problematisch ist dabei die Langzeitarbeitslosigkeit, von der ältere Arbeitnehmer überproportional betroffen sind. Einmal aus dem Berufsleben herausgefallen, finden sie nur schwer wieder einen Arbeitsplatz. Eine Statistik verdeutlicht das Ausmaß der Altersdiskriminierung am Arbeitsmarkt: 30 Prozent der Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten haben niemanden über 60 Jahre angestellt.
"Fachkräftemangel zu beklagen, gleichzeitig aber Ältere zu kündigen oder nicht anzustellen, ist paradox", kritisiert Korosec die aktuelle Situation. Die Seniorenbundpräsidentin sieht in diesem Verhalten einen grundlegenden Denkfehler der Wirtschaft und fordert ein Umdenken in der Personalpolitik österreichischer Unternehmen.
Nach Ansicht von Korosec stellen gerade ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen wertvollen Expertenpool dar, von dem sowohl Unternehmen als auch jüngere Kollegen profitieren können. Die jahrzehntelange Berufserfahrung, das umfassende Fachwissen und die Routine im Umgang mit komplexen Situationen seien Qualitäten, die auf dem Arbeitsmarkt geschätzt werden sollten.
Ein weiteres Vorurteil räumt die Seniorenbundpräsidentin aus dem Weg: "Ältere sind bereit, sich weiterzubilden." Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass ältere Arbeitnehmer lernunwillig oder technologiefeindlich seien, zeigen viele Studien, dass die Bereitschaft zur kontinuierlichen Weiterbildung auch im fortgeschrittenen Alter hoch ist.
Die Digitalisierung und der technologische Wandel erfordern von allen Altersgruppen lebenslanges Lernen. Ältere Arbeitnehmer bringen dabei den Vorteil mit, neue Technologien und Arbeitsweisen kritisch zu hinterfragen und bewährte Methoden mit innovativen Ansätzen zu verbinden.
Besonders wertvoll ist der Wissenstransfer zwischen erfahrenen und jungen Mitarbeitern. Während jüngere Kollegen oft mit neuen Technologien und aktuellen Trends vertraut sind, verfügen ältere Arbeitnehmer über tiefgreifendes Branchenwissen, Kundenbeziehungen und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu durchschauen.
Diese Synergie zwischen verschiedenen Generationen kann für Unternehmen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil darstellen. Gemischte Teams, die verschiedene Altersgruppen umfassen, sind oft kreativer, produktiver und treffen ausgewogenere Entscheidungen.
Die Forderung nach einer besseren Integration älterer Arbeitnehmer ist nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll, sondern auch gesellschaftlich notwendig. Österreich steht wie viele andere europäische Länder vor den Herausforderungen des demografischen Wandels. Die Bevölkerung altert, und gleichzeitig gehen geburtenstarke Jahrgänge in Pension.
"Berufserfahrung muss etwas wert sein. Dem Arbeitgeber und der Gesellschaft", betont Korosec. Diese Aussage unterstreicht die Notwendigkeit eines gesamtgesellschaftlichen Umdenkens im Umgang mit älteren Arbeitnehmern. Es geht nicht nur um individuelle Schicksale, sondern um die volkswirtschaftliche Nutzung vorhandener Ressourcen.
Mit Blick auf die angekündigte Fachkräftestrategie der Regierung mahnt die Seniorenbundpräsidentin an, dass ältere Arbeitnehmer nicht vergessen werden dürfen. Eine erfolgreiche Strategie gegen den Fachkräftemangel muss alle verfügbaren Potenziale nutzen – und dazu gehören explizit auch die über 50-Jährigen.
Konkrete Maßnahmen könnten Anreize für Unternehmen umfassen, die ältere Arbeitnehmer einstellen oder halten. Auch spezielle Weiterbildungsprogramme, die auf die Bedürfnisse und Stärken erfahrener Mitarbeiter zugeschnitten sind, wären ein wichtiger Baustein.
International gibt es bereits erfolgreiche Beispiele für die bessere Integration älterer Arbeitnehmer. Länder wie Deutschland, die Niederlande oder Schweden haben Programme entwickelt, die sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer unterstützen und die Beschäftigungsquote älterer Menschen deutlich erhöht haben.
Diese Erfahrungen zeigen, dass es durchaus möglich ist, die Potenziale älterer Arbeitnehmer besser zu nutzen und gleichzeitig dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Entscheidend ist dabei ein koordiniertes Vorgehen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Die Entwicklung der angekündigten Fachkräftestrategie ab März wird zeigen, ob die Regierung die Anregungen des Seniorenbunds aufgreift. Für eine nachhaltige Lösung des Fachkräftemangels wird es jedenfalls unerlässlich sein, alle Bevölkerungsgruppen einzubeziehen – insbesondere jene, die über jahrzehntelange Berufserfahrung und wertvolles Fachwissen verfügen.
Die Herausforderung besteht darin, Vorurteile abzubauen und neue Wege der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Generationen zu finden. Nur so kann Österreich seine demografischen Herausforderungen meistern und gleichzeitig die Wirtschaftskraft des Landes erhalten.