"Erlebnis Österreich" zeigt am 11. Jänner die Geschichte des Waldviertler Räuberhauptmanns zwischen Mythos und historischer Realität
Eine neue ORF-Dokumentation geht der Frage nach, ob Johann Georg Grasel ein Volksheld oder brutaler Verbrecher war.
Er ist eine der schillerndsten Figuren der österreichischen Kriminalgeschichte: Johann Georg Grasel, der legendäre Räuberhauptmann aus dem Waldviertel. Mehr als zwei Jahrhunderte nach seinem Tod beschäftigt sein Leben noch immer Historiker, Juristen und die Bevölkerung seiner Heimatregion. Eine neue Dokumentation des ORF-Landesstudios Niederösterreich nimmt sich nun dieser ambivalenten Persönlichkeit an und versucht, Licht in das Dunkel zwischen Legende und historischer Wahrheit zu bringen.
Die Dokumentation, die am Sonntag, dem 11. Jänner 2026, um 16.30 Uhr auf ORF 2 im Rahmen der Sendung "Erlebnis Österreich" ausgestrahlt wird, zeichnet Grasels Lebensweg von Anfang an nach. Dabei stützt sie sich auf die erhaltenen Verhör- und Gerichtsakten, die ein detailliertes Bild seiner Biografie ermöglichen.
Johann Georg Grasel wurde in eine Abdeckerfamilie hineingeboren – Menschen, die am untersten Rand der damaligen Gesellschaft lebten. Abdecker waren für die Beseitigung von Tierkadavern zuständig, eine Arbeit, die als unrein galt und ihre Familien zu Außenseitern machte. Die extreme Armut und soziale Ausgrenzung, die Grasels Kindheit prägten, schufen Bedingungen, unter denen der Weg in die Kriminalität beinahe vorgezeichnet schien.
Schon in jungen Jahren geriet Grasel auf die schiefe Bahn. Was als kleinere Delikte begann, entwickelte sich bald zu einer ausgewachsenen kriminellen Karriere. Er formte eine Räuberbande, die im Waldviertel und Weinviertel ihr Unwesen trieb und zahlreiche Überfälle verübte. Die Bande operierte geschickt, nutzte die unübersichtliche Landschaft und das weitverzweigte Netz von Unterschlupfmöglichkeiten.
Die Dokumentation führt die Zuschauer an die Originalschauplätze dieser Ereignisse. In Horn, Drosendorf, Mörtersdorf und zahlreichen anderen Orten des Waldviertels sind die Überfälle, Fluchten und Ermittlungen dokumentiert. Diese authentischen Drehorte verleihen dem Film eine besondere Intensität und lassen die Geschichte lebendig werden.
Was die Figur Grasel so faszinierend macht, ist die Ambivalenz, die sie bis heute umgibt. War er ein Robin-Hood-artiger Rebell, der sich gegen die Unterdrückung durch die Obrigkeit auflehnte? Oder war er schlicht ein brutaler Gewohnheitsverbrecher, der ganze Regionen in Angst und Schrecken versetzte?
Um diese Frage zu beleuchten, kommen in der Dokumentation namhafte Experten zu Wort. Der ehemalige Justizminister Wolfgang Brandstetter, der Jurist Friedrich Forsthuber sowie die Historiker Harald Seyrl, Richard Bletschacher und Anna Sigmund ordnen das Geschehen in den Kontext der Strafrechtspflege des frühen 19. Jahrhunderts ein. Ihre Analysen zeigen, wie unterschiedlich Grasels Taten je nach Perspektive bewertet werden können.
Ein besonderer Verdienst der Dokumentation ist die Beleuchtung des sozialen Umfelds, aus dem Grasel stammte. Die Abdeckerfamilien des frühen 19. Jahrhunderts lebten unter Bedingungen, die aus heutiger Sicht kaum vorstellbar sind. Soziale Ausgrenzung, extreme Armut und fehlende Aufstiegsmöglichkeiten prägten ihren Alltag.
Diese Hintergrundinformationen ermöglichen es den Zuschauern, Grasels Werdegang besser zu verstehen – ohne seine Taten zu entschuldigen. Es wird deutlich, dass individuelle Lebensgeschichten immer auch im Kontext ihrer Zeit und ihrer gesellschaftlichen Bedingungen betrachtet werden müssen.
Die Dokumentation erzählt auch von der spektakulären Festnahme Grasels im Gasthaus von Mörtersdorf. Nach Jahren der erfolgreichen Flucht vor den Behörden wurde er dort schließlich gefasst. Das Gasthaus ist bis heute ein Ort der Erinnerung an dieses dramatische Ereignis, das damals großes Aufsehen erregte.
Die anschließenden Verhöre und der Prozess gegen Grasel sind außergewöhnlich gut dokumentiert. Die erhaltenen Akten ermöglichten es den Produzenten Norbert Blecha und Katrin Blecha-Ehrbar, Grasels Geschichte neu und differenziert zu erschließen. Ihre umfassende Auswertung der historischen Prozessakten bildet das Fundament für eine Darstellung, die sowohl wissenschaftlich fundiert als auch spannend erzählt ist.
So entsteht ein facettenreiches Porträt eines Mannes, der bis heute sowohl Mythos als auch Mahnung geblieben ist. Die Legende des Räuberhauptmanns Grasel hat sich über die Jahrhunderte verselbstständigt und ist zu einem festen Bestandteil der regionalen Identität des Waldviertels geworden.
In Gasthäusern und bei Stammtischen werden noch immer Geschichten über ihn erzählt, manche davon historisch verbürgt, andere längst ins Reich der Legende gewandert. Diese Vermischung von Realität und Fiktion macht einen Teil der Faszination aus, die Grasel bis heute umgibt.
Die Dokumentation wurde unter der Regie von Harald Staudach realisiert, der auch für die Kameraarbeit verantwortlich zeichnet. Die Redaktion lag bei Sabine Daxberger-Edenhofer vom ORF-Landesstudio Niederösterreich. Die Produktion durch Norbert Blecha und Katrin Blecha-Ehrbar garantiert eine fundierte Aufarbeitung der historischen Quellen.
Das ORF-Landesstudio Niederösterreich hat mit dieser Produktion einmal mehr seine Kompetenz in der Aufbereitung regionaler Geschichte unter Beweis gestellt. Die Kombination aus wissenschaftlicher Genauigkeit, spannender Erzählweise und atmosphärischen Aufnahmen an den Originalschauplätzen macht die Dokumentation zu einem sehenswerten Beitrag zur niederösterreichischen Landesgeschichte.
Die Dokumentation "Verbrecher oder Volksheld - der Räuberhauptmann Grasel" wird am Sonntag, dem 11. Jänner 2026, um 16.30 Uhr auf ORF 2 im Rahmen der Sendung "Erlebnis Österreich" ausgestrahlt. Für alle, die sich intensiver mit der Geschichte Grasels beschäftigen möchten, bieten die in der Dokumentation vorgestellten Originalschauplätze im Waldviertel interessante Ausflugsziele.
Die Region rund um Horn, Drosendorf und Mörtersdorf hat die Erinnerung an den berühmten Räuberhauptmann auf vielfältige Weise bewahrt. Museen, Gasthäuser und Wanderwege erzählen von einer Zeit, in der das Leben in dieser Gegend von ganz anderen Herausforderungen geprägt war als heute – und in der ein Mann wie Johann Georg Grasel zum Symbol für den Kampf ums Überleben am Rand der Gesellschaft werden konnte.