Ein musikalischer Bogen von New York über Wien bis Tel Aviv wird Ende Mai und Anfang Juni in St. Pölten gespannt. Die dritte Ausgabe der Jewish Weekends – Festival jüdischer Musik bringt vom 29. bi...
Ein musikalischer Bogen von New York über Wien bis Tel Aviv wird Ende Mai und Anfang Juni in St. Pölten gespannt. Die dritte Ausgabe der Jewish Weekends – Festival jüdischer Musik bringt vom 29. bis 31. Mai und 6. bis 7. Juni weltbekannte Künstler in die Ehemalige Synagoge St. Pölten. Als Artist in Residence fungiert der renommierte Klarinettist David Krakauer aus New York, der als Doyen und Revolutionär der Klezmer-Musik gilt.
David Krakauer hat die Klezmer-Musik wie kein anderer geprägt. Seit vier Jahrzehnten steht er als Bandleader an der Spitze der Weiterentwicklung dieser traditionellen Musik aus dem Schtetl. Klezmer, ursprünglich die instrumentale Musikform osteuropäischer Juden, hat durch Krakauers innovative Ansätze eine völlig neue Dimension erhalten. Der Begriff "Klezmer" stammt aus dem Hebräischen und bedeutet "Gefäß des Liedes" – ein Verweis darauf, dass Musiker als Träger und Übermittler der musikalischen Tradition fungierten.
Krakauer verbindet in seinen Interpretationen traditionelle jiddische Melodien mit modernen Jazz-Elementen und klassischen Einflüssen. Diese Synthese hat ihm internationale Anerkennung eingebracht und die Klezmer-Musik einem breiteren, auch nicht-jüdischen Publikum zugänglich gemacht. Seine Karriere begann in den 1980er Jahren in New York, wo er schnell zu einer der führenden Figuren der Klezmer-Revival-Bewegung wurde.
Beim Eröffnungskonzert der Jewish Weekends trifft Krakauer auf Moritz Weiß und die Styrian Klezmore Pocket Band. Diese Zusammenarbeit zwischen dem amerikanischen Virtuosen und den österreichischen Musikern verspricht eine faszinierende Verschmelzung unterschiedlicher Interpretationsansätze der Klezmer-Tradition. Die Styrian Klezmore Pocket Band hat sich in der österreichischen Musikszene einen Namen gemacht durch ihre authentische, aber gleichzeitig frische Herangehensweise an die traditionelle jüdische Musik.
Am Samstag, 30. Mai, um 19:30 Uhr konzertiert Krakauer gemeinsam mit der südafrikanischen Pianistin und Komponistin Kathleen Tagg. Diese Kooperation ist besonders bemerkenswert, da sie Künstler aus drei verschiedenen Kontinenten und Musiktraditionen zusammenführt. Tagg, die sowohl als klassische Pianistin als auch als Jazz-Musikerin international tätig ist, bringt ihre eigenen kompositorischen Ideen in die Zusammenarbeit ein. Aus dieser Begegnung von Klezmer, Jazz und klassischer Musik entstehen Klänge jenseits stilistischer Grenzen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Festivals liegt auf der sephardischen Musik. Die Sepharden waren jüdische Gemeinden, die ursprünglich auf der Iberischen Halbinsel lebten und nach ihrer Vertreibung 1492 im gesamten Mittelmeerraum, besonders im Osmanischen Reich, neue Heimat fanden. Ihre Musik unterscheidet sich grundlegend von der aschkenasischen Klezmer-Tradition durch mediterrane und orientalische Einflüsse.
Die charismatische Sängerin und Songwriterin Nani Vazana gibt bei den Jewish Weekends ihre Österreich-Premiere. Sie nimmt das Publikum mit auf eine vergnügliche Reise durch ihre sephardische Welt. Vazana, die ursprünglich aus Israel stammt und heute zwischen Berlin und Tel Aviv lebt, hat sich der Wiederbelebung sephardischer Lieder verschrieben. Ihre Interpretationen traditioneller Ladino-Lieder – Ladino ist die sephardisch-jüdische Sprache, die auf dem mittelalterlichen Spanisch basiert – verbinden historische Authentizität mit zeitgenössischer Sensibilität.
Auch Aron Saltiel, Dimitri Psonis und Kurt Bauer zelebrieren als Trio Sefarad die vielsprachige sephardische Musik des östlichen Mittelmeerraums. Ihre Musik umfasst Lieder in Ladino, Griechisch, Türkisch und anderen Sprachen des ehemaligen Osmanischen Reiches. Diese sprachliche Vielfalt spiegelt die komplexe Geschichte der sephardischen Gemeinden wider, die sich über Jahrhunderte in verschiedenen kulturellen Umgebungen entwickelten und dabei sowohl ihre jüdische Identität bewahrten als auch lokale Einflüsse aufnahmen.
Die sephardische Musik zeichnet sich durch ihre melodische Komplexität und rhythmische Vielfalt aus. Im Gegensatz zur oft melancholischen Klezmer-Musik der osteuropäischen Juden ist die sephardische Tradition häufig lebhafter und tanzorientierter, was den mediterranen und orientalischen Einflüssen geschuldet ist.
Unter dem Titel "Tif vi di Nakht" ("Tief wie die Nacht") lässt Ethel Merhaut gemeinsam mit Belush Korenyi und Aliosha Biz jiddische Chansons der 1920er Jahre auferstehen. Diese Epoche war eine Blütezeit der jiddischen Kultur, insbesondere in Städten wie Wien, Berlin und New York. Die 1920er Jahre markierten eine Zeit, in der jiddische Künstler internationale Anerkennung fanden und ihre Musik über die Grenzen der jüdischen Gemeinden hinaus populär wurde.
Jiddische Chansons dieser Zeit charakterisieren sich durch ihre emotionale Tiefe und ihre Verbindung von traditionellen jüdischen Melodien mit modernen, oft Jazz-beeinflussten Arrangements. Sie behandeln Themen wie Liebe, Verlust, Heimweh und die Erfahrung des Lebens zwischen verschiedenen Kulturen. Diese Musik war Ausdruck einer Generation von Juden, die zwischen Tradition und Moderne, zwischen alter Heimat und neuer Welt lebte.
Das Karmon Vounelakos Trio präsentiert ein abwechslungsreiches Programm von Liedern aus Israel bis zu jiddischen Schlagern, balkanischen Rhythmen und Jazz-Standards. Diese stilistische Bandbreite zeigt die internationale Dimension jüdischer Musik auf und verdeutlicht, wie sich jüdische Musiktraditionen in verschiedenen geografischen und kulturellen Kontexten entwickelt haben.
Die fulminante österreichische Band Baba Yaga bringt feurige Interpretationen osteuropäischer Musik in die Ehemalige Synagoge. Ihr Name bezieht sich auf eine Figur aus der slawischen Mythologie, was die kulturelle Verflechtung der osteuropäischen Musiktraditionen unterstreicht. Baba Yaga steht für die lebendige österreichische Szene traditioneller und Weltmusik, die internationale Einflüsse mit lokaler Interpretation verbindet.
Ein besonderes Highlight des Festivals ist das Kinderkonzert mit Timna Brauer und Jannis Raptis. Timna Brauer gilt als eine der großen Interpretinnen jüdischer Musik im deutschsprachigen Raum. Gemeinsam mit ihrem kongenialen Partner Raptis erkundet sie mit kleinen und großen Zuhörern Kinderlieder in verschiedenen Sprachen. Diese pädagogische Komponente des Festivals unterstreicht die Bedeutung der Kulturvermittlung für zukünftige Generationen.
Kinderkonzerte in diesem Kontext haben eine besondere Bedeutung, da sie nicht nur Unterhaltung bieten, sondern auch kulturelle Bildung vermitteln. Durch die spielerische Heranführung an verschiedene Sprachen und Musiktraditionen wird bei Kindern Verständnis für kulturelle Vielfalt und historische Zusammenhänge geweckt. Die Verwendung mehrsprachiger Lieder – von Jiddisch über Hebräisch bis zu anderen europäischen Sprachen – vermittelt ein lebendiges Bild der multikulturellen Realität europäischer Geschichte.
Eine Spezialität literarisch-musikalischer Art bietet "Winterberg & Winterberg". Diese innovative Programmsparte verbindet Literatur mit Musik auf einzigartige Weise. Dabei begegnen einander die Hauptfigur des Romans "Winterbergs letzte Reise" von Jaroslav Rudiš und der reale Komponist Hans Winterberg, ein Shoah-Überlebender, in einer musikalischen Lesung.
Hans Winterberg (1901-1991) war ein deutsch-tschechischer Komponist, der die Verfolgung durch das NS-Regime überlebte und nach dem Krieg eine bemerkenswerte kompositorische Laufbahn hatte. Seine Musik verbindet spätromantische Traditionen mit modernen Elementen und spiegelt die traumatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wider. Winterbergs Werk war lange Zeit vergessen und wird erst in den letzten Jahren wiederentdeckt.
Jaroslav Rudiš, ein tschechischer Autor, der in deutscher Sprache schreibt, hat mit "Winterbergs letzte Reise" einen Roman geschaffen, der Fiktion und historische Realität vermischt. Die musikalische Lesung schafft eine Brücke zwischen literarischer Imagination und historischer Musik, wodurch verschiedene Ebenen der Erinnerungskultur miteinander verknüpft werden.
Am 6. Juni findet ein besonderes Ereignis statt: Die Mitwirkenden von "Winterberg & Winterberg" sind zu Gast in der beliebten Ö1-Live-Sendung "Klassik-Treffpunkt" mit Elke Tschaikner. Die Aufzeichnung erfolgt direkt in der Ehemaligen Synagoge St. Pölten, und das Publikum kann bei freiem Eintritt live dabei sein.
Diese mediale Präsenz unterstreicht die Bedeutung des Festivals über St. Pölten hinaus. Ö1, als Kultursender des Österreichischen Rundfunks, erreicht ein landesweites Publikum und trägt zur Verbreitung jüdischer Musik bei. Der "Klassik-Treffpunkt" ist eine etablierte Sendung, die sich der Vermittlung klassischer und traditioneller Musik widmet und durch Live-Übertragungen aus verschiedenen österreichischen Kulturstätten eine wichtige Plattform für Künstler und Ensembles bietet.
Die Ehemalige Synagoge St. Pölten bildet den geschichtsträchtigen Rahmen für das Festival. Das Gebäude, das 1913 errichtet wurde, diente bis 1938 als religiöses Zentrum der jüdischen Gemeinde St. Pölten. Nach der Zerstörung während der Novemberpogrome 1938 und jahrzehntelanger anderer Nutzung wurde es restauriert und 2005 als Kulturzentrum und Gedenkstätte wiedereröffnet.
Die Wahl dieses Ortes für ein Festival jüdischer Musik ist von besonderer symbolischer Bedeutung. Sie verbindet die historische Erinnerung an die jüdische Gemeinde St. Pöltens mit der lebendigen Präsentation jüdischer Kultur heute. Die architektonische Gestaltung des Raumes mit seiner besonderen Akustik schafft eine authentische Atmosphäre für die Aufführung jüdischer Musik verschiedener Epochen und Stilrichtungen.
Die Ehemalige Synagoge St. Pölten ist Teil des Museums Niederösterreich und versteht sich als Ort des interkulturellen Dialogs und der Erinnerungsarbeit. Neben Konzerten finden hier regelmäßig Ausstellungen, Vorträge und Workshops statt, die sich mit jüdischer Geschichte und Kultur auseinandersetzen.
Das Festival Jewish Weekends ist mehr als eine Veranstaltungsreihe – es ist ein Beitrag zur österreichischen Erinnerungskultur und zum interkulturellen Dialog. In Zeiten, in denen Antisemitismus wieder zunimmt und jüdische Kultur oft nur im Kontext der Shoah wahrgenommen wird, zeigt das Festival die Lebendigkeit und Vielfalt jüdischer Musiktraditionen.
Österreich hat eine komplexe Geschichte mit seiner jüdischen Bevölkerung. Vor 1938 waren jüdische Gemeinden ein integraler Bestandteil der österreichischen Kulturlandschaft, besonders in Wien, aber auch in kleineren Städten wie St. Pölten. Die Vernichtung dieser Gemeinden durch den Holocaust bedeutete nicht nur menschliche Tragödie, sondern auch einen enormen kulturellen Verlust für Österreich.
Initiativen wie die Jewish Weekends tragen dazu bei, das Bewusstsein für diese verlorene kulturelle Vielfalt zu schärfen und gleichzeitig zu zeigen, dass jüdische Kultur nicht nur Vergangenheit ist, sondern auch Gegenwart und Zukunft hat. Die internationale Besetzung des Festivals verdeutlicht, dass jüdische Kultur über nationale Grenzen hinausreicht und verschiedene Länder und Kontinente verbindet.
Die Jewish Weekends demonstrieren eindrucksvoll, wie Musik als universelle Sprache Brücken zwischen verschiedenen Kulturen schlagen kann. Die Programme des Festivals zeigen die Verflechtungen zwischen jüdischer Musik und anderen musikalischen Traditionen auf – sei es der Einfluss des Jazz auf moderne Klezmer-Interpretationen, die Verbindungen zwischen sephardischer Musik und mediterranen Traditionen oder die Wechselwirkungen zwischen osteuropäischer jüdischer Musik und den Musiktraditionen der Nachbarvölker.
Diese kulturellen Verflechtungen spiegeln die historische Realität jüdischen Lebens in Europa wider. Jüdische Gemeinden waren nie isolierte Einheiten, sondern standen in ständigem kulturellem Austausch mit ihrer Umgebung, nahmen Einflüsse auf und gaben eigene Impulse weiter. Die Musik, die bei den Jewish Weekends präsentiert wird, ist Zeugnis dieser jahrhundertelangen kulturellen Interaktion.
Das Festival zeigt auch, wie traditionelle Musik lebendig bleibt, indem sie sich weiterentwickelt und neue Interpretationsformen findet. Künstler wie David Krakauer stehen exemplarisch für diesen Ansatz: Sie wahren die Authentizität der Tradition, während sie gleichzeitig innovative Wege der musikalischen Darstellung erkunden.
Diese Balance zwischen Bewahrung und Innovation ist entscheidend für die Zukunft jüdischer Musik. Sie muss sowohl ihre historischen Wurzeln pflegen als auch neue Generationen ansprechen und zeitgemäße Ausdrucksformen finden. Die Jewish Weekends leisten einen wichtigen Beitrag zu diesem Prozess, indem sie eine Plattform für verschiedene Generationen und Stilrichtungen jüdischer Musik bieten.
Die dritte Ausgabe des Festivals verspricht erneut, Publikum aus ganz Österreich und darüber hinaus anzuziehen. Die Mischung aus international renommierten Künstlern und lokalen Musikern, die Verbindung von Tradition und Innovation und der geschichtsträchtige Veranstaltungsort schaffen einzigartige kulturelle Erlebnisse, die weit über reine Unterhaltung hinausgehen und zur kulturellen Bildung und zum gesellschaftlichen Dialog beitragen.