Wer beim schnellen Einkauf im Supermarkt zur Pizzaschnecke oder Apfeltasche greift, bekommt oft weniger Qualität als erwartet. Ein aktueller Greenpeace-Marktcheck enthüllt massive Unterschiede bei ...
Wer beim schnellen Einkauf im Supermarkt zur Pizzaschnecke oder Apfeltasche greift, bekommt oft weniger Qualität als erwartet. Ein aktueller Greenpeace-Marktcheck enthüllt massive Unterschiede bei Bio-Qualität und Herkunft in den beliebten Backboxen österreichischer Supermärkte. Während Brot und Gebäck durchaus überzeugen, versagen die Ketten bei Snacks und süßen Backwaren fast vollständig.
Die sogenannten Backboxen haben sich in den vergangenen Jahren zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Über 80 Prozent aller Backwaren kaufen die Österreicher mittlerweile im Supermarkt – ein enormer Wandel im Konsumverhalten. Das Prinzip ist simpel: Industriell vorgefertigte Teiglinge werden tiefgekühlt an die Filialen geliefert, dort aufgebacken und warm in der Selbstbedienungs-Backbox angeboten.
Diese Entwicklung spiegelt den Zeitgeist wider. Berufstätige Familien schätzen die Flexibilität, frisches Gebäck auch am Abend oder am Wochenende kaufen zu können, wenn traditionelle Bäckereien längst geschlossen haben. Die Backboxen suggerieren dabei Frische und handwerkliche Qualität – ein Eindruck, der durch den Duft von frisch gebackenem Brot verstärkt wird.
Hinter der vermeintlichen Einfachheit verbirgt sich ein komplexes System der industriellen Lebensmittelproduktion. Die Teiglinge werden in spezialisierten Fabriken hergestellt, dort bis zu einem bestimmten Punkt vorgebacken, schockgefrostet und dann an die Supermärkte ausgeliefert. Dieses Verfahren ermöglicht eine gleichbleibende Qualität und reduziert den Arbeitsaufwand in den Filialen erheblich.
Der Prozess beginnt in industriellen Großbäckereien, wo moderne Anlagen täglich tausende Teiglinge produzieren. Automatisierte Systeme dosieren die Zutaten präzise, Maschinen kneten, formen und portionieren den Teig. Nach einer ersten, unvollständigen Backphase werden die Produkte auf minus 18 Grad heruntergekühlt und in speziellen Tiefkühl-Lkw zu den Supermärkten transportiert.
Der aktuelle Marktcheck der Umweltschutzorganisation Greenpeace bringt nun erschreckende Defizite ans Licht. Gundi Schachl, Leiterin des Marktchecks, untersuchte systematisch das Angebot in österreichischen Supermarkt-Backboxen. Das Ergebnis: Der durchschnittliche Bio-Anteil von 20 Prozent täuscht über gravierende Unterschiede zwischen den Produktkategorien hinweg.
"Die Menschen in Österreich vertrauen darauf, dass in ihrem Gebäck hochwertige und heimische Zutaten stecken – egal, ob sie einen Laib Brot oder eine Pizzaschnecke kaufen", kritisiert Schachl. "Doch gerade beim Griff in die Backbox für den schnellen Snack zwischendurch wird dieses Vertrauen oft enttäuscht."
Die Analyse zeigt eine dramatische Schieflage: Während Grundnahrungsmittel wie Brot und Semmeln den Gesamtdurchschnitt nach oben ziehen, liegt der Bio-Anteil bei pikanten Snacks bei mageren zehn Prozent. Noch schlechter schneiden süße Mehlspeisen ab – hier findet sich laut Marktcheck kein einziges Bio-Produkt. Das bedeutet: Wer zu Apfeltaschen, Schokocroissants oder ähnlichen Leckereien greift, bekommt garantiert konventionelle Ware.
Diese Verteilung ist kein Zufall, sondern spiegelt die Kostenkalkulation der Handelskonzerne wider. Bio-Zutaten sind teurer, der Preisdruck bei Snack-Produkten jedoch besonders hoch. Konsumenten erwarten bei einer Pizzaschnecke einen niedrigen Preis, sind aber bei Brot eher bereit, für Qualität zu zahlen.
Besonders brisant wird der Marktcheck bei der Herkunft der verwendeten Rohstoffe. Österreich verfügt über ausgezeichnete Bedingungen für den Getreideanbau und kann sich theoretisch vollständig selbst mit hochwertigem Weizen versorgen. Die heimische Landwirtschaft produziert jährlich rund 2,8 Millionen Tonnen Getreide, davon etwa 1,7 Millionen Tonnen Weizen.
Trotz dieser günstigen Voraussetzungen stammt das Mehl für Snacks und süße Backwaren nur zu etwa 40 Prozent aus Österreich. Bei Brot und Grundgebäck liegt dieser Anteil deutlich höher – über 80 Prozent der Waren werden aus heimischen Rohstoffen hergestellt. "Österreich kann sich fast zur Gänze selbst mit hochwertigem Getreide versorgen. Es ist nicht notwendig, dass ausgerechnet bei beliebten Snacks so oft auf Mehl aus dem Ausland zurückgegriffen wird", moniert Schachl.
Die Gründe für den hohen Import-Anteil bei Snack-Produkten sind vielschichtig. Erstens sind die Preise für Getreide auf dem Weltmarkt oft günstiger als heimische Ware. Zweitens haben internationale Großproduzenten von Tiefkühl-Teiglingen oft langfristige Verträge mit ausländischen Getreidehändlern. Drittens erfordern manche Spezialprodukte Mehlsorten mit besonderen Eigenschaften, die nicht immer in Österreich verfügbar sind.
Dennoch kritisiert Greenpeace diese Praxis scharf. Der Import von Getreide verursacht zusätzliche CO2-Emissionen durch den Transport und schwächt die heimische Landwirtschaft. Österreichische Bauern können bei fairen Preisen durchaus konkurrenzfähige Qualität liefern.
Ein weiterer problematischer Befund des Marktchecks betrifft den Anteil pflanzlicher Produkte. Bei Brot und Semmeln verzichten über 80 Prozent der Waren auf tierische Zutaten – ein positiver Wert sowohl für umweltbewusste als auch für vegan lebende Konsumenten. Bei Snacks und Mehlspeisen dreht sich das Bild jedoch komplett um.
Fast alle untersuchten Snack-Produkte enthalten tierische Zutaten wie Milch, Butter oder Eier. Bei süßen Backwaren schaffen es nur magere zwei Prozent ohne diese Zusätze auszukommen. Das schränkt nicht nur die Auswahl für Veganer massiv ein, sondern vergrößert auch den ökologischen Fußabdruck dieser Produkte erheblich.
Die extensive Verwendung tierischer Zutaten in Backwaren hat weitreichende Umweltfolgen. Die Produktion von Milch und Eiern verursacht deutlich höhere Treibhausgas-Emissionen als pflanzliche Alternativen. Ein Kilogramm Butter beispielsweise verursacht etwa 24 Kilogramm CO2-Äquivalente, während pflanzliche Fette mit 3-6 Kilogramm deutlich besser abschneiden.
Zudem erfordert die Produktion tierischer Zutaten erheblich mehr Fläche und Wasser. Für die Herstellung eines Liters Milch werden etwa 1000 Liter Wasser benötigt, für pflanzliche Drinks nur ein Bruchteil davon. Diese Ressourcenintensität steht im Widerspruch zu den Nachhaltigkeitszielen, die viele Handelskonzerne öffentlich propagieren.
Im direkten Vergleich der Supermarktketten schneidet Billa Plus am besten ab. Die Kette bietet die größte Auswahl an Bio-Backwaren und hat als erste alle rein pflanzlichen Artikel seit Februar klar gekennzeichnet. Diese Kennzeichnung erleichtert es Konsumenten erheblich, bewusste Kaufentscheidungen zu treffen.
Die Kennzeichnung pflanzlicher Produkte ist ein wichtiger Schritt, da viele Verbraucher nicht auf Anhieb erkennen können, welche Backwaren vegan sind. Oft enthalten auch unscheinbare Produkte wie Laugenbrezeln tierische Zutaten, während andere, die tierische Zutaten vermuten lassen, tatsächlich pflanzlich sind.
Die Konkurrenz kann mit Billa Plus noch nicht mithalten. Spar, Hofer, Lidl und andere große Anbieter zeigen zwar Fortschritte bei Bio-Brot, vernachlässigen aber weiterhin das Snack-Segment. Diese Ketten argumentieren oft mit der geringeren Nachfrage nach Bio-Snacks, übersehen dabei aber, dass mangelndes Angebot auch mangelnde Nachfrage zur Folge haben kann.
Interessant ist auch der regionale Vergleich: In Deutschland und der Schweiz ist das Bio-Angebot in Supermarkt-Backboxen teilweise deutlich ausgeprägter. Deutsche Discounter wie Aldi haben beispielsweise bereits vor Jahren begonnen, ihr Bio-Sortiment auch bei Snack-Produkten systematisch auszubauen.
Die Erkenntnisse des Greenpeace-Marktchecks haben konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben der Österreicher. Wer bewusst zu Bio-Produkten greift, muss bei Snacks aus der Backbox derzeit fast immer Abstriche machen. Familien, die ihre Kinder mit einem schnellen Snack aus dem Supermarkt versorgen wollen, bekommen oft Produkte mit fragwürdiger Herkunft und konventioneller Produktion.
Besonders problematisch ist dies vor dem Hintergrund des steigenden Umweltbewusstseins in der Bevölkerung. Laut Umfragen legen über 60 Prozent der Österreicher Wert auf nachhaltig produzierte Lebensmittel. Das aktuelle Angebot in den Backboxen wird diesen Erwartungen jedoch nicht gerecht.
Neben den Umweltaspekten spielen auch gesundheitliche Überlegungen eine Rolle. Bio-Produkte enthalten nachweislich weniger Pestizidrückstände und oft höhere Nährstoffgehalte. Wer regelmäßig zu Snacks aus konventioneller Produktion greift, nimmt potenziell mehr Schadstoffe auf als nötig.
Zudem setzen viele industriell gefertigte Snacks auf Zusatzstoffe wie Konservierungsmittel, Emulgatoren oder künstliche Aromen, um Geschmack und Haltbarkeit zu optimieren. Bio-Produkte verwenden deutlich weniger solcher Zusätze.
Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass es auch anders geht. In Frankreich haben große Handelsketten wie Carrefour bereits vor Jahren begonnen, ihr Bio-Angebot auch bei Convenience-Produkten massiv auszubauen. Dort finden Konsumenten mittlerweile in fast jeder Produktkategorie Bio-Alternativen.
Auch in skandinavischen Ländern ist das Bewusstsein für nachhaltige Ernährung weiter fortgeschritten. Schwedische Supermärkte bieten teilweise über 50 Prozent Bio-Anteil bei Backwaren, norwegische Ketten setzen verstärkt auf regionale Lieferanten.
Besonders interessant ist der Vergleich mit Deutschland, wo der Bio-Markt deutlich größere Dimensionen erreicht hat. Deutsche Supermarkt-Backboxen bieten oft 30-40 Prozent Bio-Anteil auch bei Snacks und Mehlspeisen. Discounter wie Penny oder Netto haben eigene Bio-Linien für Backwaren entwickelt, die preislich durchaus konkurrenzfähig sind.
Diese Entwicklung zeigt, dass höhere Bio-Anteile auch bei Snacks wirtschaftlich darstellbar sind, wenn die Ketten entsprechende Strategien verfolgen und Skaleneffekte nutzen.
Greenpeace formuliert auf Basis des Marktchecks klare Forderungen an den österreichischen Handel. Die Organisation verlangt eine massive Ausweitung des Bio-Sortiments bei Snacks und Mehlspeisen, mehr umweltschonende pflanzliche Backwaren und einen höheren Anteil heimischer Zutaten.
"Dass man bei Mehlspeisen wie Apfeltaschen oder Schokocroissants derzeit vergeblich nach Bio-Qualität sucht, ist eine verpasste Chance", betont Schachl. "Wir fordern den Handel auf, das Bio-Angebot in der Backbox konsequent auszubauen und auf Zutaten aus Österreich zu setzen."
Einige Handelsketten haben bereits signalisiert, das Sortiment überdenken zu wollen. Rewe (Billa, Merkur) kündigte an, das Bio-Angebot bei Snacks bis Ende 2024 deutlich auszuweiten. Spar prüft derzeit die Einführung einer eigenen Bio-Snack-Linie für die Backboxen.
Kleinere Ketten wie Unimarkt oder MPreis sehen in dem Trend auch eine Chance, sich von den Marktführern zu differenzieren. Sie planen gezielt, regionale Bio-Produzenten für die Belieferung ihrer Backboxen zu gewinnen.
Verbraucher sind dem aktuellen Angebot nicht hilflos ausgeliefert. Bewusstes Einkaufen kann durchaus Druck auf die Handelsketten ausüben und Veränderungen beschleunigen. Konkret bedeutet das: Bei Bio-Snacks gezielt nachfragen, pflanzliche Alternativen bevorzugen und regionale Bäckereien unterstützen, wo das Supermarkt-Angebot nicht überzeugt.
Auch die Nachfrage nach transparenter Kennzeichnung kann helfen. Ketten, die Herkunft und Produktionsweise klar ausweisen, verdienen den Vorzug gegenüber intransparenten Anbietern. Social Media kann dabei als Verstärker wirken – positive wie negative Erfahrungen verbreiten sich schnell und erreichen die Verantwortlichen in den Unternehmen.
Die Entwicklung der Supermarkt-Backboxen steht erst am Anfang. Mit wachsendem Umweltbewusstsein und steigender Nachfrage nach Bio-Produkten werden sich die Handelskonzerne langfristig anpassen müssen. Der Greenpeace-Marktcheck hat einen wichtigen Grundstein gelegt, um diese Veränderungen zu beschleunigen. Letztendlich entscheiden aber die Konsumenten mit ihrem Einkaufsverhalten, ob und wie schnell sich nachhaltigere Standards durchsetzen.