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Frauentag-Bilanz: Mehrfachbelastung macht Frauen psychisch krank

9. März 2026 um 13:53
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Nach dem Internationalen Frauentag am 8. März rückt eine besorgniserregende Realität in den Fokus: Frauen in Österreich leiden überproportional häufig unter psychischen Belastungen – nicht trotz, s...

Nach dem Internationalen Frauentag am 8. März rückt eine besorgniserregende Realität in den Fokus: Frauen in Österreich leiden überproportional häufig unter psychischen Belastungen – nicht trotz, sondern wegen ihrer gesellschaftlichen Rolle. Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) schlägt Alarm und fordert ein Umdenken beim Thema Sorgearbeit und deren Auswirkungen auf die mentale Gesundheit.

Unsichtbare Last: Wenn Frauen für alles mitdenken müssen

Was auf den ersten Blick wie eine normale Verteilung der Hausarbeit aussieht, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als komplexes System von Mehrfachbelastungen. Während Männer oft konkrete Aufgaben übernehmen – den Müll rausbringen, das Auto zur Werkstatt bringen –, tragen Frauen häufig die sogenannte "Mental Load". Dieser Begriff aus der Sozialwissenschaft beschreibt die permanente geistige Arbeit des Organisierens, Planens und Koordinierens des Familienlebens.

"Diese oft unsichtbare Form der Belastung wird gesellschaftlich noch immer unterschätzt", betont Barbara Haid, Präsidentin des ÖBVP. "Viele Frauen leisten täglich sehr viel; organisatorisch, emotional und sozial. Wenn Verantwortung über längere Zeit ungleich verteilt bleibt, kann das auch zu innerer Erschöpfung und psychischer Belastung führen."

Was bedeutet Mental Load konkret?

Mental Load umfasst weit mehr als die reine Hausarbeit. Es ist die kognitive und emotionale Arbeit, die nötig ist, um einen Haushalt und eine Familie am Laufen zu halten. Dazu gehört das Erinnern an Termine beim Kinderarzt, das Planen von Mahlzeiten unter Berücksichtigung von Allergien und Vorlieben, das Organisieren von Geburtstagsfeiern, das Mitdenken bei Schulproblemen der Kinder und das emotionale Unterstützen aller Familienmitglieder. Diese Aufgaben sind zeitaufwendig, mental anspruchsvoll und werden gesellschaftlich oft als selbstverständlich angesehen, ohne ihren wahren Wert anzuerkennen.

Österreichische Zahlen sprechen eine deutliche Sprache

Die Statistik Austria zeigt ein eindeutiges Bild: Frauen wenden täglich durchschnittlich 4,4 Stunden für unbezahlte Arbeit auf – Männer nur 2,8 Stunden. Bei der Kinderbetreuung ist das Verhältnis noch extremer: Mütter investieren täglich 2,1 Stunden in die direkte Kinderbetreuung, Väter lediglich 1,1 Stunden. Diese Zahlen berücksichtigen jedoch noch nicht die Mental Load, die schwer messbar, aber psychisch besonders belastend ist.

Besonders problematisch wird es, wenn Frauen zusätzlich berufstätig sind. In Österreich arbeiten 69,4 Prozent der Frauen zwischen 15 und 64 Jahren, wobei 47,8 Prozent in Teilzeit beschäftigt sind – oft nicht aus freier Wahl, sondern aufgrund der Doppelbelastung durch Familie und Beruf.

Die Sandwich-Generation unter besonderem Druck

Besonders stark betroffen sind Frauen der sogenannten Sandwich-Generation, die gleichzeitig für ihre Kinder und ihre älter werdenden Eltern sorgen. In Österreich sind etwa 1,8 Millionen Menschen pflegebedürftig, und 80 Prozent der pflegenden Angehörigen sind weiblich. Diese Frauen zwischen 45 und 65 Jahren jonglieren oft zwischen Vollzeit- oder Teilzeitjob, der Betreuung ihrer Kinder und der Pflege ihrer Eltern.

Psychische Auswirkungen: Von Burnout bis Depression

Die permanente Mehrfachbelastung bleibt nicht ohne Folgen für die psychische Gesundheit. Studien zeigen, dass Frauen doppelt so häufig an Depressionen erkranken wie Männer. Burnout-Syndrome nehmen bei Frauen kontinuierlich zu, wobei nicht nur der Beruf, sondern auch die häusliche Überlastung eine entscheidende Rolle spielt.

Dr. Maria Steinbach, Psychotherapeutin aus Wien, erklärt: "Die Kombination aus beruflichem Stress und der permanenten Verantwortung für das Familienleben führt zu einem Zustand chronischer Anspannung. Viele Frauen haben das Gefühl, nie wirklich abschalten zu können, weil immer irgendetwas mitgedacht werden muss."

Körperliche Symptome der psychischen Belastung

Die psychische Überlastung manifestiert sich häufig auch körperlich. Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Magen-Darm-Probleme und Verspannungen sind typische Begleiterscheinungen der Mehrfachbelastung. Viele Frauen entwickeln ein chronisches Erschöpfungssyndrom, das über normale Müdigkeit weit hinausgeht und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt.

Internationale Vergleiche: Österreich im Mittelfeld

Im europäischen Vergleich liegt Österreich bei der Verteilung der Hausarbeit im Mittelfeld. In skandinavischen Ländern wie Schweden oder Norwegen ist die Aufteilung der Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern deutlich ausgewogener. Dort haben umfassende politische Reformen wie die Einführung von Vätermonaten bei der Elternkarenz zu einem Wandel der Geschlechterrollen beigetragen.

Deutschland zeigt ähnliche Probleme wie Österreich, während Länder wie Frankreich durch eine bessere Kinderbetreuungsinfrastruktur und flexiblere Arbeitsmodelle Frauen entlasten. In der Schweiz ist die Situation noch traditioneller geprägt, was sich in noch ungleicherer Verteilung der Sorgearbeit niederschlägt.

Erfolgsmodelle aus dem Ausland

Island gilt als Vorreiter bei der Gleichstellung: Dort teilen sich Eltern die Karenz zu gleichen Teilen, und Väter nehmen selbstverständlich Elternzeit. Diese kulturelle Veränderung führte zu einer deutlichen Entlastung der Frauen und zu besseren Werten bei der psychischen Gesundheit von Müttern.

Konkrete Auswirkungen auf den österreichischen Alltag

Für die betroffenen Frauen bedeutet die permanente Mehrfachbelastung konkrete Einschränkungen in verschiedenen Lebensbereichen. Karrierechancen werden oft nicht wahrgenommen, weil die zeitlichen und mentalen Ressourcen fehlen. Soziale Kontakte werden vernachlässigt, da für Freundschaften und Hobbys keine Energie mehr bleibt.

Ein typisches Beispiel: Sandra M. aus Salzburg, 38 Jahre alt, arbeitet 30 Stunden als Buchhalterin, hat zwei Kinder im Volksschulalter und pflegt zusätzlich ihre demenzkranke Mutter. Ihr Tag beginnt um 6 Uhr morgens mit der Vorbereitung für die Kinder, geht über Arbeit und Familienorganisation bis spät in den Abend. "Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein Buch gelesen oder mich mit einer Freundin getroffen habe", erzählt sie.

Finanzielle Konsequenzen der Mehrfachbelastung

Die ungleiche Verteilung der Sorgearbeit hat auch langfristige finanzielle Auswirkungen. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit, haben dadurch geringere Einkommen und sammeln weniger Pensionsansprüche. Die Pensionslücke zwischen Männern und Frauen beträgt in Österreich durchschnittlich 40 Prozent – eine direkte Folge der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung.

Lösungsansätze aus psychotherapeutischer Sicht

Aus psychotherapeutischer Sicht ist es wichtig, solche Erfahrungen ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben. Psychotherapie kann dabei unterstützen, Belastungen zu reflektieren, eigene Bedürfnisse wieder stärker wahrzunehmen und neue Wege im Umgang mit Anforderungen zu entwickeln.

Therapeutische Ansätze konzentrieren sich oft darauf, Frauen dabei zu helfen, ihre Grenzen zu erkennen und zu kommunizieren. Viele Betroffene haben verlernt, "Nein" zu sagen oder Hilfe anzunehmen. In der Therapie wird daran gearbeitet, unrealistische Erwartungen zu hinterfragen und neue Strategien für den Umgang mit Stress zu entwickeln.

Systemische Therapieansätze

Besonders erfolgreich sind systemische Therapieansätze, die nicht nur die betroffene Frau, sondern das gesamte Familiensystem einbeziehen. Partner werden in den therapeutischen Prozess eingebunden, um gemeinsam neue Wege der Aufgabenverteilung zu finden. Dabei geht es nicht nur um die praktische Umverteilung von Aufgaben, sondern auch um das Bewusstsein für die emotionale und mentale Belastung.

Gesellschaftliche Veränderungen sind notwendig

Der ÖBVP weist daher darauf hin, wie wesentlich ein guter Zugang zu psychosozialer Unterstützung ist, ebenso wie eine gesellschaftliche Aufmerksamkeit für die vielfältigen Lebensrealitäten von Frauen. Doch individuelle Therapie allein kann strukturelle Probleme nicht lösen.

Expertinnen fordern eine Kombination aus politischen Maßnahmen, gesellschaftlichem Umdenken und individueller Unterstützung. Dazu gehören flexible Arbeitsmodelle, die es beiden Elternteilen ermöglichen, Familie und Beruf zu vereinbaren, sowie eine bessere Wertschätzung und faire Entlohnung von Care-Arbeit.

Politische Forderungen

Konkret fordern Frauenorganisationen und Therapeutenverbände eine Reform der Elternkarenz mit gleichmäßigerer Aufteilung zwischen den Eltern, den Ausbau der Kinderbetreuung auch für Kleinkinder und flexible Arbeitszeiten für beide Geschlechter. Zudem sollten Pflegeleistungen für Angehörige finanziell besser abgegolten werden.

Zukunftsperspektiven: Ein Wandel ist möglich

Die Sensibilisierung für das Thema Mental Load und Mehrfachbelastung von Frauen ist in den letzten Jahren gestiegen. Immer mehr junge Paare reflektieren bewusst die Aufgabenverteilung und streben gleichberechtigte Partnerschaften an. Unternehmen erkennen zunehmend den Wert von familienfreundlichen Arbeitsmodellen nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer.

Studien zeigen, dass Männer, die mehr Care-Arbeit übernehmen, nicht nur ihre Partnerinnen entlasten, sondern auch selbst von intensiveren Beziehungen zu ihren Kindern profitieren. Die Corona-Pandemie hat paradoxerweise zu einem Umdenken beigetragen, da viele Väter im Homeoffice die häusliche Realität ihrer Partnerinnen hautnah miterlebten.

Dennoch wird der Wandel Zeit brauchen. Experten schätzen, dass es noch eine Generation dauern wird, bis sich die Geschlechterrollen grundlegend verändert haben. Umso wichtiger ist es, bereits jetzt die psychische Gesundheit der betroffenen Frauen zu stärken und ihnen die Unterstützung zu bieten, die sie benötigen.

Wer Unterstützung sucht, findet beim Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie Informationen über qualifizierte Therapeutinnen und Therapeuten. Denn die Anerkennung der eigenen Belastung ist oft der erste Schritt zu einer nachhaltigeren Lebensgestaltung und besseren psychischen Gesundheit.

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