Jede sechste Frau über 18 Jahren in Österreich betreut oder pflegt ein Familienmitglied – eine Aufgabe, die sich zunehmend als Armutsfalle entpuppt. Anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. ...
Jede sechste Frau über 18 Jahren in Österreich betreut oder pflegt ein Familienmitglied – eine Aufgabe, die sich zunehmend als Armutsfalle entpuppt. Anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März schlägt die Diakonie Österreich Alarm: Die strukturelle Benachteiligung von Frauen in der Sorge-Arbeit gefährdet nicht nur deren finanzielle Absicherung, sondern auch die Zukunftsfähigkeit des österreichischen Pflegesystems.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Von den gut 800.000 Menschen in Österreich, die Angehörige zu Hause pflegen und betreuen, sind 73 Prozent Frauen. Die Hälfte aller pflegenden Angehörigen stemmt diese herausfordernde Aufgabe völlig allein, ohne professionelle Hilfe – oft auch deshalb, weil das Pflegegeld nicht ausreicht, um Unterstützungsleistungen zu finanzieren.
Sorge-Arbeit, auch Care-Arbeit genannt, umfasst alle Tätigkeiten, die der Betreuung, Pflege und Versorgung von Menschen dienen. Dazu zählen die Pflege kranker oder älterer Familienmitglieder, die Kinderbetreuung, aber auch Haushaltstätigkeiten und emotionale Unterstützung. Diese Arbeiten werden überwiegend unbezahlt geleistet und sind gesellschaftlich oft wenig sichtbar, obwohl sie für das Funktionieren einer Gemeinschaft unerlässlich sind.
Das Problem liegt in der ungleichen Verteilung: Während Frauen den Großteil der Care-Arbeit übernehmen, sind sie gleichzeitig im Erwerbsleben benachteiligt. "Langzeitpflege für chronisch kranke Kinder und Menschen im Alter kann zur Armutsfalle für Frauen werden", konstatiert Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie Österreich. Nicht selten würden Angehörige – "und zwar jene im Haushalt mit geringerem Einkommen, und das eben meistens die Frauen" – ihre Erwerbstätigkeit reduzieren oder beenden, um die Betreuung unentgeltlich zu übernehmen.
Die Konsequenzen dieses Systems sind verheerend: Frauen, die ihre Berufstätigkeit für Pflegeaufgaben einschränken, erhalten niedrigere Pensionen und laufen Gefahr, im Alter in die Armut abzurutschen. Die Angehörigenpflege verstärkt somit nicht nur den Gender-Pay-Gap – die geschlechtsspezifische Lohnlücke –, sondern verschärft auch den Gender-Pension-Gap, also die Pensionslücke zwischen Männern und Frauen.
Die Auswirkungen dieser strukturellen Benachteiligung zeigen sich bereits heute dramatisch in den Statistiken: Jede fünfte Frau im Pensionsalter ist in Österreich armutsgefährdet. Insgesamt gelten 570.000 Frauen als armutsgefährdet – eine Zahl, die die Dringlichkeit politischer Reformen unterstreicht.
Besonders prekär wird die Situation durch die schrittweise Anhebung des gesetzlichen Pensionsalters für Frauen. Dadurch geraten Frauen zusätzlich unter Druck, denn viele tragen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren neben dem Beruf gleichzeitig Verantwortung für Kinder und pflegebedürftige Eltern. Diese sogenannte "Sandwich-Generation" sieht sich mit einer dreifachen Belastung konfrontiert: Beruf, Kindererziehung und Angehörigenpflege.
Der demografische Wandel in Österreich verstärkt diese Problematik zusätzlich. Die Bevölkerungspyramide kehrt sich um: Während die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, schrumpft die Anzahl der potenziell pflegenden Personen. Gleichzeitig führen gesellschaftliche Veränderungen wie kleinere Familien, höhere Mobilität und veränderte Familienstrukturen dazu, dass traditionelle Pflegearrangements nicht mehr selbstverständlich funktionieren.
"Wenn Frauen länger im Erwerbsleben bleiben sollen, gleichzeitig Angehörige pflegen und strukturell weniger verdienen, dann geht sich das irgendwann nicht mehr aus. Ohne Geschlechtergerechtigkeit wird die Langzeitpflege kippen", warnt Moser vor einem drohenden Kollaps des Systems.
Ein zentraler Kritikpunkt der Diakonie liegt in der sogenannten "Familiarisierung" der Pflege. Dieser Begriff beschreibt die politische und gesellschaftliche Tendenz, Pflegeaufgaben primär als private Familienangelegenheit zu betrachten und entsprechend der Familie zu übertragen, anstatt sie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe anzuerkennen.
Diese Familiarisierung führt dazu, dass der Staat seine Verantwortung für die Langzeitpflege teilweise auf private Haushalte abwälzt. Das mag kurzfristig kostengünstig erscheinen, entpuppt sich aber langfristig als gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Bumerang. Denn die versteckten Kosten – in Form von verlorenen Erwerbseinkommen, geringeren Pensionsansprüchen und gesundheitlichen Belastungen der pflegenden Angehörigen – werden letztendlich von der gesamten Gesellschaft getragen.
Gerade in Zeiten, in denen aufgrund der demografischen Entwicklung der Druck auf die Pflegelandschaft zunimmt und die Bedeutung der Versorgung zu Hause steigt, dürfe Langzeitpflege nicht als Privatsache betrachtet werden, kritisiert Moser. "Langzeitpflege ist eine gesellschaftliche Herausforderung, die nach politischer Verantwortungsübernahme schreit."
Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass andere europäische Länder bereits erfolgreichere Wege eingeschlagen haben. In Skandinavien beispielsweise ist die Gleichberechtigung in der Care-Arbeit wesentlich weiter fortgeschritten. In Schweden nehmen etwa 45 Prozent der Väter Elternkarenz in Anspruch, verglichen mit nur rund 20 Prozent in Österreich. Dies wird durch gezielte politische Maßnahmen wie "Daddy Days" und finanzielle Anreize für Männer erreicht.
Auch die Niederlande haben mit ihrem "Wet langdurige zorg" (Langzeitpflegegesetz) ein System geschaffen, das professionelle und familiäre Pflege besser kombiniert. Deutsche Ansätze wie die Familienpflegezeit, die es Arbeitnehmenden ermöglicht, ihre Arbeitszeit für die Pflege von Angehörigen zu reduzieren, während ein Teil des Einkommensverlusts ausgeglichen wird, könnten auch für Österreich Vorbildcharakter haben.
Ein entscheidender Baustein für eine geschlechtergerechte Verteilung der Care-Arbeit liegt in der stärkeren Einbindung von Männern. Gefordert sind sowohl der Ausbau bedarfsgerechter professioneller Unterstützung als auch eine "Normalisierung der Sorge-Arbeit von Männern", wie die Diakonie betont.
Dies erfordert jedoch einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel. Noch immer sind traditionelle Rollenbilder tief verankert, die Männern primär die Rolle des Familienernährers zuweisen, während Frauen für die emotionale und pflegerische Versorgung zuständig sein sollen. Diese Rollenverteilung ist nicht nur unfair, sondern auch wirtschaftlich ineffizient und sozial nicht nachhaltig.
Die Diakonie Österreich fordert ein umfassendes Maßnahmenpaket, um die strukturellen Probleme in der Sorge-Arbeit zu lösen. Im Zentrum steht dabei die Forderung, dass bei politischen Maßnahmen in allen Ressorts die Auswirkungen auf Frauen und Männer, die Sorge-Arbeit leisten, systematisch mitgedacht werden müssen.
Der konsequente Abbau des Gender-Pay-Gaps steht dabei an erster Stelle. Solange Frauen für gleichwertige Arbeit weniger verdienen als Männer, bleibt die ökonomische "Logik" bestehen, dass bei Pflegebedarf eher die Frau ihre Erwerbstätigkeit reduziert. In Österreich beträgt die geschlechtsspezifische Lohnlücke derzeit noch immer rund 19 Prozent – ein Wert, der deutlich über dem EU-Durchschnitt liegt.
Karenz-Regelungen können als wichtiger Hebel für gesellschaftlichen Wandel fungieren. Gezielte Beratungsformate, insbesondere Peer-Beratung für Männer, können dabei helfen, traditionelle Rollenbilder aufzubrechen. Wenn Männer von anderen Männern hören, die positive Erfahrungen mit Karenz und Care-Arbeit gemacht haben, kann dies als wichtiger Multiplikatoreffekt wirken.
Auch die Ausweitung von Tageszentren und mobilen Diensten ist essentiell. Diese müssen jedoch so gestaltet sein, dass sie echte Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ermöglichen. Das bedeutet: bedarfsgerechte Öffnungszeiten, Wohnortnähe und vor allem Leistbarkeit. Viele bestehende Angebote scheitern daran, dass sie für Durchschnittsfamilien finanziell nicht erschwinglich sind.
Ein weiterer wichtiger Aspekt liegt in der Stärkung von Unterstützungsstrukturen im Sozialraum. Die Finanzierung der Koordination von Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe, Besuchsdiensten und inklusiven Vereinen kann einen wichtigen Beitrag zur Entlastung pflegender Angehöriger leisten. Solche dezentralen Strukturen haben den Vorteil, dass sie flexibel auf lokale Bedürfnisse eingehen können und gleichzeitig das soziale Gefüge stärken.
Besonders wichtig ist auch der Ausbau von qualifizierten Betreuungsplätzen in Kindergärten und Horten für chronisch kranke Kinder und Kinder mit Behinderung. Ohne diese Infrastruktur können Eltern, insbesondere Mütter, kaum ihrer Berufstätigkeit nachgehen. Dies perpetuiert die bestehenden Ungleichheiten und verschärft die finanzielle Abhängigkeit von Frauen.
Die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit hat nicht nur individuelle Konsequenzen für die betroffenen Frauen, sondern wirkt sich auch gesamtgesellschaftlich negativ aus. Wenn hochqualifizierte Frauen aufgrund von Pflegeverpflichtungen ihre Erwerbstätigkeit reduzieren oder aufgeben, geht der Gesellschaft wertvolles Humankapital verloren.
Gleichzeitig führt die steigende Altersarmut von Frauen zu höheren Sozialkosten. Frauen mit geringen Pensionsansprüchen sind häufiger auf Mindestsicherung und andere soziale Transferleistungen angewiesen. Diese Kosten müssen letztendlich von der Gesellschaft getragen werden – eine indirekte Subventionierung des derzeitigen, ineffizienten Systems.
Aus volkswirtschaftlicher Sicht stellt die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit also eine doppelte Belastung dar: Zum einen entgehen dem Arbeitsmarkt und dem Steuersystem Beiträge, zum anderen steigen die Sozialausgaben. Eine geschlechtergerechtere Verteilung der Sorge-Arbeit könnte diese negativen Effekte deutlich abmildern.