Die Diskussion um die Suchthilfeeinrichtung Jedmayer in Wien-Mariahilf erreicht einen neuen Höhepunkt. Die FPÖ-Mariahilf übt scharfe Kritik an der Untätigkeit von Stadt und Bezirk und fordert eine ...
Die Diskussion um die Suchthilfeeinrichtung Jedmayer in Wien-Mariahilf erreicht einen neuen Höhepunkt. Die FPÖ-Mariahilf übt scharfe Kritik an der Untätigkeit von Stadt und Bezirk und fordert eine radikale Lösung: die komplette Verlegung der Einrichtung in ein Gewerbegebiet. Während Anrainer seit Jahren unter den Auswirkungen der Drogenszene leiden, würden Politiker nur leere Versprechungen machen, so der Vorwurf der Opposition.
Das Suchthilfezentrum Jedmayer in der Mariahilfer Straße 99 ist seit seiner Eröffnung im Jahr 2014 ein Brennpunkt der Wiener Drogenpolitik. Die Einrichtung bietet niederschwellige Hilfe für Suchtkranke, darunter Substitutionsbehandlungen mit Methadon und anderen Ersatzstoffen, medizinische Versorgung und Sozialarbeit. Täglich suchen hier rund 800 Patienten Hilfe – eine der größten derartigen Einrichtungen in Österreich.
Die Substitutionstherapie ist ein medizinisches Verfahren, bei dem Suchtkranke kontrolliert Ersatzstoffe wie Methadon erhalten, um den Entzug von harten Drogen wie Heroin zu erleichtern. Diese Behandlungsmethode gilt international als Goldstandard in der Suchtmedizin, da sie sowohl die Kriminalität reduziert als auch die Gesundheit der Betroffenen stabilisiert. In Wien werden derzeit etwa 4.500 Menschen mit dieser Methode behandelt, europaweit sind es über 600.000 Patienten.
Die Problematik rund um das Jedmayer entstand jedoch nicht erst gestern. Bereits seit der Eröffnung beklagen sich Anrainer über Belästigungen, Verschmutzung und ein subjektiv erhöhtes Unsicherheitsgefühl. Drogendeals in den angrenzenden Straßen, herumliegende Spritzen und aggressive Bettler prägen das Bild des Grätzls. Die Stadt Wien reagierte über die Jahre mit verschiedenen Maßnahmen: verstärkten Polizeistreifen, Straßensozialarbeit und baulichen Veränderungen im Umfeld der Einrichtung.
FPÖ-Bezirksparteiobmann Leo Lugner und Klubobmann Lukas Korp kritisieren vor allem das Tempo der versprochenen Verbesserungen. Ein für Ende 2024 angekündigtes Maßnahmenpaket von Stadtregierung und Bezirksvertretung Mariahilf sei bis heute nicht umgesetzt worden. "Die Wienerinnen und Wiener fragen sich mittlerweile zu Recht: Was wird schneller fertig – der Bau der U5 oder das versprochene Maßnahmenpaket für das Jedmayer?", so Korp in seiner Kritik.
Diese Referenz auf die U-Bahn-Linie U5 ist besonders pikant, da dieses Großprojekt der Wiener Linien für seine langen Planungs- und Bauphasen bekannt ist. Die U5 soll bis 2030 fertiggestellt werden und wird mit geschätzten Kosten von über 2 Milliarden Euro eines der teuersten Infrastrukturprojekte der Stadt. Der erste Spatenstich erfolgte 2018, die Fertigstellung verzögert sich jedoch kontinuierlich.
Auch die Zusammenarbeit mit der ÖVP Mariahilf sieht die FPÖ kritisch. Lugner wirft Bezirksrat Dr. Hammerer vor, sich über "den mittlerweile gefühlt hundertsten angekündigten Arbeitskreis" zu freuen, während konkrete Lösungen ausbleiben würden.
Die Belastungen für die Anrainer sind vielfältig und real messbar. Geschäftsinhaber in der Mariahilfer Straße berichten von Umsatzeinbußen, da Kunden das Gebiet meiden. Immobilienpreise in der direkten Umgebung stagnierten in den letzten Jahren, während andere Bereiche des 6. Bezirks deutliche Wertsteigerungen verzeichneten.
Eine 2023 durchgeführte Umfrage der Bezirksvertretung Mariahilf unter 500 Anrainern ergab, dass 73 Prozent der Befragten die Situation als "belastend" oder "sehr belastend" empfinden. Besonders betroffen sind Familien mit Kindern, die den nahegelegenen Esterházypark nur noch eingeschränkt nutzen. Eltern berichten von herumliegenden Spritzen und aggressivem Verhalten einzelner Suchtkranker.
Die Straßensozialarbeit, ein weiteres Fachgebiet in diesem Kontext, umfasst die aufsuchende Betreuung von Menschen in prekären Lebenssituationen direkt auf der Straße. Speziell ausgebildete Sozialarbeiter bauen Vertrauen zu Obdachlosen und Suchtkranken auf und vermitteln sie an geeignete Hilfseinrichtungen weiter. In Wien sind täglich etwa 30 Straßensozialarbeiter im Einsatz, die meisten davon in den Innenbezirken.
International zeigen sich unterschiedliche Ansätze im Umgang mit Suchthilfezentren. In Zürich wurde die berüchtigte offene Drogenszene am Platzspitz in den 1990er Jahren durch die Verlagerung in kontrollierte Abgabestellen erfolgreich beendet. Diese "Fixerstuben" befinden sich heute in Industriegebieten außerhalb der Wohnviertel.
Amsterdam verfolgt einen ähnlichen Ansatz und hat Drogenhilfeeinrichtungen bewusst in weniger sensiblen Stadtteilen angesiedelt. Die Niederlande gelten europaweit als Vorreiter in der liberalen Drogenpolitik, setzen aber gleichzeitig stark auf räumliche Trennung von Wohn- und Behandlungsbereichen.
Deutschland geht regional unterschiedliche Wege: Während Berlin auf dezentrale Einrichtungen setzt, konzentriert Frankfurt am Main die Drogenhilfe im Bahnhofsviertel – einem traditionellen Rotlichtbezirk mit wenigen Wohnungen.
Die Finanzierung des Jedmayer und ähnlicher Einrichtungen erfolgt über den Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) und kostet die Stadt jährlich etwa 15 Millionen Euro. Diese Summe umfasst Personalkosten, Medikamente für die Substitutionstherapie und Betriebskosten. Zum Vergleich: Die Behandlung eines Heroinsüchtigen kostet das Gesundheitssystem pro Jahr etwa 20.000 Euro, während die gesellschaftlichen Folgekosten bei fehlender Behandlung auf bis zu 45.000 Euro pro Person geschätzt werden.
Eine Verlegung der Einrichtung, wie sie die FPÖ fordert, würde erhebliche Kosten verursachen. Experten schätzen die Ausgaben für einen Neubau auf mindestens 25 Millionen Euro, hinzu kämen die laufenden Transportkosten für Patienten, die weiterhin in den Innenbezirken leben.
Das Suchtmittelgesetz (SMG) bildet die rechtliche Grundlage für die Substitutionsbehandlung in Österreich. Seit der Novelle 2016 haben Suchtkranke einen Rechtsanspruch auf diese Therapieform, sofern medizinische Indikation vorliegt. Die Behandlung muss durch speziell ausgebildete Ärzte erfolgen und unterliegt strengen Auflagen der Gesundheitsbehörden.
Eine Schließung oder Verlegung der Einrichtung müsste daher alternative Behandlungsplätze schaffen, um den gesetzlichen Versorgungsauftrag zu erfüllen. Wien verfügt derzeit über acht größere Suchthilfezentren, das Jedmayer ist das größte und modernste.
Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) verteidigte die bisherige Drogenpolitik mehrfach öffentlich und verwies auf sinkende Drogentote in Wien. Die Zahl der Opiate-bedingten Todesfälle ging von 67 im Jahr 2010 auf 31 im Jahr 2023 zurück – ein Rückgang, den Experten maßgeblich der flächendeckenden Substitutionsbehandlung zuschreiben.
Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) kündigte für 2025 zusätzliche Streetworker und mobile Beratungsteams an. Diese sollen präventiv tätig werden und Konflikte zwischen Suchtkranken und Anrainern entschärfen. Das Budget für diese Maßnahmen beläuft sich auf 2,8 Millionen Euro.
Die Debatte um das Jedmayer spiegelt ein grundsätzliches Dilemma der urbanen Drogenpolitik wider: Wie lassen sich medizinisch notwendige Behandlungseinrichtungen mit den Bedürfnissen der Anrainer vereinbaren? Experten sehen verschiedene Lösungsansätze, die über eine simple Verlegung hinausgehen.
Ein vielversprechender Ansatz könnte die Dezentralisierung sein: Statt einer Großeinrichtung könnten mehrere kleinere Zentren in verschiedenen Bezirken entstehen. Dies würde die Belastung für einzelne Stadtteile reduzieren und gleichzeitig die Behandlungsqualität aufrechterhalten.
Technologische Innovationen bieten weitere Möglichkeiten: Mobile Substitutionsstationen, digitale Terminvereinbarungen und Telemedizin könnten die Patientenströme besser verteilen und die Verweildauer vor Ort reduzieren.
Langfristig könnte auch eine Änderung der Drogenpolitik auf Bundesebene neue Perspektiven eröffnen. Modellprojekte zur kontrollierten Heroinabgabe, wie sie in der Schweiz erfolgreich durchgeführt werden, könnten auch in Österreich diskutiert werden. Diese würden jedoch erhebliche gesetzliche Änderungen erfordern und sind politisch umstritten.
Die Kontroverse um das Jedmayer verdeutlicht die Komplexität moderner Stadtpolitik. Während die FPÖ mit ihrer Forderung nach Verlegung den Unmut vieler Anrainer aufgreift, warnen Suchtexperten vor den Folgen einer zu schnellen Entscheidung. Eine ausgewogene Lösung muss sowohl die berechtigten Sorgen der Anwohner als auch die Versorgungspflicht für Suchtkranke berücksichtigen.
Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Stadtregierung bereit ist, über symbolische Maßnahmen hinauszugehen und strukturelle Reformen anzugehen. Für die Anrainer in Mariahilf wird es entscheidend sein, dass endlich konkrete Schritte folgen – unabhängig davon, ob diese in einer Verlegung oder in grundlegend verbesserten Rahmenbedingungen bestehen. Die Zeit des Wartens auf die nächste Arbeitsgruppe sollte definitiv vorbei sein.