Ein neuer Fairnesskatalog soll das Verhältnis zwischen Energieversorgern und Verbrauchern in Österreich grundlegend verbessern. Die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) und die E-Control haben am 19. Mär...
Ein neuer Fairnesskatalog soll das Verhältnis zwischen Energieversorgern und Verbrauchern in Österreich grundlegend verbessern. Die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) und die E-Control haben am 19. März 2026 gemeinsame Verhaltensregeln für Strom- und Gaslieferanten veröffentlicht, die über die bestehenden gesetzlichen Mindeststandards hinausgehen. Die acht Grundsätze entstanden als direkte Reaktion auf die Erfahrungen der Energiekrise und sollen Wettbewerb, Transparenz und Verbraucherschutz nachhaltig stärken.
Die Wurzeln des Fairnesskatalogs reichen zurück in die turbulenten Jahre der Energiekrise, die Österreichs Strom- und Gasmarkt fundamental erschütterte. Im Juni 2025 legte die Task-Force Energie ihren Abschlussbericht vor, der schonungslos die Schwachstellen des heimischen Energiemarkts offenlegte. Die Analyse zeigte deutlich, wie die Krisenjahre zu Verwerfungen im Wettbewerb führten und Verbraucher oft den Kürzeren zogen.
"Die Energiekrise hat wie ein Brennglas die Probleme unseres Marktes sichtbar gemacht", erklärt Wolfgang Urbantschitsch, Vorstand der E-Control. "Während die Preise explodierten, nutzten manche Anbieter die Verunsicherung der Kunden aus. Intransparente Preismodelle, versteckte Kosten und unklare Vertragsbedingungen waren leider keine Seltenheit."
Die Task-Force dokumentierte systematisch, wie sich die Marktkonzentration während der Krise verstärkte. Kleinere Anbieter verschwanden vom Markt, während etablierte Versorger ihre Marktposition ausbauten. Gleichzeitig stiegen die Beschwerden von Verbrauchern drastisch an. Die E-Control verzeichnete 2023 und 2024 die höchsten Beschwerdezahlen seit ihrer Gründung.
Der neue Fairnesskatalog basiert auf acht zentralen Grundsätzen, die das Verhalten von Energieversorgern gegenüber Privatkunden und Kleinunternehmen regeln sollen. Diese Verhaltensregeln gehen bewusst über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus und setzen auf Selbstverpflichtung der Branche.
Der erste Grundsatz verpflichtet Energieversorger zu wettbewerbsförderndem Verhalten. Konkret bedeutet dies, dass Unternehmen keine Praktiken anwenden dürfen, die den Wettbewerb verzerren oder neue Marktteilnehmer benachteiligen. Dazu gehört beispielsweise der Verzicht auf übermäßig komplizierte Tarifstrukturen, die es Verbrauchern unmöglich machen, Angebote zu vergleichen.
In der Praxis bedeutet dies auch, dass etablierte Versorger ihre Marktmacht nicht missbrauchen dürfen, um Konkurrenten zu verdrängen. Preiskämpfe auf Kosten der Servicequalität oder des Verbraucherschutzes sollen der Vergangenheit angehören. Stattdessen soll echter Qualitätswettbewerb entstehen, von dem letztendlich die Kunden profitieren.
Der zweite Grundsatz fordert die diskriminierungsfreie Behandlung aller Kunden. Dies zielt besonders auf die Praxis ab, Neukunden mit Lockpreisen zu ködern, während Bestandskunden oft benachteiligt werden. "Wir haben beobachtet, dass loyale Kunden häufig die Verlierer waren", kritisiert Natalie Harsdorf, Generaldirektorin der BWB. "Sie zahlten oft deutlich mehr als Neukunden für identische Leistungen."
Die diskriminierungsfreie Behandlung umfasst auch den Kundenservice. Alle Kunden sollen gleichen Zugang zu Beratung und Support erhalten, unabhängig von ihrem Verbrauchsvolumen oder der Dauer ihrer Kundenbeziehung. Besonders wichtig ist dies für vulnerable Verbrauchergruppen wie Senioren oder Menschen mit geringem Einkommen.
Der dritte Grundsatz zielt auf verbraucherfreundliche Produkt- und Preisgestaltung ab. Energieversorger sollen ihre Tarife so gestalten, dass sie für durchschnittliche Verbraucher verständlich und vergleichbar sind. Dies bedeutet ein Ende für bewusst verwirrende Preismodelle mit versteckten Kosten oder unklaren Preisanpassungsklauseln.
Konkret sollen Energietarife künftig folgende Merkmale aufweisen: klare Preisangaben pro Kilowattstunde, transparente Grundgebühren, verständliche Vertragslaufzeiten und faire Kündigungsbedingungen. Preisänderungen müssen rechtzeitig und in verständlicher Form kommuniziert werden, sodass Kunden ausreichend Zeit haben, zu reagieren.
Der vierte Kernbereich fokussiert auf Transparenz im Markt. Energieversorger verpflichten sich, alle relevanten Informationen offen und verständlich zu kommunizieren. Dies betrifft nicht nur Preise und Vertragsbedingungen, sondern auch die Herkunft der Energie und die Unternehmenspolitik.
Transparenz bedeutet auch, dass Kunden jederzeit Einsicht in ihre Verbrauchsdaten haben und diese in einem standardisierten Format exportieren können. Dies erleichtert den Anbieterwechsel erheblich und stärkt die Verhandlungsposition der Verbraucher.
Mit dem Fairnesskatalog nimmt Österreich eine Vorreiterrolle in Europa ein. Während andere EU-Staaten hauptsächlich auf regulatorische Maßnahmen setzen, wählt Österreich den Weg der Selbstverpflichtung kombiniert mit öffentlichem Druck. Dieser Ansatz hat sich bereits in anderen Branchen bewährt.
In Deutschland beispielsweise führten ähnliche Initiativen in der Telekommunikationsbranche zu messbaren Verbesserungen bei der Kundenzufriedenheit. Die Schweiz setzt hingegen stärker auf staatliche Regulierung, was zu höheren Compliance-Kosten, aber auch zu strengeren Standards führt.
"Unser Ansatz kombiniert das Beste aus beiden Welten", erklärt Urbantschitsch. "Wir setzen auf die Eigenverantwortung der Unternehmen, schaffen aber gleichzeitig öffentlichen Druck durch die Listung teilnehmender Unternehmen. Kunden können so bewusst faire Anbieter wählen."
Innerhalb Österreichs zeigen sich bereits deutliche regionale Unterschiede. Wien und Niederösterreich verzeichnen die meisten Anbieterwechsel, während in ländlichen Gebieten oft noch traditionelle Loyalitäten zu lokalen Versorgern bestehen. Der Fairnesskatalog könnte diese regionalen Unterschiede nivellieren und überall gleich hohe Standards etablieren.
Der Weg zum finalen Fairnesskatalog war von intensiven Diskussionen geprägt. Vom 9. Dezember 2025 bis zum 20. Januar 2026 konnten Branchenvertreter, Verbraucherschützer und andere Stakeholder Stellung zu dem Entwurf nehmen. Die Konsultation brachte über 150 Rückmeldungen hervor, die teilweise zu substanziellen Änderungen führten.
Besonders kontrovers diskutiert wurde die Frage der Sanktionen bei Nichteinhaltung der Grundsätze. Während Verbraucherschützer härtere Strafen forderten, argumentierte die Energiebranche für einen rein reputationsbasierten Ansatz. Der finale Kompromiss sieht vor, dass Verstöße gegen die Fairnessgrundsätze zur Streichung von der öffentlichen Liste führen können.
Ein weiterer Streitpunkt waren die Definitionen von "fairen Preisen" und "transparenter Kommunikation". Hier einigten sich die Beteiligten auf messbare Kriterien: Preisänderungen müssen mindestens 30 Tage im Voraus angekündigt werden, Vertragsbedingungen dürfen maximal 10 Seiten umfassen und müssen in einfacher Sprache verfasst sein.
Für die rund 6,5 Millionen österreichischen Strom- und Gaskunden bringt der Fairnesskatalog konkrete Verbesserungen. Kunden von teilnehmenden Unternehmen können mit faireren Preisen, besserer Beratung und transparenteren Verträgen rechnen. Die öffentliche Liste auf der BWB-Website wird zur wichtigen Orientierungshilfe bei der Anbieterwahl.
Familie Müller aus Graz könnte beispielsweise bei einem Wechsel zu einem Fairness-zertifizierten Anbieter jährlich bis zu 300 Euro sparen. Nicht nur durch niedrigere Tarife, sondern auch durch wegfallende versteckte Kosten und faire Abrechnungsmethoden. Besonders profitieren Haushalte mit mittlerem Verbrauch zwischen 3.000 und 5.000 Kilowattstunden pro Jahr.
Kleinunternehmen wie der Bäcker Weber aus Innsbruck erhalten erstmals Zugang zu speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Tarifen. Bisher wurden Gewerbetreibende oft wie Großkunden behandelt oder mussten sich mit unpassenden Privattarifen begnügen. Der Fairnesskatalog schafft hier eine neue Kategorie mit angemessenen Konditionen.
Besonders vulnerable Kundengruppen wie Senioren oder Menschen mit Zahlungsschwierigkeiten erhalten besonderen Schutz. Teilnehmende Anbieter verpflichten sich zu kulanten Ratenzahlungsvereinbarungen und verzichten auf übermäßige Mahngebühren. Stromsperren sollen nur noch als ultima ratio eingesetzt werden.
Die Reaktionen der Energiebranche auf den Fairnesskatalog fallen gemischt aus. Während große Versorger wie die Verbund AG oder Wien Energie bereits Interesse signalisiert haben, zeigen sich kleinere Anbieter noch zurückhaltend. Sie befürchten zusätzliche Kosten und bürokratische Hürden.
"Wir begrüßen die Initiative grundsätzlich, sehen aber auch die Herausforderungen", erklärt der Geschäftsführer eines mittelgroßen Energieunternehmens, der anonym bleiben möchte. "Die Umsetzung der Transparenzanforderungen erfordert Investitionen in neue IT-Systeme und Schulungen für unsere Mitarbeiter. Das kostet Geld, das wir letztendlich an die Kunden weitergeben müssen."
Andere Branchenvertreter sehen den Fairnesskatalog als Chance zur Differenzierung. "Wer schon heute fair agiert, kann dies nun öffentlich sichtbar machen", argumentiert eine Sprecherin der österreichischen Energiewirtschaft. "Das ist ein klarer Wettbewerbsvorteil gegenüber schwarzen Schafen der Branche."
Die größten Energieversorger Österreichs haben bereits angekündigt, den Fairnesskatalog zu prüfen. Eine endgültige Entscheidung über die Teilnahme soll bis Ende 2026 fallen. Brancheninsider rechnen damit, dass sich zunächst etwa 30 bis 40 Prozent der Anbieter dem Fairnesskatalog anschließen werden.
Der österreichische Fairnesskatalog orientiert sich an erfolgreichen internationalen Modellen. In Großbritannien führte die Einführung eines "Energy Supply Code of Practice" zu einer deutlichen Verbesserung der Kundenzufriedenheit. Beschwerden gingen um 40 Prozent zurück, während sich die Wechselbereitschaft der Kunden verdoppelte.
In den Niederlanden etablierte sich ein ähnliches System bereits 2018. Dort beteiligen sich mittlerweile 85 Prozent aller Energieversorger an der freiwilligen Selbstverpflichtung. Die niederländische Verbraucherzentrale bestätigt messbare Verbesserungen bei Preistransparenz und Servicequalität.
Auch die Lebensmittelbranche in Österreich sammelte positive Erfahrungen mit Fairnessgrundsätzen. Der 2019 eingeführte Verhaltenskodex für Lebensmittelhändler führte zu faireren Lieferantenbedingungen und stabileren Preisen für Verbraucher. "Diese Erfolge wollen wir nun auf den Energiesektor übertragen", betont BWB-Chefin Harsdorf.
Die Umsetzung des Fairnesskatalogs bringt verschiedene Herausforderungen mit sich. Ein zentrales Problem ist die Messbarkeit von "Fairness". Während Preistransparenz noch relativ einfach zu bewerten ist, gestaltet sich die Beurteilung von Kundenservice oder Beratungsqualität deutlich schwieriger.
Die BWB und E-Control arbeiten daher an objektiven Bewertungskriterien. Diese sollen regelmäßige Kundenbefragungen, Mystery-Shopping-Tests und die Analyse von Beschwerdedaten umfassen. Ein unabhängiges Monitoring-System soll sicherstellen, dass teilnehmende Unternehmen die Fairnessgrundsätze auch tatsächlich einhalten.
Ein weiteres Problem ist die europaweite Harmonisierung. Da der österreichische Energiemarkt zunehmend mit dem EU-Binnenmarkt verknüpft ist, könnten nationale Sonderregelungen zu Wettbewerbsverzerrungen führen. Die E-Control steht daher in engem Austausch mit anderen europäischen Regulierungsbehörden, um gemeinsame Standards zu entwickeln.
Die technische Umsetzung stellt besonders kleinere Anbieter vor Probleme. Neue IT-Systeme für verbesserte Transparenz und Kundenkommunikation erfordern erhebliche Investitionen. Die E-Control prüft daher Unterstützungsmaßnahmen wie Förderprogramme oder gemeinsame Plattformen für kleinere Versorger.
Der Fairnesskatalog ist erst der Anfang einer umfassenden Modernisierung des österreichischen Energiemarkts. Bis 2030 sollen weitere Reformschritte folgen, die den Markt noch kundenfreundlicher und wettbewerbsintensiver gestalten. Im Fokus stehen dabei digitale Innovationen und neue Technologien.
Smart Meter und intelligente Stromnetze ermöglichen völlig neue Formen der Preisgestaltung und Kundeninteraktion. Dynamische Tarife, die sich je nach Tageszeit und Netzauslastung ändern, könnten Verbrauchern helfen, Kosten zu sparen und das Stromnetz zu stabilisieren. Der Fairnesskatalog soll sicherstellen, dass diese Innovationen fair und transparent implementiert werden.
Die Energiewende bringt weitere Herausforderungen mit sich. Der Ausbau erneuerbarer Energien führt zu volatileren Preisen und neuen Geschäftsmodellen. Energy Communities, Speicherlösungen und Elektromobilität verändern die Branche fundamental. Der Fairnesskatalog muss sich kontinuierlich anpassen, um auch diese Entwicklungen abzubilden.
Experten rechnen damit, dass der Fairnesskatalog alle zwei Jahre überarbeitet wird. Neue Technologien, geänderte Marktbedingungen und Erfahrungen aus der Praxis fließen dann in aktualisierte Versionen ein. "Wir haben einen lebendigen Prozess geschaffen, der sich mit dem Markt entwickelt", erklärt Urbantschitsch die Langzeitstrategie.
Bis 2030 könnte der österreichische Energiemarkt zu einem der verbraucherfreundlichsten in Europa werden. Faire Preise, transparente Kommunikation und echter Wettbewerb würden dann nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein. Davon profitieren nicht nur Verbraucher, sondern letztendlich auch seriöse Energieversorger, die sich durch Qualität und Fairness vom Wettbewerb abheben können.