Ein historischer Moment für Österreichs größten Energiekonzern: Der Aufsichtsrat der OMV Aktiengesellschaft steht vor einer wegweisenden Entscheidung. Emma Delaney, eine erfahrene irische Energiema...
Ein historischer Moment für Österreichs größten Energiekonzern: Der Aufsichtsrat der OMV Aktiengesellschaft steht vor einer wegweisenden Entscheidung. Emma Delaney, eine erfahrene irische Energiemanagerin, soll ab September 2026 das Ruder des traditionsreichen Unternehmens übernehmen und damit als erste Frau in der 65-jährigen Firmengeschichte den Vorstandsvorsitz bekleiden. Die Entscheidung des Präsidial- und Nominierungsausschusses vom heutigen Tag markiert einen Paradigmenwechsel in der österreichischen Wirtschaftslandschaft, wo Frauen in Vorstandspositionen noch immer eine Seltenheit darstellen.
Emma Delaney bringt eine beeindruckende Laufbahn mit: Über 30 Jahre sammelte die irische Staatsbürgerin Erfahrungen im internationalen Energiegeschäft, davon viele Jahre im Top-Management des britischen Ölgiganten bp. In ihrer aktuellen Position als Bereichsvorstand leitet sie einen der drei weltweit agierenden Geschäftsbereiche des Konzerns – eine Organisation mit mehr als 50.000 Mitarbeitenden in etwa 50 Ländern. Diese Dimension verdeutlicht die Komplexität und das Ausmaß ihrer Verantwortung: Zum Vergleich beschäftigt die gesamte OMV derzeit rund 22.300 Mitarbeiter weltweit.
Ihr Verantwortungsbereich bei bp umfasst zentrale Zukunftsmärkte der Energiebranche: Kraftstoffe und Biokraftstoffe, Industrie- und Fahrzeugschmierstoffe, Luftfahrkraftstoffe sowie E-Mobilität. Diese Bereiche sind für die Transformation der Energiewirtschaft von entscheidender Bedeutung. Biokraftstoffe beispielsweise gelten als wichtiger Baustein für die Dekarbonisierung des Transportsektors, während E-Mobilität den Wandel weg von fossilen Brennstoffen vorantreibt. Delaneys Expertise erstreckt sich sowohl auf das Upstream-Geschäft (Exploration und Förderung) als auch auf Downstream-Aktivitäten (Raffinierung und Vermarktung) sowie den wachsenden LNG-Sektor (Liquefied Natural Gas).
Die Österreichische Mineralölverwaltung wurde 1956 als Staatsunternehmen gegründet, um die österreichische Energieversorgung sicherzustellen. Über die Jahrzehnte entwickelte sich das Unternehmen von einem nationalen Versorger zu einem internationalen Energiekonzern. Die Privatisierung in den 1990er Jahren und die Expansion nach Osteuropa, insbesondere nach Rumänien mit der Übernahme von Petrom, prägten die Unternehmensgeschichte. Heute ist OMV in über 30 Ländern aktiv und erwirtschaftete 2023 einen Umsatz von 24 Milliarden Euro.
Der Konzern steht jedoch vor enormen Herausforderungen: Die Energiewende erfordert eine fundamentale Neuausrichtung des Geschäftsmodells. OMV hat sich zum Ziel gesetzt, bis spätestens 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen und wandelt sich zu einem "integrierten Unternehmen für nachhaltige Energie, Kraftstoffe und Chemikalien". Diese Transformation bedeutet massive Investitionen in erneuerbare Energien, Wasserstofftechnologien und nachhaltige Chemieprodukte, während gleichzeitig das traditionelle Öl- und Gasgeschäft schrittweise zurückgefahren wird.
Delaneys potenzielle Ernennung zur CEO würde einen wichtigen Meilenstein für die Geschlechtergleichstellung in österreichischen Vorstandsetagen darstellen. Laut dem Austrian Institute of Technology lag der Frauenanteil in Vorständen österreichischer börsennotierter Unternehmen 2023 bei lediglich 15,2 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland erreichte dieser Wert 18,7 Prozent, in der Schweiz 19,3 Prozent. Besonders in der Energiebranche, die traditionell männlich dominiert ist, sind weibliche Führungskräfte noch seltener anzutreffen.
Die Europäische Union hat mit der EU-Richtlinie zur Verbesserung der Geschlechtergleichgewichts in Unternehmen reagiert: Bis 2026 müssen börsennotierte Unternehmen einen Frauenanteil von mindestens 40 Prozent in Aufsichtsräten oder 33 Prozent in allen Führungspositionen erreichen. Österreich hat diese Richtlinie bereits in nationales Recht umgesetzt, was den Druck auf Unternehmen erhöht, mehr Frauen in Spitzenpositionen zu berufen.
Für OMV-Aktionäre könnte Delaneys internationale Erfahrung und ihr Netzwerk in der globalen Energiebranche neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnen. Ihre Expertise in zukunftsträchtigen Bereichen wie E-Mobilität und Biokraftstoffen ist entscheidend für die Positionierung des Konzerns im sich wandelnden Markt. Analysten erwarten, dass ihre Erfahrung bei bp, einem der Vorreiter in der Energietransformation, OMV helfen könnte, schneller nachhaltige Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Für Österreich als Wirtschaftsstandort bedeutet die Berufung einer international renommierten Managerin an die Spitze eines der größten heimischen Konzerne einen Imagegewinn. OMV ist nicht nur ein wichtiger Arbeitgeber mit Standorten in Wien, Schwechat und anderen österreichischen Städten, sondern auch ein bedeutender Steuerzahler und Technologieentwickler. Die Raffinerie Schwechat beispielsweise versorgt große Teile Österreichs und der Region mit Treibstoffen und ist ein wichtiger Industriestandort.
Für die österreichischen Verbraucher könnten sich ebenfalls Veränderungen ergeben: OMV betreibt rund 2.100 Tankstellen in zehn Ländern, davon etwa 350 in Österreich. Delaneys Fokus auf E-Mobilität und alternative Kraftstoffe könnte bedeuten, dass OMV-Tankstellen verstärkt mit Ladestationen für Elektrofahrzeuge und Zapfsäulen für Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe ausgestattet werden.
Der geplante Führungswechsel findet zu einem kritischen Zeitpunkt statt. Die Energiebranche durchlebt eine Phase beispielloser Veränderungen: Geopolitische Spannungen, insbesondere der Ukraine-Krieg, haben die Energiesicherheit zu einem zentralen Thema gemacht. Gleichzeitig beschleunigt der Klimawandel die Notwendigkeit einer Energiewende. Der aktuelle CEO Alfred Stern, der seit April 2021 an der Spitze steht, hat bereits wichtige Weichenstellungen für die Transformation vorgenommen. Seine Nachfolgerin wird diese Arbeit fortsetzen und vertiefen müssen.
Besonders herausfordernd wird die Balance zwischen kurzfristiger Rentabilität und langfristiger Nachhaltigkeit. Während das traditionelle Öl- und Gasgeschäft noch immer den Großteil der Gewinne generiert, müssen gleichzeitig massive Investitionen in neue Technologien getätigt werden. Delaneys Erfahrung bei bp, wo ähnliche Transformationsprozesse bereits weiter fortgeschritten sind, könnte hier von unschätzbarem Wert sein.
OMV unterhält wichtige strategische Beteiligungen, die für die Zukunft des Unternehmens entscheidend sind: 51,2 Prozent an OMV Petrom, dem größten Energieunternehmen Rumäniens, und 50 Prozent an Borouge International, einem führenden Petrochemieunternehmen im Nahen Osten. Diese Beteiligungen verschaffen OMV Zugang zu wichtigen Märkten und Ressourcen, erfordern aber auch ein hohes Maß an internationalem Managementverständnis.
Delaneys globale Erfahrung bei bp, wo sie Operationen in etwa 50 Ländern koordinierte, macht sie zur idealen Kandidatin für diese komplexe Aufgabe. Ihre Kenntnis verschiedener Märkte und regulatorischer Umgebungen könnte OMV helfen, neue Geschäftsmöglichkeiten zu identifizieren und bestehende Partnerschaften zu vertiefen.
Lutz Feldmann, Vorsitzender des Aufsichtsrats, bezeichnete Delaney als "herausragende und hochqualifizierte CEO-Kandidatin", die aufgrund ihrer "weitreichenden Branchen- und Managementerfahrung alle Voraussetzungen erfüllt". Edith Hlawati, stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende und ÖBAG-Vorstand, sieht in der Nominierung eine "Punktlandung" und erwartet eine "noch stärkere internationale Sichtbarkeit" für OMV.
Die ÖBAG (Österreichische Beteiligungs AG) hält über 31 Prozent der OMV-Anteile und vertritt damit die staatlichen Interessen. Hlawatis positive Bewertung signalisiert, dass die Eigentümervertretung hinter der Personalentscheidung steht. Dies ist wichtig für die Stabilität und strategische Ausrichtung des Unternehmens.
Unter Delaneys Führung wird OMV voraussichtlich die Transformation zu einem nachhaltigen Energieunternehmen beschleunigen. Ihre dreijährige Amtszeit mit der Möglichkeit einer zweijährigen Verlängerung gibt ihr ausreichend Zeit, um strategische Initiativen zu implementieren und erste Ergebnisse zu erzielen. Bis 2030 plant OMV massive Investitionen in erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Chemie.
Besonders im Bereich der E-Mobilität, wo Delaney bereits bei bp Erfahrungen sammelte, könnte OMV unter ihrer Führung eine führende Position in Österreich und Osteuropa anstreben. Der Aufbau einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur und die Entwicklung nachhaltiger Mobilitätslösungen werden zentrale Herausforderungen sein.
Auch im Chemiegeschäft sieht OMV großes Potenzial: Die Entwicklung biobasierter und recycelter Kunststoffe könnte neue Märkte erschließen und gleichzeitig zur Kreislaufwirtschaft beitragen. Delaneys internationale Vernetzung könnte dabei helfen, Technologiepartnerschaften zu knüpfen und neue Absatzmärkte zu erschließen.
Die finale Entscheidung des Aufsichtsrats steht noch aus, doch alle Zeichen deuten darauf hin, dass OMV mit Emma Delaney eine erfahrene Managerin gewinnt, die das Unternehmen erfolgreich durch die Energiewende führen kann. Für Österreichs Wirtschaft wäre dies nicht nur ein Symbol für mehr Geschlechtergerechtigkeit, sondern auch ein wichtiger Schritt hin zu einer nachhaltigen Energiezukunft. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob diese historische Personalentscheidung OMV zu neuen Höhen führen wird.