In einer Zeit, in der die Welt durch Technologie und soziale Netzwerke scheinbar näher zusammenrückt, wächst gleichzeitig ein Gefühl der Isolation und Einsamkeit. Am 22. Oktober 2025 fand im Landhaus St. Pölten das dritte Symposium der Reihe „Kultur der guten Nachbarschaft“ statt, das sich genau die
In einer Zeit, in der die Welt durch Technologie und soziale Netzwerke scheinbar näher zusammenrückt, wächst gleichzeitig ein Gefühl der Isolation und Einsamkeit. Am 22. Oktober 2025 fand im Landhaus St. Pölten das dritte Symposium der Reihe „Kultur der guten Nachbarschaft“ statt, das sich genau diesem Thema widmete. Unter dem Titel „Einsamkeit. Zwischen Isolation und bewusstem Rückzug“ wurden verschiedene Facetten eines Gefühls beleuchtet, das viele Menschen betrifft, aber selten offen diskutiert wird.
Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl, das entsteht, wenn die sozialen Beziehungen einer Person nicht den gewünschten Umfang oder die gewünschte Qualität haben. Diese Empfindung kann unabhängig von der tatsächlichen sozialen Isolation auftreten. Das bedeutet, dass jemand inmitten einer Menschenmenge einsam sein kann, während sich jemand anderes in der Abgeschiedenheit vollkommen wohlfühlt. Laut einer Studie der Universität Wien aus dem Jahr 2023 fühlen sich etwa 30% der Österreicher regelmäßig einsam.
Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner betonte in ihrer Rede, dass die zunehmende Vernetzung und Digitalisierung der Gesellschaft paradoxerweise zu einem Verlust echter sozialer Kontakte führen kann. „Je vernetzter und verkabelter die Welt ist, umso mehr gehen soziale Kontakte, Freundschaften, Begegnungen und Dialoge verloren“, so Mikl-Leitner. Diese Beobachtung ist nicht neu, doch sie gewinnt in unserer modernen Welt immer mehr an Bedeutung.
In Niederösterreich wird der Versuch unternommen, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, indem die Vereinsarbeit gefördert wird. Organisationen wie das Rote Kreuz, die Freiwilligen Feuerwehren und Sportvereine spielen eine entscheidende Rolle dabei, Menschen zusammenzubringen und Gemeinschaftsgefühl zu schaffen.
Ein zentrales Thema des Symposiums war die Bedeutung der Gemeinschaft als Mittel gegen Einsamkeit. Dr. Arnold Mettnitzer, Theologe und Psychotherapeut, hob hervor, dass Vertrauen und gelebte Nachbarschaft essenziell sind, um das Gefühl der Einsamkeit zu überwinden. „Es gibt keine größere Sehnsucht als die, geliebt zu werden, und wo uns das gelingt, geht uns das Herz auf“, erklärte er in seiner Keynote.
Besonders alarmierend ist die Zunahme der Einsamkeit unter jungen Menschen. Univ.-Prof. Dr. Karin Gutiérrez-Lobos, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, wies darauf hin, dass die Komplexität des modernen Lebens und der Druck, in sozialen Medien präsent zu sein, junge Menschen besonders anfällig für Einsamkeit machen. „Das Bedürfnis ist groß, gesehen und gehört zu werden und letztlich auch in seiner Eigenheit verstanden und angenommen zu werden“, so Gutiérrez-Lobos.
Die Corona-Pandemie hat diese Situation weiter verschärft. Laut einer Studie der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie aus dem Jahr 2024 hat sich die Zahl der jungen Menschen, die über Einsamkeit klagen, seit 2020 verdoppelt.
Das Symposium bot auch eine Plattform für innovative Ansätze zur Bekämpfung von Einsamkeit. Andreas Leuthner vom Zeitpolster Team St. Pölten stellte ein Modell vor, bei dem Menschen durch gegenseitige Hilfe unterstützt werden. „Heute helfe ich. Morgen wird mir geholfen.“ lautet das Motto, das Menschen ermutigt, sich gegenseitig zu unterstützen und so ein soziales Netz zu knüpfen.
Ein weiteres Beispiel ist die Telefonseelsorge Niederösterreich, die seit 2025 auch über Messenger-Dienste erreichbar ist. Dipl. Psych. univ. Ama Ramona Lovenson betonte, wie wichtig es ist, in schwierigen Zeiten jemanden zum Reden zu haben. „Nachbarschaft ist das wirksamste Antidepressivum und die beste Pille gegen Einsamkeit“, so der Autor und Selfness-Coach Dr. Manfred Greisinger.
Die Frage, wie Einsamkeit in Zukunft bekämpft werden kann, bleibt komplex. Experten sind sich einig, dass es einer Kombination aus technologischen Innovationen und traditionellen Gemeinschaftsstrukturen bedarf, um diesem Phänomen entgegenzuwirken. Die Förderung von Gemeinwesenarbeit und die Schaffung von Begegnungsräumen könnten Schlüsselstrategien sein.
Ein weiteres wichtiges Element ist die Bildung. Schulen und Universitäten könnten vermehrt Programme anbieten, die soziale Kompetenzen und Empathie fördern. Auch die Arbeitswelt könnte durch flexible Arbeitsmodelle und Teambuilding-Maßnahmen dazu beitragen, dass Menschen sich weniger isoliert fühlen.
Das Symposium in St. Pölten hat gezeigt, dass Einsamkeit ein vielschichtiges Problem ist, das viele Menschen betrifft. Durch die Kombination von wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Ansätzen kann es gelingen, dieser Herausforderung zu begegnen. Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Problem, das uns alle betrifft. Indem wir uns gegenseitig unterstützen und echte Verbindungen knüpfen, können wir gemeinsam eine Kultur der guten Nachbarschaft schaffen, die Einsamkeit entgegenwirkt.
Für weitere Informationen besuchen Sie die Webseite der Kultur.Region.Niederösterreich.