Wien, 11. November 2025 – Die Diskussion um die Kinder- und Jugendhilfe in Österreich hat erneut an Brisanz gewonnen. Anlass ist eine aktuelle Forderung der Volksanwaltschaft und FICE Austria, die auf die Notwendigkeit einheitlicher Qualitätsstandards in der Kinder- und Jugendhilfe hinweisen. Diese
Wien, 11. November 2025 – Die Diskussion um die Kinder- und Jugendhilfe in Österreich hat erneut an Brisanz gewonnen. Anlass ist eine aktuelle Forderung der Volksanwaltschaft und FICE Austria, die auf die Notwendigkeit einheitlicher Qualitätsstandards in der Kinder- und Jugendhilfe hinweisen. Diese Forderung kommt nicht ohne Grund: Immer wieder sorgen Skandale, wie zuletzt um die SOS-Kinderdörfer, für Schlagzeilen. Volksanwalt Bernhard Achitz betont, dass einheitliche Standards entscheidend gewesen wären, um solche Vorfälle zu vermeiden.
Die Diskussion um einheitliche Standards in der Kinder- und Jugendhilfe ist nicht neu. Bereits 2019 hat FICE Austria, die österreichische Sektion der Internationalen Gesellschaft für Erzieherische Hilfen, umfassende Qualitätsstandards für die stationäre Kinder- und Jugendhilfe erarbeitet. Diese Standards adressieren zentrale Themen wie Partizipation, den präventiven Schutz Minderjähriger vor Gewalt, den Umgang mit Gefährdungen und Übergriffen sowie die Gesundheitsversorgung und Bildungsprozesse. Trotz der breiten Anerkennung dieser Standards in Fachkreisen, sind sie bislang nicht verpflichtend in allen Einrichtungen umgesetzt.
Die Kinder- und Jugendhilfe in Österreich hat eine lange und komplexe Geschichte. Ursprünglich stark föderal organisiert, hat jedes Bundesland eigene Regelungen und Standards entwickelt. Diese föderale Struktur führte zu einem sogenannten 'Fleckerlteppich' an Regelungen, der die einheitliche Qualitätssicherung erschwert. Die Volksanwaltschaft und FICE Austria kritisieren seit Jahren, dass die Uneinheitlichkeit der Standards und deren Anwendung oft an finanziellen Hürden scheitern. Die Forderung nach einheitlichen Standards ist daher nicht nur eine Frage der Qualität, sondern auch der Gerechtigkeit und Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen in Österreich.
Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass andere Länder wie Deutschland und die Schweiz bereits Fortschritte in Richtung einheitlicher Standards gemacht haben. In Deutschland gibt es beispielsweise bundesweit gültige Regelungen, die eine einheitliche Qualität der Kinder- und Jugendhilfe sicherstellen. Auch in der Schweiz sind die Bestrebungen zur Harmonisierung der Standards weit fortgeschritten. Diese Länder dienen als Vorbild für Österreich, wo die föderale Struktur bislang eine einheitliche Regelung erschwert.
Die Auswirkungen der fehlenden einheitlichen Standards sind vielfältig und betreffen sowohl die Kinder und Jugendlichen als auch die Fachkräfte in den Einrichtungen. Ohne einheitliche Standards besteht die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche nicht die gleiche Qualität an Betreuung und Unterstützung erhalten, was zu Ungleichheiten führen kann. Ein konkretes Beispiel ist die unzureichende Ausbildung des Personals, die in einigen Bundesländern zu Übergriffen oder unzureichender Betreuung führen kann. Die Einführung einheitlicher Standards würde sicherstellen, dass alle Kinder und Jugendlichen in Österreich die gleiche Qualität an Unterstützung erhalten.
Ein weiteres Problem ist die mangelnde Bekanntheit der FICE-Standards. Eine Untersuchung der Volksanwaltschaft ergab, dass in nur 53 Prozent der besuchten Einrichtungen das Personal mit den FICE-Standards vertraut ist. Dies zeigt, dass es nicht nur an der Umsetzung, sondern auch an der Bekanntmachung der Standards mangelt. Eine verpflichtende Einführung dieser Standards könnte hier Abhilfe schaffen.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In fast der Hälfte der Einrichtungen fehlt fundiertes Wissen über die FICE-Standards. Nur 47 Prozent der Einrichtungen haben eine verantwortliche Person für die Umsetzung und Einhaltung der Standards benannt. Diese Zahlen unterstreichen die Dringlichkeit der Forderung nach einheitlichen Standards. Die Kostenfrage ist dabei ein zentrales Thema. Die vollständige Umsetzung der Standards scheitert oft an den finanziellen Mitteln, die den Einrichtungen zur Verfügung stehen. Daher fordern FICE Austria und die Volksanwaltschaft nicht nur die Einführung der Standards, sondern auch deren angemessene Finanzierung.
Christian Posch, Präsident von FICE Austria, betont die Notwendigkeit einer guten Ausbildung des Personals, um Übergriffe zu verhindern oder zumindest frühzeitig zu erkennen. Das von FICE Austria entwickelte 'HANDlungsBUCH für die stationären Erziehungshilfen' beschreibt praxisnah und fachlich fundiert zentrale Aufgaben- und Handlungsfelder der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Diese Publikation soll als Leitfaden für die Ausbildung und Praxis dienen.
Die Zukunftsperspektive sieht eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Bundesländern und eine Harmonisierung der Standards vor. Der kürzlich im Parlament angekündigte 'Runde Tisch' soll dazu beitragen, die Forderungen von Volksanwaltschaft und FICE Austria umzusetzen. Ziel ist es, einheitliche Standards für Kindeswohl, Gruppengrößen, Ausbildung der Beschäftigten und Personalschlüssel zu etablieren. Dies erfordert nicht nur politischen Willen, sondern auch die Einbindung aller relevanten Akteure, von den Behörden über die KJH-Einrichtungen bis hin zu Berufsvertretungen und Bildungseinrichtungen.
Die Forderung nach einheitlichen Qualitätsstandards in der Kinder- und Jugendhilfe ist ein dringendes Thema, das sowohl die Qualität der Betreuung als auch die Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen in Österreich betrifft. Die Volksanwaltschaft und FICE Austria haben klare Forderungen formuliert, deren Umsetzung entscheidend für die Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe in Österreich ist. Die Einführung einheitlicher Standards würde nicht nur die Qualität der Betreuung verbessern, sondern auch die Gerechtigkeit und Chancengleichheit fördern. Es bleibt zu hoffen, dass der angekündigte 'Runde Tisch' konkrete Ergebnisse liefert und die notwendigen Schritte zur Harmonisierung der Standards eingeleitet werden.
Für weiterführende Informationen besuchen Sie die Webseite von FICE Austria unter www.fice.at oder kontaktieren Sie die Organisation direkt.