Unterstützung für Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen über das 18. Lebensjahr hinaus
Die Diakonie appelliert an die Jugendministerin: Care Leaver brauchen österreichweit einheitliche Standards und Betreuung über die Volljährigkeit hinaus.
Jugendliche, die aus schwierigen Familienverhältnissen kommen und außerhalb ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen, stehen mit dem 18. Geburtstag oft vor dem Nichts. Die Diakonie Österreich macht nun Druck auf die zuständige Jugendministerin und fordert ein neues Kinder- und Jugendhilfegesetz mit bundesweit einheitlichen Standards.
"Jugendliche, die niemanden haben, der für sie sorgt, müssen dieselben Chancen erhalten wie jene Kinder, die in Sicherheit aufwachsen dürfen", betont Martin Schenk, Sozialexperte und Psychologe der Diakonie. Seine zentrale Forderung: Ein neues und besseres Kinder- und Jugendhilfegesetz mit gleichen Standards vom Neusiedler- bis zum Bodensee.
Als "Care Leaver" werden junge Menschen bezeichnet, die ihre Kindheit und Jugend nicht bei ihren leiblichen Eltern, sondern in Pflegefamilien, Wohngemeinschaften oder anderen Betreuungsformen verbracht haben. Diese Jugendlichen haben oft bereits schwierige Lebensphasen durchgemacht und benötigen besondere Unterstützung beim Übergang ins Erwachsenenleben.
Das Problem: Während durchschnittliche junge Menschen in Österreich erst mit 24 Jahren von zu Hause ausziehen und oft noch lange darüber hinaus familiäre Unterstützung erhalten, müssen Care Leaver mit 18 Jahren plötzlich völlig selbstständig werden. "Gerade Jugendliche mit schwieriger Lebensgeschichte brauchen Begleitung und Betreuung über das 18. Lebensjahr hinaus", so Schenk.
Ein weiteres großes Problem sieht die Diakonie in den unterschiedlichen Standards zwischen den österreichischen Bundesländern. "In Österreich macht es einen Unterschied, wo ein Kind lebt. Die Hilfen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland", kritisiert Schenk. Diese Ungleichheit führt dazu, dass Jugendliche je nach Wohnort völlig unterschiedliche Chancen und Unterstützungsmöglichkeiten haben.
"Es ist notwendig, dass junge Menschen über den 18. Geburtstag hinaus einen Rechtsanspruch auf Kinder- und Jugendhilfe haben", bekräftigt der Sozialexperte. Ein solcher Rechtsanspruch würde sicherstellen, dass Care Leaver nicht plötzlich ohne Unterstützung dastehen, sondern eine kontinuierliche Begleitung beim Eintritt ins Erwachsenenleben erhalten.
Hoffnung gab zunächst das aktuelle Regierungsprogramm, das die "Einberufung eines Runden Tisches und Start eines Prozesses" zur "größtmöglichen Harmonisierung, Transparenz und Weiterentwicklung von Standards in der Kinder- und Jugendhilfe" vorsieht. Diese sogenannten "Goldstandards" sollten eine einheitliche Kindeswohldefinition umfassen und Schwerpunkte in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Kinderschutz, Beteiligung, Care Leaver und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge setzen.
Die Realität ist jedoch ernüchternd: "Dieser Prozess hat bis jetzt nicht gestartet", stellt die Diakonie fest. Die angekündigten Reformen lassen weiter auf sich warten, während betroffene Jugendliche täglich mit den Konsequenzen des mangelhaften Systems konfrontiert werden.
Die Diakonie plädiert für einen Paradigmenwechsel in der Kinder- und Jugendhilfe: Unterstützung soll nicht erst im äußersten Krisenfall einsetzen, sondern präventiv wirken und besonderen Belastungen vorbeugen. "Es geht hier nicht nur um Kosten, sondern um Investitionen", erklärt Martin Schenk.
Aus seiner Sicht gibt es sowohl humanitäre als auch wirtschaftliche Argumente für eine bessere Jugendhilfe: "Man kann aus Menschenliebe oder Gerechtigkeitsvorstellungen für eine gescheite Jugendhilfe sein. Man kann aber auch rein ökonomische Argumente anführen." Denn mangelnde Hilfe für Jugendliche erzeugt langfristig höhere gesellschaftliche Kosten, wenn diese später im Berufsleben scheitern, in schwierige Verhältnisse abdriften oder ein höheres Krankheitsrisiko entwickeln.
Dass eine bessere Begleitung von Care Leavern funktioniert, zeigen Beispiele aus anderen europäischen Ländern. "Diese Begleitung wirkt stark präventiv und beugt vor, wie wir aus anderen europäischen Ländern wissen", betont die Diakonie. Länder wie Deutschland, Großbritannien oder die skandinavischen Staaten haben bereits erfolgreich Programme entwickelt, die junge Menschen beim Übergang ins Erwachsenenleben unterstützen.
Der Unterschied zu "normalen" Familien ist eklatant: Auch in intakten Familien endet die Sorge und Unterstützung nicht einfach mit dem 18. Geburtstag. Eltern helfen ihren Kindern oft noch jahrelang bei der Ausbildung, beim Studium oder bei der Wohnungssuche. Care Leaver hingegen, die ohnehin bereits schwierigste Lebensgeschichten hinter sich haben, müssen von einem Tag auf den anderen völlig selbstständig werden.
"Care Leaver brauchen keine prekären Verhältnisse, sondern echte Chancen für ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben", fordert die Diakonie. Dazu gehören eine verlängerte Betreuung, Unterstützung bei der Ausbildungs- und Berufswahl, Hilfe bei der Wohnungssuche und psychologische Begleitung bei der Bewältigung traumatischer Erfahrungen.
Parallel zu ihren politischen Forderungen hat die Diakonie auch ein praktisches Hilfsangebot geschaffen: Den neuen Online-Ratgeber "Kinder stärken" unter www.diakonie.at/kinder-eltern-ratgeber. Dieser richtet sich an Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sowie alle Menschen, die viel mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.
Der Ratgeber behandelt verschiedene Themenbereiche rund um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, besonders wenn der Alltag schwierig ist. Dazu gehören Informationen über chronisch kranke Kinder, Leben in Armut, Autismus und Neurodivergenz, psychische Belastungen sowie Schule und Behinderung. "Hier gibt es fundierte Infos und ehrliche Einblicke", beschreibt die Diakonie ihr neues Angebot.
Der Online-Ratgeber deckt ein breites Spektrum ab und bietet praktische Hilfestellungen für verschiedenste Herausforderungen. Von chronischen Krankheiten über Armutserfahrungen bis hin zu Lernproblemen in der Schule - die Diakonie will mit diesem Angebot Betroffene und ihre Unterstützer stärken und ihnen konkrete Handlungsoptionen aufzeigen.
Die Forderungen der Diakonie sind klar und konkret: Österreich braucht ein neues Kinder- und Jugendhilfegesetz mit bundesweit einheitlichen Standards. Care Leaver müssen einen Rechtsanspruch auf Unterstützung über das 18. Lebensjahr hinaus erhalten. Und die im Regierungsprogramm angekündigten "Goldstandards" müssen endlich umgesetzt werden.
"Jugendliche mit schwieriger Lebensgeschichte dürfen nicht allein gelassen werden", lautet der eindringliche Appell an die zuständige Jugendministerin. Die Zeit des Wartens und der unverbindlichen Ankündigungen muss vorbei sein - zu groß ist das Leid der Betroffenen und zu hoch sind die gesellschaftlichen Folgekosten mangelnder Unterstützung.
Die Diakonie hat mit ihrem Vorstoß eine wichtige gesellschaftliche Debatte angestoßen. Ob und wann die Politik reagiert, wird sich zeigen. Für die betroffenen Jugendlichen wäre eine rasche Umsetzung der Forderungen ein wichtiger Schritt zu mehr Chancengerechtigkeit und einem würdigeren Übergang ins Erwachsenenleben.