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Ein alltäglicher Griff ins Supermarktregal kann zur Gesundheitsfalle werden: Die Arbeiterkammer Oberösterreich hat bei einem umfassenden Test von Kartoffel-Gnocchi erschreckende Ergebnisse zutage gefördert. In vier von zwölf untersuchten Produkten wurde der bedenkliche Schadstoff Chlorat nachgewiesen – in einem Fall sogar in dramatisch erhöhter Konzentration. Besonders brisant: Ausgerechnet das günstigste Produkt im Test wies die höchste Belastung auf.
Das Testergebnis der AK Oberösterreich vom Dezember 2024 liest sich wie ein Warnschuss für alle Pasta-Liebhaber. Von zwölf getesteten Kartoffel-Gnocchi-Produkten – zehn konventionelle und zwei Bio-Varianten – waren nur drei völlig frei von nachweisbaren Schadstoffen. Alle drei stammen von der Supermarktkette Spar: die S-Budget Kartoffel-Gnocchi, Spar Feine Küche Gnocchi und Spar Natur Pur Bio-Gnocchi.
Den negativen Spitzenplatz belegen die San Fabio Gnocchi di Patate von Penny mit einem Chloratwert von 0,40 Milligramm pro Kilogramm. Umgerechnet auf den Kartoffelanteil entspricht dies einer Belastung, die etwa 13 Mal über dem zulässigen Höchstwert für frische Kartoffeln liegt. Zum Vergleich: In drei anderen Produkten wurde Chlorat nur in Spurenmengen nachgewiesen.
Chlorat ist eine chemische Verbindung, die in der Lebensmittelproduktion eigentlich nichts zu suchen hat. Anders als Pestizide gelangt Chlorat nicht durch Pflanzenschutzmittel in die Nahrung, sondern entsteht als unerwünschtes Nebenprodukt bei der Verwendung chlorhaltiger Desinfektionsmittel oder von Waschwasser im industriellen Produktionsprozess. Diese Substanz kann erhebliche Gesundheitsschäden verursachen: Sie blockiert die Jodaufnahme der Schilddrüse, beeinträchtigt die roten Blutkörperchen und kann bei langfristiger Aufnahme zu chronischen Gesundheitsproblemen führen.
Besonders problematisch ist Chlorat für Kinder und Jugendliche, deren Organismus empfindlicher auf Schadstoffe reagiert. Während ein gelegentlicher Verzehr nach aktuellem Wissensstand kein unmittelbares Gesundheitsrisiko darstellt, kann bei regelmäßigem Konsum schnell das tolerierbare tägliche Aufnahmelimit erreicht werden. Für eine 30 Kilogramm schwere Person liegt die tolerierbare tägliche Aufnahme bei etwa 30 Mikrogramm – ein Wert, der bei stark belasteten Produkten bereits mit einer Portion überschritten werden kann.
Der Fund von Chlorat in österreichischen Supermärkten ist kein Einzelfall und spiegelt ein europaweites Problem wider. In Deutschland meldete das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) 2023 ähnliche Befunde in verschiedenen Fertigprodukten. Auch in der Schweiz führten Chlorat-Nachweise in den vergangenen Jahren zu Produktrückrufen und verschärften Kontrollen.
Österreich nimmt bei der Lebensmittelsicherheit traditionell eine Vorreiterrolle ein. Die AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) führt jährlich tausende Kontrollen durch. Dennoch zeigen Fälle wie dieser, dass industriell verarbeitete Lebensmittel besondere Aufmerksamkeit verdienen. Die EU-weit geltenden Höchstwerte für Chlorat in verschiedenen Lebensmitteln wurden 2020 verschärft, nachdem Studien die gesundheitlichen Risiken deutlicher aufgezeigt hatten.
Neben Chlorat fanden die Tester auch in sechs von zwölf Produkten Pestizidrückstände. Dabei wurden Rückstände von Pflanzenschutzmitteln wie Propamocarb und Pirimiphos-methyl festgestellt. Propamocarb ist ein Fungizid, das gegen Pilzkrankheiten bei Kartoffeln eingesetzt wird, während Pirimiphos-methyl als Insektizid zur Schädlingsbekämpfung dient.
Besonders interessant ist der Nachweis von Piperonylbutoxid (PBO) in zwei Produkten, darunter einem Bio-Produkt. PBO ist kein eigenständiges Pestizid, sondern ein sogenannter Synergist – ein Wirkungsverstärker für Insektizide. Im Rahmen der Bio-Produktion ist diese Substanz durchaus zulässig, was viele Verbraucher überraschen dürfte. Alle gemessenen Pestizidrückstände lagen jedoch deutlich unter den gesetzlich festgelegten Höchstwerten.
Ein drittes Problem offenbarte der Test bei der Untersuchung auf Schimmelpilzgifte: In drei Produkten wurde Deoxynivalenol (DON) nachgewiesen. DON ist ein Mykotoxin, das von Fusarium-Pilzen produziert wird und häufig Getreide befällt. Da Gnocchi neben Kartoffeln oft auch Weizenmehl enthalten, ist ein Nachweis nicht überraschend, aber dennoch bedenklich.
Deoxynivalenol kann bei höheren Konzentrationen Übelkeit, Erbrechen und Durchfall verursachen. Langfristig kann es das Immunsystem schwächen und bei empfindlichen Personen zu chronischen Darmproblemen führen. Auch hier lagen die gemessenen Werte glücklicherweise weit unter dem geltenden Grenzwert von 1.250 Mikrogramm pro Kilogramm für Getreideerzeugnisse.
Ein überraschendes Ergebnis des Tests betrifft das Verhältnis von Preis und Qualität. Die untersuchten Gnocchi kosteten zwischen 0,99 und 5,48 Euro pro 500 Gramm – eine Preisspanne, die Verbraucher oft als Qualitätsindikator interpretieren. Doch genau das günstigste Produkt wies die höchste Chlorat-Belastung auf, während die drei schadstofffreien Produkte aus dem mittleren Preissegment stammten.
Diese Erkenntnis stellt gängige Konsumentenstrategien in Frage. Viele Österreicher gehen davon aus, dass teurere Produkte automatisch sicherer und gesünder sind. Der Test zeigt jedoch, dass diese Annahme nicht immer zutrifft. Vielmehr kommt es auf die Qualitätskontrolle der Hersteller und Händler an, unabhängig vom Verkaufspreis.
Die Ergebnisse werfen ein Schlaglicht auf die Herausforderungen der industriellen Lebensmittelproduktion. Gnocchi werden in großen Mengen hergestellt, wobei Kartoffeln zunächst gewaschen, geschält, gekocht und zu Teig verarbeitet werden. Bei jedem Verarbeitungsschritt können Schadstoffe in das Produkt gelangen – sei es durch kontaminiertes Waschwasser, unsaubere Maschinen oder unzureichende Qualitätskontrollen.
Die Verwendung chlorhaltiger Desinfektionsmittel ist in der Lebensmittelindustrie weit verbreitet und grundsätzlich auch notwendig, um bakterielle Kontaminationen zu vermeiden. Problematisch wird es erst, wenn Rückstände dieser Chemikalien nicht ordnungsgemäß entfernt werden oder wenn die Dosierung zu hoch ist. Moderne Produktionsanlagen sollten eigentlich über Systeme verfügen, die solche Rückstände minimieren.
Für österreichische Konsumenten bedeuten diese Testergebnisse konkrete Handlungsempfehlungen. Zunächst sollten stark belastete Produkte gemieden werden – in diesem Fall die San Fabio Gnocchi di Patate von Penny. Die AK Oberösterreich empfiehlt außerdem, Gnocchi-Produkte zu variieren und nicht ausschließlich auf eine Marke zu setzen.
Eltern kleiner Kinder sollten besonders achtsam sein, da Kleinkinder aufgrund ihres geringeren Körpergewichts schneller kritische Schadstoffmengen aufnehmen können. Eine 15 Kilogramm schwere Person erreicht bereits bei der Hälfte der tolerierbaren Tagesdosis bedenkliche Werte.
Der Handel ist gefordert, seine Lieferanten stärker zu kontrollieren und bei Auffälligkeiten entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Penny als betroffener Händler sollte das beanstandete Produkt aus dem Sortiment nehmen und den Hersteller zu Nachbesserungen auffordern. Spar zeigt mit drei schadstofffreien Produkten, dass eine saubere Produktion durchaus möglich ist.
Die Testergebnisse der AK Oberösterreich unterstreichen die Notwendigkeit regelmäßiger, unangekündigter Qualitätskontrollen. Während die österreichische AGES bereits umfangreiche Überwachungsprogramme durchführt, zeigen Fälle wie dieser, dass die Kontrolldichte noch erhöht werden könnte. Besonders bei Billigprodukten, die oft unter hohem Kostendruck hergestellt werden, sind verstärkte Kontrollen sinnvoll.
Auf EU-Ebene diskutieren Experten bereits über eine weitere Verschärfung der Chlorat-Grenzwerte. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) überprüft regelmäßig die wissenschaftlichen Erkenntnisse und passt Empfehlungen entsprechend an. Für 2025 sind neue Richtlinien zur Minimierung von Chlorat in der Lebensmittelproduktion geplant.
Verbraucher können sich künftig über die AGES-Website über aktuelle Testergebnisse und Produktwarnungen informieren. Auch die AK Oberösterreich plant, solche Tests regelmäßig durchzuführen und die Ergebnisse öffentlich zu machen. Nur durch konsequente Transparenz und öffentlichen Druck können Hersteller zu besseren Produktionsstandards bewegt werden.
Der Gnocchi-Test zeigt exemplarisch, dass auch scheinbar harmlose Alltagsprodukte Gesundheitsrisiken bergen können. Umso wichtiger ist es, dass Konsumentenschutzorganisationen wie die Arbeiterkammer weiterhin den Finger in die Wunde legen und für mehr Lebensmittelsicherheit kämpfen. Denn am Ende sollte gelten: Gutes Essen darf nicht zur Gesundheitsgefahr werden – egal zu welchem Preis.