Bedeutende Werkschau des österreichischen Künstlers bis Juni 2026
Der Stephansdom zeigt erstmals alle 70 Kaltnadelradierungen und 7 Holzkreuze Rainers aus der Sammlung Werner Trenker in einer besonderen Ausstellung.
Der Wiener Stephansdom wird ab 18. Februar 2026 zum Schauplatz einer außergewöhnlichen Kunstausstellung: Unter dem Titel "Das Kreuz – Das Zeichen das bleibt" präsentiert die Domkirche St. Stephan 77 Arbeiten in Kreuzform des bedeutenden österreichischen Künstlers Arnulf Rainer (1929-2025). Die Schau, die bis 7. Juni 2026 zu sehen ist, zeigt erstmals in ihrer Gesamtheit alle 70 Kaltnadelradierungen sowie sieben Werke auf Holz aus der Sammlung Werner Trenker.
Die ausgestellten Werke spannen einen beeindruckenden zeitlichen Bogen von 1956 bis 2014 und ermöglichen es den Besuchern, die Entwicklung in Rainers Schaffen zu verfolgen. Das früheste Werk trägt den Titel "Tabernakel" und stammt aus dem Jahr 1956, während das jüngste Kreuz "Tiefgrün" aus dem Jahr 2014 datiert. Diese zeitliche Spannweite verdeutlicht Rainers jahrzehntelange intensive Auseinandersetzung mit dem Kreuzmotiv als zentralem Element seines künstlerischen Schaffens.
Kuratiert wurde die Ausstellung von Pater Friedhelm Mennekes, einem ausgewiesenen Rainer-Experten, der bereits zwölf Ausstellungen mit Arbeiten des Künstlers in Köln realisierte und acht Bücher über Rainer verfasste, an denen der Künstler teilweise selbst mitwirkte.
Am 17. Februar 2026 wurde die Ausstellung im Rahmen einer feierlichen Eröffnung von hochrangigen Persönlichkeiten der Öffentlichkeit präsentiert. Bundeskanzler Christian Stocker, Dompfarrer Toni Faber, Erzbischof Josef Grünwidl und der Unternehmer und Initiator Werner Trenker eröffneten die Schau vor zahlreichen Gästen.
Bundeskanzler Stocker würdigte dabei Rainers Bedeutung für die österreichische Kunstgeschichte: "Arnulf Rainer zählt durch sein Wirken zu den prägendsten Persönlichkeiten der heimischen Kunstgeschichte. Damit hat er Generationen an Kunstschaffenden geprägt und die kreative Kraft Österreichs weit über unsere Grenzen hinaus sichtbar gemacht." Gleichzeitig lobte er Werner Trenkers Beitrag zur Kunstförderung: "Mit seiner Kunstsammlung leistet Werner Trenker als erfolgreicher österreichischer Unternehmer einen wichtigen Beitrag zur Kunst in Österreich und Europa."
Dompfarrer Toni Faber betonte die besondere Bedeutung des Stephansdoms als Ausstellungsort und die Mehrdeutigkeit der präsentierten Werke: "Der Stephansdom ist ein Ort, an dem Fragen ihren Platz haben dürfen. Rainers Kreuze sind nicht dekorativ – sie fordern heraus, auch den Glauben und die Gewohnheit. Gerade deshalb laden wir dazu ein, ihnen hier zu begegnen: nicht als Vereinnahmung, sondern als Dialog zwischen Kunstwerk, Raum sowie Betrachterinnen und Betrachtern."
Diese Aussage unterstreicht den besonderen Charakter der Ausstellung, die bewusst den Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und religiösem Raum sucht. Der historische Stephansdom wird so zum Rahmen für eine Auseinandersetzung mit einem der zentralsten Symbole des Christentums in seiner künstlerischen Interpretation.
Arnulf Rainer, einer der bedeutendsten österreichischen Künstler der Nachkriegszeit, erlangte mit seinen charakteristischen Techniken der Übermalung und der Kaltnadelradierung weltweite Anerkennung. Im Zentrum der Stephansdom-Ausstellung steht das Kreuz als Schlüsselmotiv in seinem Oeuvre.
In serieller Variation verdichtet Rainer das Zeichen in rauen, dicht gekreuzten Linien und tiefen Schwärzungen. Die Kaltnadelradierungen erzeugen eine körperliche, nervöse Bildspannung, die radikal in der Form und unmittelbar in der Wirkung ist. Diese Technik verleiht den Werken eine besondere Intensität und emotionale Tiefe.
Ergänzt werden die Radierungen durch sieben Arbeiten in Kreuzform auf Holz, die das Spektrum von Rainers Auseinandersetzung mit diesem Motiv erweitern und verschiedene materielle und technische Ansätze verdeutlichen.
Über Jahrzehnte stand Arnulf Rainer immer wieder in Zusammenarbeit und im Dialog mit der katholischen Kirche. Diese Verbindung zeigt sich auch in den Titeln mehrerer der im Stephansdom präsentierten Werke, etwa "Dornenkreuz", "Himmelskreuz", "Osterkreuz" oder "Fastenkreuz". Diese Bezeichnungen verweisen auf zentrale Elemente der christlichen Liturgie und des Kirchenjahres.
Interessant ist jedoch Rainers eigene Position zu dieser religiösen Interpretation seiner Werke: Der Künstler selbst lehnt einen explizit christlichen Konnex in seinen Arbeiten ab und betont, dass das Kreuz als eigenständige Form für ihn von persönlicher Bedeutung ist. Diese Ambivalenz zwischen religiöser Symbolik und künstlerischer Autonomie verleiht den Werken zusätzliche interpretatorische Tiefe.
Arnulf Rainer selbst formulierte 1992 seine Beziehung zum Kreuzmotiv mit den Worten: "Es ist das Kreuz, das den Sinn ergeben könnte." Diese knappe, aber prägnante Aussage verdeutlicht die existenzielle Dimension, die das Symbol für den Künstler besitzt.
Kurator Pater Friedhelm Mennekes erklärt Rainers Ansatz folgendermaßen: "Bei Arnulf Rainer ist das Kreuz kein fertiger Sinn, sondern ein Feld von Spannungen: Linie gegen Linie, Dunkel gegen Licht, Ruhe gegen Aufruhr. Wer diese Radierungen betrachtet, erlebt, wie ein Zeichen zum Ereignis wird, körperlich, existenziell, manchmal auch widersprüchlich."
Diese Interpretation hebt die Dynamik und Vielschichtigkeit von Rainers Kreuzmotiven hervor und betont deren Potenzial, beim Betrachter intensive emotionale und intellektuelle Reaktionen auszulösen.
Die in der Ausstellung gezeigte Serie macht deutlich, wie konsequent Rainer das Kreuzmotiv über Jahrzehnte hinweg variierte – zwischen Zeichen, Körperlichkeit und Emotion. Seine Arbeiten sind international in bedeutenden Sammlungen und Museen vertreten, darunter im Museum of Modern Art in New York, in der Tate Modern in London und im Centre Pompidou in Paris sowie in namhaften österreichischen Sammlungen.
Zahlreiche Auszeichnungen unterstreichen Rainers herausragende Stellung in der internationalen Kunstwelt und machen die Stephansdom-Ausstellung zu einem besonderen kulturellen Ereignis für Wien und Österreich.
Werner Trenker, seit rund 15 Jahren leidenschaftlicher Kunstsammler, stellt mit seiner Sammlung die Werke für diese außergewöhnliche Ausstellung zur Verfügung. Die Sammlung Werner Trenker widmet sich der Bewahrung und Vermittlung herausragender Werke der österreichischen Kunst und umfasst renommierte österreichische Positionen wie Hermann Nitsch, Arnulf Rainer, Markus Prachensky und viele weitere bedeutende Künstler.
Seit 2022 verschreibt sich Werner Trenker nicht nur dem Sammeln, sondern auch der aktiven Förderung von Ausstellungen verschiedener Künstlerinnen und Künstler. Zu seiner Motivation erklärt er: "Als Unternehmer weiß ich, dass Kunst etwas kann, das der Wirtschaft fehlt: Sie verbindet. Meine Frau und ich beschäftigen uns seit vielen Jahren aus Leidenschaft und Begeisterung mit Kunst. Sie soll Menschen bewegen und zueinander führen wie zum Nachdenken anregen."
Für Trenker steht bei dieser Ausstellung besonders die Kunstvermittlung im Vordergrund: "Diese Ausstellung ist für mich vor allem Kunstvermittlung und ein Angebot an ein breites Publikum, Rainers Werk unmittelbar zu erleben. Kunst gehört ins Gespräch mit der Öffentlichkeit." Diese Haltung spiegelt sich in der Wahl des Stephansdoms als Ausstellungsort wider, der täglich von tausenden Besuchern aus aller Welt besucht wird.
Die Werke aus der Sammlung Werner Trenker treten im Stephansdom in einen eindrucksvollen Dialog mit Architektur, Liturgie und Geschichte. Der gotische Dom, dessen Grundstein im 12. Jahrhundert gelegt wurde, bildet einen faszinierenden Kontrast zu Rainers zeitgenössischen Interpretationen des Kreuzes.
Pater Mennekes betont diese besondere Konstellation: "Im Stephansdom treten die Arbeiten nicht in ein Schema ein – sie treten in Beziehung – und genau darin liegt ihre Stärke." Diese Beziehung zwischen dem historischen sakralen Raum und den modernen Kunstwerken schafft eine einzigartige Atmosphäre, die sowohl Kunstinteressierte als auch Gläubige ansprechen kann.
Mit der Ausstellung "Das Kreuz – Das Zeichen das bleibt" setzt Wien einmal mehr ein Zeichen als bedeutende Kulturmetropole. Die Präsentation von 77 Werken Arnulf Rainers im Stephansdom stellt nicht nur eine würdige Hommage an einen der wichtigsten österreichischen Künstler der Nachkriegszeit dar, sondern bietet auch die seltene Gelegenheit, ein zentrales Motiv seines Schaffens in seiner ganzen Bandbreite und Entwicklung zu erleben.
Die Ausstellung läuft bis zum 7. Juni 2026 und verspricht, sowohl Kunstkenner als auch interessierte Laien in ihren Bann zu ziehen. In der einzigartigen Atmosphäre des Stephansdoms können Besucher Rainers intensive Auseinandersetzung mit einem der mächtigsten Symbole der abendländischen Kultur nachvollziehen und dabei sowohl die künstlerische als auch die spirituelle Dimension dieser außergewöhnlichen Werke erfahren.