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Rassismus in Österreichs Institutionen: Alarmierende Studie

Neue Untersuchung zeigt strukturelle Diskriminierung im Gesundheits- und Rechtssystem

26. März 2026 um 12:40
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Zwei Studien der Dokustelle Österreich belegen systematischen antimuslimischen Rassismus in staatlichen Einrichtungen.

Österreichische Institutionen sind für viele muslimische oder als muslimisch wahrgenommene Menschen keine sicheren Räume. Das zeigen zwei aktuelle Studien der Dokumentations- und Beratungsstelle Islamfeindlichkeit & antimuslimischer Rassismus (Dokustelle Österreich), die alarmierende Zahlen zu Diskriminierungserfahrungen im Gesundheits- und Rechtssystem präsentieren.

Umfassende Untersuchung mit eindeutigen Ergebnissen

Die 2025 und 2026 veröffentlichten Studien basieren auf einer quantitative Online-Befragung muslimischer beziehungsweise muslimisch gelesener Personen in Österreich. Die Ergebnisse zeichnen ein beunruhigendes Bild: Staatliche Institutionen werden von vielen Betroffenen nicht als vertrauensvolle Anlaufstellen wahrgenommen, sondern mit Stress, Misstrauen und systematischer Diskriminierung verbunden.

"Die Ergebnisse sind eindeutig: Antimuslimischer Rassismus ist kein Einzelfall – er ist strukturell verankert", fasst die Dokustelle ihre Erkenntnisse zusammen. Dies deutet darauf hin, dass Diskriminierung nicht als Randphänomen einzelner Mitarbeiter*innen zu verstehen ist, sondern tief in institutionellen Abläufen verwurzelt liegt.

Rechtssystem: Hohe Kontaktdichte, niedrige Rechtssicherheit

Die Zahlen zum österreichischen Rechtssystem sind besonders aussagekräftig: 65,8 Prozent der Befragten standen in Kontakt mit der Polizei, 59,5 Prozent mit Verwaltungsbehörden und 36,7 Prozent mit Gerichten. Gleichzeitig verfügten nur 19 Prozent über anwaltliche Vertretung – ein Umstand, der die Vulnerabilität der Betroffenen zusätzlich erhöht.

Über 60 Prozent der Befragten berichten von konkreten Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen in rechtlichen Kontexten. Die Schilderungen reichen von respektloser Behandlung über pauschalisierende Zuschreibungen bis hin zu systematischem Generalverdacht. Besonders gravierend: 70,9 Prozent erlebten respektlose Behandlung, während 57 Prozent ihre Rechte als verletzt ansehen.

Dunia Khalil, Leiterin der Rechtsberatung bei der Dokustelle, bringt die Problematik auf den Punkt: "Sogar die besten Gesetze würden nichts nützen, wenn der Zugang zum Recht verwehrt oder erschwert wird. Ein Staat kann sich nicht Rechtsstaat nennen, wenn grundlegende Rechte nur selektiv gelten."

Gesundheitssystem: Wenn Heilung zur Belastung wird

Noch dramatischer stellen sich die Verhältnisse im Gesundheitswesen dar. Über 44 Prozent der Befragten identifizieren ihre sichtbare muslimische Zugehörigkeit – sei es durch Kopftuch, Namen oder Hautfarbe – als Hauptgrund für Diskriminierungserfahrungen in medizinischen Einrichtungen.

Die gesundheitlichen Auswirkungen sind gravierend: 77,7 Prozent geben an, dass ihre Schmerzen nicht oder nur teilweise ernst genommen wurden. 26,7 Prozent berichten von abwertender Kommunikation, fehlender Aufklärung oder Zeitdruck. Besonders erschütternd: 11,1 Prozent erlebten sexualisierte Grenzverletzungen im medizinischen Kontext.

Die qualitative Auswertung der Studie macht wiederkehrende Diskriminierungsmuster deutlich: abwertende Blicke, respektloser Tonfall, überdurchschnittlich lange Wartezeiten und das ungerechtfertigte Verweigern von Krankschreibungen prägen den Alltag betroffener Patient*innen.

Teufelskreis der Gesundheitsvermeidung

Die Folgen dieser systematischen Diskriminierung sind weitreichend und schaffen einen gefährlichen Teufelskreis. Eine Studienteilnehmerin schildert exemplarisch: "Ich lasse mich viel seltener behandeln, obwohl ich eigentlich medizinische Hilfe benötige."

Viele Befragte entwickeln Angstzustände, psychosomatische Beschwerden und zeigen ausgeprägtes Vermeidungsverhalten gegenüber dem Gesundheitswesen. Diese dauerhaften Belastungen erhöhen nachweislich das Risiko für chronische Erkrankungen und verschärfen gesundheitliche Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft.

Ümmü-Selime Türe, Leiterin der psychosozialen Beratung, ordnet diese Entwicklungen in einen größeren Kontext ein: "Antimuslimischer Rassismus im Gesundheitssystem ist ein Ausdruck tief verwurzelter gesellschaftlicher Machtstrukturen und systematischer Ausgrenzung. Er führt dazu, dass viele Menschen medizinische Versorgung als belastend, unsicher und entwürdigend erleben. Gesundheit darf nicht nur als individuelle Frage verstanden werden, sie ist politisch."

Strukturelles Problem erfordert systematische Lösungen

Die Dokustelle Österreich betont, dass es sich bei den dokumentierten Diskriminierungserfahrungen nicht um isolierte Einzelfälle handelt, sondern um ein strukturelles Problem österreichischer Institutionen. Die Studien liefern empirische Belege für das, was Betroffene und Beratungsorganisationen seit Jahren anprangern.

"Ziel unserer Arbeit ist es, erkennbar zu machen, dass Rassismus kein Ausnahmezustand ist, sondern strukturell und Teil des Systems", erklärt Dunia Khalil die Motivation hinter der umfassenden Datenerhebung.

Forderungen nach konkreten Maßnahmen

Mit der Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse unterstreicht die Dokustelle Österreich die dringende Notwendigkeit struktureller Reformen. Gefordert wird:

  • Klare Benennung antimuslimischen Rassismus sowie aller weiteren Formen des Rassismus in staatlichen Strukturen
  • Kontinuierliche und systematische Dokumentation von Diskriminierungsfällen
  • Entwicklung und Implementierung wirksamer Gegenmaßnahmen
  • Sensibilisierung und Schulung von Mitarbeiter*innen in öffentlichen Einrichtungen
  • Etablierung unabhängiger Beschwerde- und Kontrollmechanismen

Gesellschaftliche Verantwortung und politischer Handlungsbedarf

Die Studienergebnisse werfen grundsätzliche Fragen zu Gleichberechtigung und Menschenwürde in Österreich auf. Wenn staatliche Institutionen, die eigentlich dem Schutz und der Unterstützung aller Bürger*innen dienen sollten, zu Orten der Diskriminierung werden, ist das demokratische Grundverständnis in Frage gestellt.

Die Dokustelle macht deutlich, dass Veränderungen nur durch gemeinsame Anstrengungen von Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit erreicht werden können. Dabei geht es nicht nur um die Bekämpfung antimuslimischen Rassismus, sondern um die Schaffung einer inklusiven Gesellschaft, in der alle Menschen gleichberechtigten Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen haben.

Internationale Perspektive

Die österreichischen Befunde fügen sich in ein europäisches Muster ein. Studien aus Deutschland, Frankreich und anderen EU-Ländern zeigen ähnliche Diskriminierungsstrukturen in öffentlichen Institutionen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit koordinierter Maßnahmen auf europäischer Ebene zur Bekämpfung institutioneller Diskriminierung.

Ausblick: Von der Dokumentation zur Transformation

Die Veröffentlichung der beiden Studien markiert einen wichtigen Meilenstein in der österreichischen Rassismusforschung. Erstmals liegen umfassende empirische Daten zu antimuslimischen Diskriminierungserfahrungen in zentralen staatlichen Bereichen vor. Diese Datenbasis schafft die Grundlage für evidenzbasierte Reformprozesse.

Gleichzeitig mahnen die Ergebnisse zur Eile: Jeder Tag, an dem strukturelle Reformen ausbleiben, bedeutet für Betroffene weitere Diskriminierungserfahrungen und potentielle Gesundheitsgefahren durch gemiedene medizinische Behandlungen oder unzureichende rechtliche Vertretung.

Die Dokustelle Österreich hat mit ihrer Arbeit einen wichtigen Grundstein gelegt. Nun liegt es an Politik und Gesellschaft, aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen konkrete Verbesserungen für alle in Österreich lebenden Menschen zu entwickeln. Die beiden Studien stehen auf der Website der Dokustelle zum Download zur Verfügung und bieten eine fundierte Basis für den dringend notwendigen gesellschaftlichen Dialog über Rassismus und Diskriminierung in öffentlichen Institutionen.

Schlagworte

#Rassismus#Diskriminierung#Gesundheitswesen#Rechtssystem#Islamfeindlichkeit#Menschenrechte#Österreich#Studie

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