Josefstadt ehrt jüdische Schriftstellerin statt Antisemiten
Der nach einem Antisemiten benannte Park in der Josefstadt erhält den Namen der Holocaust-Überlebenden und Schriftstellerin Lore Segal.
Ein bedeutender Schritt zur Aufarbeitung der Vergangenheit: Der Hamerlingpark in der Wiener Josefstadt wird künftig den Namen "Lore-Segal-Park" tragen. Die Bezirksvertretung Josefstadt beschloss am 25. März 2026 mehrheitlich, den nach dem Antisemiten Robert Hamerling benannten Park nach der jüdischen Schriftstellerin und Holocaust-Überlebenden Lore Segal umzubenennen. Grüne, SPÖ, ÖVP, Neos und KPÖ stimmten für den Antrag, der nun dem Wiener Gemeinderat vorgelegt wird.
Bezirksvorsteher Martin Fabisch erklärte: "Mit dem Lore-Segal-Park ehren wir eine jüdische Schriftstellerin, auf die die Josefstadt stolz sein kann – und lösen uns gleichzeitig vom Namen eines Antisemiten und Frauenfeinds. Dass Lore Segal als Kind selbst in diesem Park gespielt und von den Nazis vertrieben wurde, verleiht der Umbenennung zusätzliche Bedeutung."
Bezirksvorsteher-Stellvertreterin Lena Köhler betonte: "Ein Autor, der für Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit steht, hat in der Josefstadt keinen Platz. Mit der Benennung nach Lore Segal würdigen wir die Leistungen einer jüdischen Josefstädterin – und benennen den Park zugleich nach einer Frau, die bei der Benennung von Orts- und Straßennamen in Wien immer noch unterrepräsentiert sind."
Die Umbenennung beendet einen mehrjährigen Diskussionsprozess über den ursprünglichen Namensgeber. Robert Hamerling (1830-1889) war ein österreichischer Schriftsteller, dessen Werke von antisemitischen Stereotypen und frauenfeindlichen Inhalten durchzogen waren. In seinen Texten verwendete er wiederholt diskriminierende Begriffe wie "Judennase" oder "Judengeruch" und trat für die nationale Einigung aller Deutschen ein.
Eine Historiker*innen-Kommission stufte 2021 alle nach Hamerling benannten Plätze als "Fälle mit Diskussionbedarf" ein.
Die Entscheidung fügt sich in eine breitere Bewegung zur kritischen Auseinandersetzung mit historischen Persönlichkeiten ein, die öffentliche Plätze und Straßen benennen.
Lore Segal (1928-2024) wurde am 9. März 1928 geboren, wuchs in der Josefstadt auf und besuchte Schulen in der Pfeilgasse, Lerchengasse und Albertgasse. Als junges Mädchen spielte sie beinahe täglich im heutigen Hamerlingpark, bis ihr und anderen jüdischen Kindern der Zugang verboten wurde.
Nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 verlor ihr Vater seinen Arbeitsplatz und die Familie wurde von der Gestapo aus der Wohnung in der Josefstädter Straße geworfen.
1938 konnte Segal mit dem ersten Kindertransport nach Großbritannien fliehen. Als zehnjähriges Mädchen kam sie bei Pflegeeltern in Liverpool unter. Ihre Eltern konnten aus Österreich fliehen, doch die meisten ihrer Verwandten wurden im Holocaust ermordet.
Später studierte Segal in London Englische Literatur und schloss mit Auszeichnung ab. Als Erwachsene zog sie nach New York, schrieb unter anderem für die Zeitschrift "The New Yorker" und veröffentlichte zahlreiche Romane und Kurzgeschichtensammlungen. Für die Kurzgeschichtensammlung "Shakespeare's Kitchen" wurde sie 2008 für den Pulitzerpreis nominiert.
Das Bezirksmuseum Josefstadt widmete ihr 2024/25 eine Ausstellung unter dem Titel "Ich wollte Wien liebhaben, habe mich aber nicht getraut"; an der Eröffnung nahm sie per Liveschaltung teil. Am 7. Oktober 2024 verstarb Lore Segal in New York.
Der Antrag wird nun dem Wiener Gemeinderat vorgelegt, wo die endgültige Umbenennung im Kulturausschuss beschlossen wird.