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XR-Training gegen Diskriminierung für Rettungskräfte

AIT entwickelt innovative VR-Schulungen für Sanitäter gegen alltägliche Belästigung

26. März 2026 um 09:21
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Österreichische Studie zeigt: Diskriminierung gehört zum Alltag von Rettungskräften. XR-Training soll Einsatzkräfte besser vorbereiten.

Rettungskräfte retten täglich Leben – doch dabei werden sie selbst oft Opfer von Diskriminierung. Eine neue Studie des AIT Austrian Institute of Technology zeigt auf, wie verbreitet diskriminierende Erfahrungen im Rettungswesen sind. Gleichzeitig entwickelt das Forschungsinstitut im Rahmen des Projekts GAIN innovative Extended Reality (XR) Trainingskonzepte, um Einsatzkräfte besser auf solche Situationen vorzubereiten.

Alltägliche Diskriminierung im Rettungswesen

Die Realität für viele Sanitäterinnen und Sanitäter ist ernüchternd: Neben der ohnehin belastenden Arbeit in medizinischen Notfällen sehen sie sich zunehmend mit Geringschätzung ihrer Kompetenz, diskriminierenden Kommentaren oder sogar sexuellen Übergriffen konfrontiert. Das FFG geförderte FEMtech-Projekt GAIN unter Leitung des AIT Center for Technology Experience will diesem Problem mit modernen Trainingsmethoden begegnen.

"Damit wird nicht nur die Motivation und Arbeitszufriedenheit gesenkt, sondern auch die Arbeitsleistung und Qualität der Patientenversorgung sind davon betroffen", erklärt Julia Himmelsbach, AIT-Forscherin und GAIN-Projektleiterin, den großen Handlungsbedarf.

Die im Herbst 2025 durchgeführte Studie befragte 167 Rettungskräfte aller Altersgruppen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Die Ergebnisse sind alarmierend: Diskriminierung zeigt sich meist nicht in Form offener Gewalt, sondern als subtile Abwertung, Respektlosigkeit, sexuelle Belästigung oder Zweifel an der fachlichen Kompetenz.

Frauen und junge Einsatzkräfte besonders betroffen

Die Studienergebnisse offenbaren ein klares Muster der Diskriminierung:

  • Frauen im Rettungswesen berichten überdurchschnittlich oft von wenig respektvollem Verhalten, abwertenden Kommentaren oder anzüglichen Bemerkungen – auch bezüglich ihres Erscheinungsbilds
  • Jüngere Einsatzkräfte werden besonders häufig aufgrund ihres Alters diskriminiert und ihre Kompetenz infrage gestellt
  • Voreingenommenheit, geschlechterbezogene Abwertung und Mikroaggressionen sind die häufigsten Diskriminierungsformen
  • Kleine, wiederholte Grenzverletzungen wie abwertende Kommentare oder das Ignorieren durch Vorgesetzte verursachen langfristige negative Effekte

Besonders problematisch: Die diskriminierenden Situationen treten meist im direkten Kontakt mit Patientinnen und Patienten, deren Angehörigen oder anderen zufällig anwesenden Personen auf – also in den ohnehin schon stressigen Einsatzsituationen.

Schwerwiegende Folgen für Betroffene und Patienten

Die Auswirkungen der alltäglichen Diskriminierung sind weitreichend. Viele Rettungseinsatzkräfte empfinden diese Erfahrungen als unangenehm oder belastend und fühlen sich sprachlos oder eingeschränkt in ihren Handlungsmöglichkeiten. Je stärker die wahrgenommene Diskriminierung, desto häufiger denken die Betroffenen daran, ihren Beruf aufzugeben.

Besonders brisant: Rund jede zweite befragte Person hat zumindest gelegentlich darüber nachgedacht, den Rettungsdienst aufgrund solcher Erfahrungen zu verlassen. Wenn zusätzlich im eigenen Team kein Rückhalt herrscht und Diskriminierung von Kolleginnen und Kollegen ausgeht, verstärkt sich die Kündigungsabsicht noch weiter.

Die Folgen treffen jedoch nicht nur die Einsatzkräfte selbst: Durch die erlebte Diskriminierung leidet auch die Versorgungsqualität der Patientinnen und Patienten – und damit können Menschenleben in Gefahr geraten.

Warum Betroffene oft schweigen

Zusätzliche qualitative Erhebungen durch Online-Tagebücher, Interviews und offene Befragungen machten deutlich, warum viele Betroffene im Einsatz nicht reagieren:

  • Das Patientenwohl steht im Vordergrund
  • Eskalationen sollen vermieden werden
  • Zeitdruck verhindert längere Diskussionen
  • Hierarchien erschweren Widerspruch
  • Diskriminierung wird als "Teil des Jobs" internalisiert

Viele Einsatzkräfte berichten zudem von Resignation oder der Angst, als "empfindlich" oder "spießig" wahrgenommen zu werden. Diese Dynamiken zeigen klar auf: Es reicht nicht, auf individuelle Schlagfertigkeit zu setzen – es braucht strukturelle Unterstützung und gezielte Vorbereitung.

Teamklima als Schutzfaktor

Die Studie identifizierte jedoch auch einen wichtigen Schutzfaktor: Ein starkes Teamklima mit Rückhalt, Vertrauen und gelebter Diversität reduziert Diskriminierungserfahrungen erheblich, stärkt die Handlungssicherheit der Einsatzkräfte und senkt die Kündigungsabsicht.

Extended Reality als innovative Lösung

Hier setzt das GAIN-Projekt mit seinem innovativen Ansatz an: Der Einsatz von Extended Reality (XR) in Training und Ausbildung bietet entscheidende Vorteile. Simulierte Szenarien ermöglichen einen immersiven Zugang, das Training ist jederzeit wiederholbar und spart Ressourcen und Zeit.

Die Grundidee ist es, in verschiedenen XR-Szenarien – beispielsweise eine Fahrt mit dem Rettungswagen mit einer Patientin und Angehörigen – Diskriminierung nicht nur darzustellen und zu erkennen, sondern als komplexe, körperlich erfahrbare Situation nachvollziehbar zu machen.

Das AIT Center for Technology Experience kann dabei auf langjährige Erfahrung in der Forschung und Entwicklung von XR-Trainingskonzepten zurückgreifen – insbesondere im Bereich XR-Training für Einsatzkräfte aus verschiedenen Bereichen wie Polizei, Rettung und Feuerwehr.

Körperliches Erleben von Diskriminierung

Aufbauend auf realen Erfahrungen soll das Training die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Einsatzsituationen versetzen, wo subtile Abwertung schrittweise spürbar wird. Dabei kommen bewusst verfremdete visuelle, akustische und haptische Effekte zum Einsatz, die innere Reaktionen wie Verunsicherung, Handlungshemmung oder "Sich-klein-fühlen" körperlich erlebbar machen.

Ziel ist es zunächst, das Bewusstsein und Verständnis für die situativen, relationalen und oft schwer greifbaren Dynamiken von Diskriminierung zu fördern, Reflexion anzustoßen und die Einsatzkräfte im professionellen Umgang mit Diskriminierung zu stärken.

Zweistufiges Trainingskonzept

Das Trainingskonzept ist zweistufig angelegt: Die XR-Simulation von Diskriminierungsszenarien bildet den Einstieg, um Situationen spürbar zu machen. Darauf aufbauend folgt ein begleiteter Austausch mit Trainerinnen und Trainern, in dem die erlebten Erfahrungen gemeinsam reflektiert und eingeordnet werden.

Damit entsteht ein Erfahrungsrahmen, der Diskussion ermöglicht und unterschiedliche Perspektiven sichtbar macht. Das finale XR-Trainingskonzept soll drei zentrale Bereiche umfassen:

  • Erleben und Erkennen von Diskriminierung
  • Reflektieren und Einordnung von erlebter Diskriminierung
  • Handlungsoptionen als betroffene Person oder als anwesende Person

Entwicklung läuft auf Hochtouren

Derzeit werden die XR-Trainingsszenarien basierend auf den Studienergebnissen sowie in enger Zusammenarbeit mit den Einsatzorganisationen entwickelt. Partner des Projekts sind neben dem AIT die Johanniter Österreich Ausbildung und Forschung sowie das Unternehmen Usecon.

Das XR-Training soll künftig als Ergänzung zu einem umfassenden Anti-Diskriminierungs- und Empowerment-Curriculum dienen. "Diskriminierung verschwindet nicht, indem man sie ignoriert. Es ist wichtig, das Thema ernst zu nehmen, organisationsintern Strukturen zu schaffen und Sanitäterinnen und Sanitäter bestmöglich zu trainieren, sich gegenseitig zu unterstützen", betont Projektleiterin Himmelsbach.

Strukturelle Veränderungen notwendig

Die GAIN-Studie macht deutlich, dass Organisationen aktiv gegensteuern können – etwa durch gezielte Ausbildung und Vorbereitung auf diskriminierende Situationen. Das innovative XR-Training stellt dabei einen wichtigen Baustein dar, um Rettungskräfte zu stärken und gleichzeitig die Versorgungsqualität für Patientinnen und Patienten zu sichern.

Mit diesem Ansatz leistet das AIT Austrian Institute of Technology einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Rettungswesen und zeigt gleichzeitig das Potenzial moderner XR-Technologien für die berufliche Weiterbildung auf.

Schlagworte

#XR-Training#Rettungskräfte#Diskriminierung#AIT#Extended Reality#Sanitäter#Virtual Reality#Anti-Diskriminierung#Forschung#Gesundheitswesen

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