Zurück
OTS-MeldungGesundheit/Gesundheitspolitik

Wiener Patientenanwalt fordert Reform des Gutachterwesens

Eigenständige Begutachtungsstelle soll chronisch Kranke entlasten

20. März 2026 um 12:02
Teilen:

Gerhard Jelinek kritisiert Mehrfachbegutachtungen und fordert bessere Honorierung für Hausbesuche und aufwändige Untersuchungen.

Die Wiener Pflege- und Patientenanwaltschaft schlägt Alarm: Das österreichische Gutachterwesen braucht eine grundlegende Reform. Patientenanwalt Gerhard Jelinek fordert eine eigenständige Begutachtungsstelle, die nicht nur den Staat finanziell entlasten, sondern vor allem chronisch kranken Patienten unnötige Belastungen ersparen soll.

Mehrfachbegutachtungen belasten Patienten schwer

Das aktuelle System führt dazu, dass Patienten für verschiedene Leistungen wie Pflegegeld, Rehageld, Berufsunfähigkeits- und Invaliditätspension, erhöhte Familienbeihilfe oder Leistungen aus der Behindertenhilfe jeweils separate Begutachtungen durchlaufen müssen. Diese Mehrfachbelastung trifft besonders chronisch kranke Menschen hart.

"Es braucht eine Neuaufstellung des Gutachterwesens: eigenständig und in der Honorierung der Gutachterleistung derart, dass Hausbesuche und aufwändige Untersuchungen entsprechend abgegolten werden können", erklärt Jelinek. Eine zentrale, unabhängige Begutachtungsstelle könnte diese verschiedenen Verfahren zusammenfassen und damit sowohl Kosten sparen als auch die Belastung für Patienten reduzieren.

Besondere Probleme bei ME/CFS-Patienten

Besonders kritisch sieht der Wiener Patientenanwalt die Situation bei Patienten mit ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom). "Wiederkehrende Beschwerden zeigen, dass noch immer viele Sachverständige, besonders bei Patient*innen mit ME/CFS, Vorbefunde ignorieren und die Untersuchung der Patient*innen im Wege von Hausbesuchen verweigern", kritisiert Jelinek.

Diese Praxis führt nicht nur zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands der Betroffenen, sondern auch zu erheblicher körperlicher, psychischer und finanzieller Belastung. Die Arbeitsgemeinschaft der Patientenanwaltschaften hat dieses Vorgehen bereits wiederholt kritisiert.

Verzicht auf Anträge aus Angst vor Verschlechterung

Die Auswirkungen sind dramatisch: "In uns bekannten Fällen verzichten Betroffene oder ihre pflegenden Angehörigen in der Folge sogar auf die Beantragung von Pflege- und Rehageld, nur um den Erkrankten nicht weiteren gesundheitlichen Schaden zuzufügen", berichtet der Wiener Patientenanwalt. Dies zeigt, wie das derzeitige System sein eigentliches Ziel - die angemessene Versorgung und Unterstützung kranker Menschen - verfehlt.

Reformvorschläge für ein besseres System

Die vorgeschlagene Reform des Gutachterwesens würde mehrere zentrale Verbesserungen bringen:

  • Eine eigenständige, unabhängige Begutachtungsstelle für alle Leistungen
  • Angemessene Honorierung von Gutachterleistungen
  • Bessere Abgeltung für Hausbesuche und aufwändige Untersuchungen
  • Vermeidung von Mehrfachbegutachtungen
  • Berücksichtigung von Vorbefunden

Finanzielle Vorteile für den Staat

Jelinek betont, dass die Reform nicht nur den Patienten zugutekommen würde: "Würde man die Mehrfachbegutachtungen durch eine einzelne, unabhängige Begutachtungsstelle zusammenfassen, würde das dem Staat letztlich zu finanziellen Einsparungen verhelfen." Durch die Vermeidung redundanter Verfahren und die Konzentration der Expertise könnten sowohl administrative Kosten als auch Doppelgleisigkeiten reduziert werden.

Hintergrund: Die Wiener Patientenanwaltschaft

Die Wiener Pflege- und Patientenanwaltschaft fungiert als wichtige Interessensvertretung für Patienten und pflegebedürftige Menschen in Wien. Sie nimmt Beschwerden entgegen, berät Betroffene und setzt sich für Verbesserungen im Gesundheits- und Pflegewesen ein. Die Institution arbeitet unabhängig und kostenfrei für alle Hilfesuchenden.

Gerhard Jelinek leitet als Patientenanwalt diese wichtige Einrichtung und bringt regelmäßig Missstände zur Sprache, die ihm durch Beschwerden von Patienten und deren Angehörigen bekannt werden. Seine Forderung nach einer Reform des Gutachterwesens basiert auf konkreten Erfahrungen aus der täglichen Arbeit mit Betroffenen.

Ausblick: Notwendige Schritte zur Umsetzung

Für die Umsetzung der geforderten Reformen wären verschiedene Schritte notwendig. Zunächst müssten die verschiedenen Träger - von der Sozialversicherung über die Pensionsversicherung bis hin zu den Ländern - an einen Tisch geholt werden. Die Schaffung einer eigenständigen Begutachtungsstelle würde eine entsprechende gesetzliche Grundlage und eine Neuorganisation der bestehenden Strukturen erfordern.

Darüber hinaus müsste die Finanzierung geklärt werden, wobei Jelinek argumentiert, dass die Einsparungen durch die Vermeidung von Doppelgleisigkeiten die Kosten der Reform mehr als kompensieren würden. Nicht zuletzt wäre eine entsprechende Ausbildung und Sensibilisierung der Gutachter für spezielle Krankheitsbilder wie ME/CFS erforderlich.

Die Forderung der Wiener Patientenanwaltschaft zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, das Gesundheitssystem kontinuierlich an den Bedürfnissen der Patienten auszurichten. Eine Reform des Gutachterwesens könnte ein wichtiger Schritt sein, um chronisch kranke Menschen besser zu unterstützen und gleichzeitig Ressourcen effizienter zu nutzen.

Schlagworte

#Patientenanwaltschaft#Gutachterwesen#Gesundheitspolitik#Wien#Pflegegeld#ME/CFS#Sozialversicherung

Weitere Meldungen

OTS
Betriebliche Gesundheitsförderung

Gesundheitsresort Königsberg erneut mit BGF-Gütesiegel ausgezeichnet

20. März 2026
Lesen
OTS
Ärzte

FSME-Impfschutz: Viele Wiener mangelhaft geschützt

20. März 2026
Lesen
OTS
Arzneimittel-Versorgung Nahost-Krieg Lieferketten

Nahost-Krieg bedroht Österreichs Medikamentenversorgung

20. März 2026
Lesen
Alle Meldungen anzeigen