Boehringer Ingelheim und Med Uni Graz entwickeln innovative Lungenkrebs-Therapien
Siebenjähriges Forschungsprogramm mit 3,2 Millionen Euro Budget soll neue Behandlungsmethoden gegen Lungenkrebs entwickeln.
Ein neues Christian-Doppler-Labor an der Medizinischen Universität Graz soll die Entwicklung innovativer Therapien gegen Lungenkrebs vorantreiben. Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim und die Med Uni Graz haben ihre Zusammenarbeit in einem siebenjährigen Forschungsprogramm bekannt gegeben, das mit insgesamt 3,2 Millionen Euro finanziert wird.
Das neue Labor konzentriert sich auf das nicht-kleinzellige Lungenkarzinom (NSCLC), die häufigste Form von Lungenkrebs. Trotz medizinischer Fortschritte bleibt Lungenkrebs weltweit die führende Ursache für krebsbedingte Todesfälle. Die Forscher untersuchen dabei den sogenannten immunogenen Zelltod – einen Mechanismus, der dem Immunsystem dabei hilft, Tumorzellen besser zu erkennen und gezielt anzugreifen.
"Beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom sind diese Mechanismen häufig ausgeschaltet. Dadurch kann der Tumor unbemerkt vom Immunsystem wachsen", erklärt der Onkologe Philipp Jost, einer der beiden Laborleiter. Gemeinsam mit dem Molekularbiologen Michael Dengler leitet er das neue Forschungszentrum.
Moderne zielgerichtete Therapien und Immuntherapien zeigen bei NSCLC-Patienten häufig nur vorübergehende Wirkung. Rückfälle sind ein weit verbreitetes Problem, das die langfristigen Überlebenschancen erheblich verringert. Diese Tatsache unterstreicht den dringenden Bedarf an neuen Behandlungsansätzen.
"Ziel der Forschung ist es daher, Krebszellen so zu beeinflussen, dass sie vom Immunsystem leichter erkannt und bekämpft werden können. Gelingt dies, könnten bestehende Krebstherapien deutlich wirksamer werden", ergänzt Michael Dengler.
Der Forschungsansatz basiert auf einem natürlichen Mechanismus des menschlichen Körpers. Zellen verfügen über ein "Selbstzerstörungsprogramm", das aktiviert wird, wenn sie beschädigt sind oder nicht mehr benötigt werden. In manchen Fällen – beim sogenannten immunogenen Zelltod – alarmiert dieser Prozess das Immunsystem und macht es auf potenzielle Gefahren aufmerksam.
Die Wissenschaftler wollen verstehen, "wie und wann Lungenkrebszellen sterben" und diese Erkenntnisse nutzen, um neue Therapien zu entwickeln. Langfristig soll dies nicht nur die Überlebenschancen und Lebensqualität der Patienten verbessern, sondern auch den Einsatz moderner Krebstherapien im Gesundheitssystem effizienter gestalten.
Das Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus (BMWET) finanziert das Projekt gemeinsam mit Boehringer Ingelheim. Bundesminister Wolfgang Hattmannsdorfer betont die Bedeutung der Kooperation: "Dieses Christian-Doppler-Labor zeigt beispielhaft, wie erfolgreiche Standortpolitik funktioniert: Wenn Wissenschaft und Industrie eng zusammenarbeiten, entstehen Innovation, Wertschöpfung und hochwertige Arbeitsplätze."
Österreich zähle in Schlüsseltechnologien wie Life Sciences und Biopharma zur europäischen Spitze, so Hattmannsdorfer weiter. Die Industriestrategie des Landes stärke gezielt solche Zukunftsfelder und schaffe Rahmenbedingungen für die Übersetzung medizinischer Innovationen in wirtschaftliche Wertschöpfung.
Das Labor befindet sich am Campus der Medizinischen Universität Graz in der Medical Science City Graz. Die moderne Infrastruktur, interdisziplinäre Expertise und der Zugang zu klinisch relevanten Proben aus der Biobank Graz bieten optimale Forschungsbedingungen.
"Durch die Partnerschaft mit Boehringer Ingelheim stärken wir unsere Fähigkeit, neue wissenschaftliche Erkenntnisse in transformative therapeutische Ansätze für Patienten zu überführen", erklärte Andrea Kurz, Rektorin der Medizinischen Universität Graz.
Boehringer Ingelheim steuert seine globale Onkologie-Forschung von Österreich aus. Das Regional Center Vienna des Unternehmens fungiert als zentraler Standort für Krebsbiologie, computergestützte Innovation und translationale Forschung.
"Diese Partnerschaft vereint komplementäre Stärken: die wissenschaftliche Exzellenz und klinische Integration der Med Uni Graz sowie unsere Expertise in der Erforschung und Entwicklung neuer Krebsbehandlungsansätze", betonte Mark Paul Petronczki, Head of Oncology Research bei Boehringer Ingelheim.
Das Christian-Doppler-Labor folgt einem international anerkannten Best-Practice-Modell zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie. In solchen Laboren wird anwendungsorientierte Grundlagenforschung auf höchstem Niveau betrieben.
Die Finanzierung erfolgt paritätisch: Boehringer Ingelheim und die öffentliche Hand stellen jeweils die Hälfte der 3,2 Millionen Euro für das siebenjährige Programm bereit. Das Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus fungiert dabei als wichtigster öffentlicher Fördergeber.
Kooperationen wie das neue Christian-Doppler-Labor sowie die langjährige Partnerschaft mit CBmed in Graz tragen zur Stärkung des österreichischen Life-Science-Ökosystems bei. Sie beschleunigen die Entwicklung von Krebsbehandlungen der nächsten Generation und festigen Österreichs Position als innovativer Forschungsstandort.
In der Region beschäftigt Boehringer Ingelheim insgesamt 4.940 Mitarbeiter, davon 3.451 in Österreich. Das Unternehmen koordiniert von Wien aus das Geschäft mit Human- und Tierarzneimitteln in 33 Ländern und betreibt dort auch biopharmazeutische Forschung und Produktion.
Die Medizinische Universität Graz mit mehr als 2.500 Mitarbeitern aus Wissenschaft und Verwaltung sowie rund 5.800 Studierenden spielt eine zentrale Rolle in der regionalen Gesundheitsversorgung. Onkologie zählt zu ihren wichtigsten Forschungsschwerpunkten.
Das neue Labor soll den Transfer von der Grundlagenforschung zum direkten Nutzen für Patienten beschleunigen. Die Forscher hoffen, dass ihre Erkenntnisse mittelfristig zu wirksameren Behandlungen führen und damit die Prognose für Lungenkrebspatienten deutlich verbessern können.
Die Zusammenarbeit zwischen akademischer Spitzenforschung und industrieller Innovationskraft könnte wegweisend für weitere Projekte in der österreichischen Krebsforschung werden und den Standort als attraktiven Partner für internationale Pharmaunternehmen etablieren.