Generika-Hersteller plant Verlagerung von bis zu 180 Arbeitsplätzen von Tirol nach Slowenien und Indien
SPÖ-Gesundheitssprecher Silvan wirft Sandoz vor, öffentliche Förderungen zu kassieren und dennoch Arbeitsplätze abzubauen.
Der Pharmakonzern Sandoz steht in der Kritik: Das Unternehmen plant am Standort Kundl in Tirol den Abbau von 100 bis 180 Arbeitsplätzen in Forschung und Entwicklung. Diese sollen nach Slowenien und Indien verlagert werden. SPÖ-Gesundheitssprecher Rudolf Silvan zeigt sich empört über diese Pläne und wirft dem Generika-Hersteller vor, "Förderungen zu kassieren und dann Arbeitsplätze abzubauen".
Besonders problematisch sieht Silvan die Tatsache, dass der Sandoz-Standort in Kundl über Jahre hinweg mit erheblichen öffentlichen Förderungen und Investitionen unterstützt wurde. "Wir erwarten uns von Sandoz Fairplay, und nicht Förderungen kassieren und dann Arbeitsplätze abbauen", betont der SPÖ-Politiker. Diese Kritik richtet sich gegen eine Praxis, die in der österreichischen Industriepolitik immer wieder für Diskussionen sorgt: Unternehmen erhalten staatliche Unterstützung, verlagern aber dennoch Produktionsstätten oder Arbeitsplätze ins Ausland.
Die geplanten Stellenstreichungen betreffen konkret den Bereich Forschung und Entwicklung, was besonders brisant ist. Während das Unternehmen selbst von rund 100 betroffenen Arbeitsplätzen spricht, geht der Betriebsrat von bis zu 180 gefährdeten Stellen aus. Diese Diskrepanz in den Zahlen zeigt bereits die Unsicherheit und Sorge, die unter der Belegschaft herrscht.
Silvan warnt vor weitreichenden Folgen der geplanten Maßnahmen. Er befürchtet, dass auf die Verlagerung der Forschung auch die der Produktion folgen könnte. "Das wäre ein schwerer Schlag für den Pharmastandort Tirol und würde dem Ziel der Bundesregierung, Österreich als Life-Science-Standort zu stärken, zuwiderlaufen", so der Gesundheitssprecher.
Diese Sorgen sind nicht unbegründet: Wenn erst einmal die Forschungs- und Entwicklungskapazitäten verlagert sind, folgt oft auch die Produktion nach. Dies würde nicht nur die direkt betroffenen Mitarbeiter treffen, sondern hätte auch Auswirkungen auf Zulieferer und die gesamte regionale Wirtschaftsstruktur.
Besonders brisant ist der Zeitpunkt der Ankündigung: Die Bundesregierung arbeitet gerade an ihrer "Life Science Strategie", mit der der Pharma- und Forschungsstandort Österreich gestärkt werden soll. "Dafür brauchen wir Partner in der Industrie, die fair spielen", betont Silvan und stellt damit die Glaubwürdigkeit von Sandoz als verlässlicher Partner in Frage.
Die Life-Science-Strategie soll Österreich als attraktiven Standort für Pharmaunternehmen und Biotechnologie-Firmen positionieren. Dazu gehören Investitionen in Forschung, günstige Rahmenbedingungen und eben auch Förderungen für Unternehmen. Wenn aber internationale Konzerne diese Unterstützung annehmen und dann trotzdem Arbeitsplätze verlagern, wird die gesamte Strategie in Frage gestellt.
Der SPÖ-Gesundheitssprecher fordert klare Antworten sowohl vom Unternehmen selbst als auch vom Verband der pharmazeutischen Industrie (Pharmig). "Es kann nicht sein, dass öffentliche Gelder fließen und dann stillschweigend Arbeitsplätze abgebaut werden", so Silvan. Er erwartet Transparenz über die Beweggründe für die Verlagerung und Klarheit über die Zukunft des Standorts.
Pharmig als Interessenvertretung der pharmazeutischen Industrie in Österreich steht nun vor der Herausforderung, zwischen den Interessen ihrer Mitgliedsunternehmen und der öffentlichen Kritik zu vermitteln. Der Verband wird erklären müssen, wie er zu solchen Standortverlagerungen steht und welche Rolle er bei der Umsetzung der Life-Science-Strategie spielen will.
Unterstützung erhält Silvan von seinem Parteikollegen Philip Wohlgemuth, Tiroler Landeshauptmannstellvertreter und SPÖ-Vorsitzender. Wohlgemuth fordert rasche Gespräche zwischen der Konzernleitung, dem Betriebsrat und der Politik. Diese Dreiecks-Gespräche sollen eine Lösung für den Konflikt finden und den Standort sichern.
"Das gemeinsame Ziel muss es sein, Arbeitsplätze zu sichern, den Standort zu sichern und zu verhindern, dass zentrale Teile des Pharmastandorts Tirol schrittweise ins Ausland verlagert werden", erklärt Silvan die Zielsetzung dieser Gespräche. Dabei geht es nicht nur um die aktuell bedrohten Stellen, sondern um die langfristige Perspektive des gesamten Standorts.
Der Fall Sandoz ist symptomatisch für die Herausforderungen, denen die österreichische Pharmaindustrie gegenübersteht. Einerseits ist sie ein wichtiger Wirtschaftszweig mit hochwertigen Arbeitsplätzen und bedeutenden Exporterlösen. Andererseits steht sie unter enormem Kostendruck und Konkurrenz aus Ländern mit niedrigeren Lohnkosten.
Österreich muss daher einen Weg finden, seine Standortvorteile zu nutzen und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu bleiben. Dazu gehören eine hochqualifizierte Belegschaft, eine gute Infrastruktur, politische Stabilität und eben auch gezielte Förderungen. Wenn diese Förderungen aber nicht zu einer langfristigen Standortsicherung führen, müssen die Instrumente überdacht werden.
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die politischen Interventionen Wirkung zeigen. Sandoz wird sich zu den Vorwürfen äußern müssen und erklären, wie das Unternehmen seine Verantwortung als Fördermittelempfänger sieht. Gleichzeitig wird die Bundesregierung ihre Life-Science-Strategie überdenken müssen: Wie kann sichergestellt werden, dass geförderte Unternehmen langfristig in Österreich bleiben?
Für die betroffenen Mitarbeiter in Kundl geht es um ihre berufliche Zukunft. Viele von ihnen haben jahrelang an der Entwicklung neuer Medikamente gearbeitet und verfügen über spezielles Know-how. Ihre Erfahrung und ihr Wissen sind nicht nur für Sandoz, sondern für den gesamten österreichischen Pharmastandort wertvoll.
Der Fall zeigt auch, wie wichtig es ist, bei der Vergabe öffentlicher Förderungen klare Bedingungen zu stellen und deren Einhaltung zu überwachen. Nur so kann verhindert werden, dass Steuergeld fließt, ohne dass die gewünschten standortpolitischen Ziele erreicht werden.