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OTS-MeldungOIB-Richtlinie 7, EU-Gebäuderichtlinie/Wälder: CO₂-Quelle/Bau/Umwelt/Wohnbau/Wald

OIB-Richtlinie 7: Streit um faire Klimabilanzen im Bauwesen

Stahlbauverband kritisiert verzerrte Ökobilanzen und fordert materialneutrale Bewertung

16. März 2026 um 10:21
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Österreichs Wälder sind zur CO₂-Quelle geworden. Der Stahlbauverband fordert faire Regeln für die neue OIB-Richtlinie 7 im Bauwesen.

Die österreichische Baubranche steht vor einer wichtigen Weichenstellung: Mit der geplanten OIB-Richtlinie 7 soll erstmals das Lebenszyklus-Treibhauspotenzial von Neubauten verpflichtend ausgewiesen werden. Der Österreichische Stahlbauverband kritisiert jedoch die bisherige Praxis und fordert eine faire, materialneutrale Bewertung aller Baustoffe.

Alarmierende Entwicklung: Wälder werden zur CO₂-Quelle

Die Ausgangslage ist dramatisch: Laut der aktuellen Treibhausgasinventur 2025 sind Österreichs Wälder von einer CO₂-Senke zur CO₂-Quelle geworden. Während sie zwischen 2016 und 2018 noch durchschnittlich 4,8 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr banden, weisen sie nun 8,0 Millionen Tonnen zusätzliche CO₂-Emissionen aus.

Die Hauptursachen für diese besorgniserregende Entwicklung liegen in hohen Nutzholzeinschlägen und großen Mengen an Schadholz. Besonders brisant: Nach EU-Vorgaben müsste Österreich jährlich mindestens 4,66 Millionen Tonnen CO₂ binden. Die massive Abweichung von diesen Zielen könnte ein EU-Vertragsverletzungsverfahren nach sich ziehen – mit potenziellen Strafzahlungen in Milliardenhöhe.

Waldnutzung am absoluten Limit

Die Zahlen zur Waldnutzung in Österreich sind alarmierend. Während der WWF maximal 80 Prozent der nachwachsenden Holzmenge als nachhaltig erachtet, werden laut Waldbericht 2023 bereits 89 Prozent eingeschlagen. Der Biomasseverband spricht sogar von 96 Prozent, die geerntet oder als Totholz im Wald verbleiben. Eine nachhaltige Reserve existiert praktisch nicht mehr.

Trotz der massiven Klimaschäden wird die intensive Waldnutzung fortgesetzt. Diese Praxis steht im Widerspruch zu den klimapolitischen Zielen Österreichs und der EU.

Holznutzung verursacht 26 Millionen Tonnen CO₂ jährlich

Im Jahr 2023 wurden inklusive Importe rund 42 Millionen Festmeter Holz in Österreich genutzt. Besonders problematisch: 61 Prozent davon werden verbrannt, was rund 26 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr entspricht. Lediglich etwa 10 Prozent fließen in langlebige Produkte wie den Holzbau.

Diese Zahlen relativieren die oft dargestellte CO₂-Negativbilanz des Holzbaus erheblich. Der Eindruck einer klimapositiven Wirkung entstand hauptsächlich deshalb, weil in der bisherigen Bilanzierung nur die Phasen A1 (Rohstoffgewinnung), A2 (Transport vom Wald zum Werk) und A3 (Herstellung) berücksichtigt wurden.

Unberücksichtigt blieben hingegen Transport zur Baustelle, Montage sowie Rückbau und Lebensende des Baustoffs – also Downcycling zu Spanplattenrohstoff, energetische Verwertung, Verbrennung oder Deponierung. Je stärker Holz industriell veredelt wird, desto mehr ähnelt es einem Verbundwerkstoff und desto komplexer und klimaschädlicher wird seine Entsorgung.

Forderung nach echter Lebenszyklusbetrachtung

Georg Matzner, Geschäftsführer des Österreichischen Stahlbauverbands, kritisiert die bisherige Praxis scharf: "Teilbilanzen, die nur einzelne Phasen betrachten, führen systematisch zu Verzerrungen. Wenn wir Bauweisen seriös und fair vergleichen wollen, dann nur über den gesamten Lebenszyklus. Alles andere öffnet Tür und Tor für Fehlanreize."

Der Verband fordert eine Bewertung des gesamten Lebenszyklus – von der Herstellung (Phase A) über die Nutzung und Instandhaltung (Phase B) bis zum Rückbau beziehungsweise End-of-Life (Phase C). Mit der OIB-Richtlinie 7 bestehe jetzt die Chance, eine echte Lebenszyklusbetrachtung statt irreführender Teilbilanzen zu verankern.

Kritik an temporären CO₂-Speichern

Besonders kritisch sieht der Stahlbauverband die Anrechnung temporärer CO₂-Speicher als dauerhafte Reduktion. "Temporäre Kohlenstoffspeicherung darf nicht als dauerhafte Emissionsminderung verkauft werden. Das mag auf dem Papier gut aussehen, löst aber das Klimaproblem nicht", so Matzner weiter. "Klimawirkung ist nur inklusive End-of-Life korrekt darstellbar."

Materialneutralität als Schlüssel für fairen Wettbewerb

Peter Bauer, Mitglied des Präsidialrats der Ziviltechnikerkammer und Professor für Tragwerksplanung an der TU Wien, betont die Bedeutung transparenter Bewertungskriterien: "Eine lebenszyklusweite Ausweisung von GWP-fossil, GWP-biogen und GWP-LULUC schafft Klarheit für Planer, Bauträger und öffentliche Auftraggeber und verhindert Fehlinterpretationen."

Der Stahlbauverband fordert einen einheitlichen, kumulierten GWP-Wert im Energieausweis statt mehrerer Teilwerte. Dabei sollten insbesondere fossile Emissionen nicht mehr verschleiert werden. "Klimaschutz im Bauwesen darf kein Materialwettbewerb mit verzerrten Regeln sein. Entscheidend ist die beste Lösung für das jeweilige Projekt – auf Basis fairer und transparenter Kriterien", erklärt Bauer.

Langlebigkeit als Klimaschutzfaktor

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Berücksichtigung realer Lebensdauern von Bauteilen und Tragstrukturen. EU-Vorgaben wie die EPBD (Energy Performance of Buildings Directive) und die Bauprodukteverordnung unterstreichen ausdrücklich die Bedeutung der Dauerhaftigkeit.

Wenn eine Tragstruktur nachweislich 100 Jahre hält, muss sich das auch in der Klimabilanz widerspiegeln. Langlebigkeit ist nicht nur gelebter Klimaschutz, sondern auch ein wesentlicher Faktor für leistbares Bauen – ein Aspekt, der angesichts der aktuellen Wohnungskrise besondere Relevanz erhält.

Kritik an nationalem "Holz-Golden-Plating"

Der Stahlbauverband wirft der österreichischen Politik vor, lange keine sachgerechte Bewertung vorgenommen, sondern nationales "Holz-Golden-Plating" betrieben zu haben, das die CO₂-Bilanz des Holzbaus einseitig begünstigte. Diese Praxis steht im Widerspruch zu den Prinzipien einer materialneutralen und EU-konformen Umsetzung.

Nationale Verschärfungen oder verzerrte Ökobilanzen müssten vermieden werden, um Planungs- und Rechtssicherheit zu gewährleisten. Im Gebäudesektor gehe es neben Klimazielen auch um Kosten sowie um faire Wettbewerbsbedingungen für alle Baumaterialien.

Zeitplan und Auswirkungen der OIB-Richtlinie 7

Die OIB-Richtlinie 7 mit dem Titel "Nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen" wird maßgeblich festlegen, welche Bauweisen in Österreich künftig als klimafreundlich gelten. Der geplante Zeitplan sieht vor, dass die Richtlinie ab 2026 ausgearbeitet und begutachtet, 2027 beschlossen und ab 2028/2030 schrittweise verpflichtend angewendet wird.

Erstmals soll dabei das Lebenszyklus-Treibhauspotenzial (GWP) von Neubauten verpflichtend ausgewiesen werden. Diese Neuerung wird erhebliche Auswirkungen auf die gesamte Baubranche haben und möglicherweise zu einer Neubewertung verschiedener Bauweisen und Materialien führen.

Ausblick: Faire Regeln für den Klimaschutz

Die Diskussion um die OIB-Richtlinie 7 zeigt die Komplexität des Klimaschutzes im Bauwesen auf. Während alle Akteure das Ziel klimafreundlicher Bauten teilen, herrscht Uneinigkeit über die Bewertungsmethoden und -kriterien.

Der Österreichische Stahlbauverband plädiert für eine praxistaugliche, materialneutrale und EU-konforme Umsetzung, die alle Baumaterialien fair bewertet. Nur so könne verhindert werden, dass der Klimaschutz zum Spielball von Interessensgruppen wird.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob es gelingt, eine ausgewogene Richtlinie zu entwickeln, die sowohl den Klimaschutzzielen als auch den praktischen Anforderungen der Baubranche gerecht wird. Klar ist: Bei der Bewältigung der Klimakrise im Bausektor sind faire und transparente Regeln unerlässlich – sowohl für den Erfolg der Klimaschutzbemühungen als auch für einen funktionierenden Wettbewerb zwischen den verschiedenen Baumaterialien.

Schlagworte

#OIB-Richtlinie#Klimaschutz#Bauwesen#Holzbau#Stahlbau#CO₂-Bilanz#Nachhaltigkeit

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