Gewerkschaft vida kritisiert Lohnangebot der Arbeitgeber als unzureichend
9.000 Speditions- und Lagereiarbeiter könnten in den Arbeitskampf ziehen, wenn Arbeitgeber nicht nachbessern. Angebot liegt unter Inflation.
Die Kollektivvertragsverhandlungen für Österreichs Speditions- und Lagereiarbeiter steuern auf eine Eskalation zu. Nach der ergebnislosen zweiten Verhandlungsrunde haben die Betriebsräte einstimmig beschlossen, österreichweit Betriebsversammlungen abzuhalten, falls die Arbeitgeber in der dritten Runde am 18. März kein besseres Angebot vorlegen.
Der Grund für die Verschärfung des Tons liegt in dem als völlig unzureichend empfundenen Angebot der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ). Die Arbeitgeber bieten den rund 9.000 Beschäftigten in Speditions- und Lagereibetrieben lediglich 2,2 Prozent Lohnerhöhung. "Das Angebot liegt weit unter der für eine Lohnerhöhung maßgeblichen rollierenden Inflation von 3,6 Prozent im vergangenen Jahr", kritisiert Markus Petritsch, Vorsitzender des Fachbereichs Straße in der Gewerkschaft vida.
Besonders empörend für die Arbeitnehmervertretung: Gleichzeitig mit dem niedrigen Lohnangebot fordern die Arbeitgeber massive Verschlechterungen beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie bei den Ruhezeiten. "Das ist völlig inakzeptabel", zeigt sich Petritsch über diese Forderungen verärgert.
Die Brisanz der Situation wird deutlich, wenn man die aktuellen Löhne betrachtet. Der Mindestlohn für Arbeiter liegt bei 38,5 Wochenstunden bei 2.280,55 Euro brutto im Monat – das entspricht etwa 1.800 Euro netto. "Die hohe Teuerung der letzten Jahre ist für Arbeitnehmer mit geringem Haushaltseinkommen deutlich stärker spürbar als für Gutverdiener", betont Petritsch die Notwendigkeit einer Kaufkraftstärkung.
Aus Sicht der Gewerkschaft würden faire Lohnsteigerungen nicht nur den Beschäftigten helfen, sondern auch der Gesamtwirtschaft nützen, da das zusätzliche Geld sofort wieder in den Konsum fließe und den heimischen Handel stärke.
Die Speditions- und Logistikbranche kämpft seit Jahren mit Personalmangel. Statt die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Branche attraktiver zu machen, verschlechtere das aktuelle Angebot die Situation noch weiter, argumentiert die Gewerkschaft. "In einer für die kritische Infrastruktur so wichtigen Branche, ohne die in Österreich nichts geht, sollte es vielmehr Ziel sein, neben fairen Lohnerhöhungen auch die Arbeitsbedingungen zu attraktiveren", fordert Petritsch.
Die WKÖ erwarte sich zwar von der Logistikstrategie der Bundesregierung Maßnahmen zur Bewältigung des Personalmangels, doch die Arbeitgeber müssten selbst ihren Beitrag leisten. "Mit dem vorliegenden Angebot wird die Branche für Arbeitskräfte aber nicht anziehender werden", warnt der vida-Gewerkschafter.
Die wirtschaftlichen Zahlen der Branche sprechen eine andere Sprache als das magere Lohnangebot. Zu den Branchenriesen in Österreich zählen Unternehmen wie Gebrüder Weiss, Schenker, DHL, Kühne+Nagel, Amazon, DPD und die Nagel Group. Die Bruttowertschöpfung der gesamten Branche betrug laut WKÖ-Daten 2023 insgesamt 2.622 Millionen Euro.
Bemerkenswert dabei: Knapp die Hälfte dieser Wertschöpfung (49,4 Prozent bzw. 1.295 Millionen Euro) entfällt auf nur 23 Großunternehmen mit 250 oder mehr Beschäftigten. Die Bruttowertschöpfung pro Beschäftigten lag laut aktueller Arbeiterkammer-Branchenanalyse 2024 bei 95.499 Euro und ist damit trotz real gesunkener Umsätze höher als im Vorjahr.
"Die Produktivität ist damit wieder gestiegen", argumentiert Petritsch und leitet daraus die Berechtigung für ein deutlich besseres Angebot in der dritten Verhandlungsrunde ab.
Die angekündigten Betriebsversammlungen wären ein erster Schritt in Richtung Arbeitskampf. Als systemrelevante Branche könnte ein Streik in der Speditions- und Logistikbranche erhebliche Auswirkungen auf die österreichische Wirtschaft haben. Die Versorgung mit Waren aller Art, von Lebensmitteln bis zu Industriegütern, hängt maßgeblich von diesem Sektor ab.
Die Gewerkschaft vida macht deutlich, dass sie nicht bereit ist, Verschlechterungen hinzunehmen und fordert eine angemessene Beteiligung der Beschäftigten an der wirtschaftlichen Entwicklung der Branche. "Bei einer rollierenden Inflation von 3,6 Prozent und steigender Produktivität ist ein Angebot von 2,2 Prozent ein Schlag ins Gesicht der Arbeiter", so das Fazit der Arbeitnehmervertretung.
Die für den 18. März angesetzte dritte Verhandlungsrunde wird nun zur Nagelprobe für beide Seiten. Sollten die Arbeitgeber nicht nachbessern, stehen die 9.000 Beschäftigten bereit, ihren Unmut in österreichweiten Betriebsversammlungen kundzutun – ein Szenario, das weder die Unternehmen noch die von der Logistikbranche abhängige österreichische Wirtschaft wünschen kann.
Die Verhandlungen zeigen exemplarisch die Spannungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Zeiten hoher Inflation und gleichzeitig guter Unternehmensgewinne auf. Während die Beschäftigten unter den gestiegenen Lebenshaltungskosten leiden, scheinen die Unternehmen nicht bereit, angemessen an ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zu beteiligen.