Experten warnen vor unsichtbarer Sorgearbeit als Gesundheitsrisiko
Nach dem Frauentag rückt der ÖBVP die psychischen Folgen von Mehrfachbelastungen in den Fokus. Unsichtbare Sorgearbeit wird unterschätzt.
Der Internationale Frauentag liegt hinter uns, doch die Diskussion um die Lebenssituation von Frauen in Österreich geht weiter. Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) lenkt nun den Blick auf ein oft übersehenes Problem: die psychischen Auswirkungen von Mehrfachbelastungen und unsichtbarer Sorgearbeit auf die Gesundheit von Frauen.
Viele Frauen jonglieren täglich zwischen verschiedenen Lebensbereichen: Sie tragen Verantwortung im Beruf, kümmern sich um die Familie und übernehmen oft auch die Pflege von Angehörigen. Diese Mehrfachbelastung ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Dahinter verbirgt sich eine Form der Verantwortung, die gesellschaftlich kaum wahrgenommen wird – die sogenannte "Mental Load".
Darunter versteht man das ständige Mitdenken, Planen und Organisieren des Familienlebens und Alltags. Frauen übernehmen häufig die Rolle der "Familienmanagerin", die an Termine denkt, den Überblick über Bedürfnisse aller Familienmitglieder behält und emotionale Beziehungen koordiniert. Diese unsichtbare Arbeit ist mental sehr anspruchsvoll und wird oft nicht als Belastung erkannt.
"Diese oft unsichtbare Form der Belastung wird gesellschaftlich noch immer unterschätzt", erklärt Barbara Haid, Präsidentin des ÖBVP. Die Expertin betont die Tragweite des Problems: "Viele Frauen leisten täglich sehr viel; organisatorisch, emotional und sozial. Wenn Verantwortung über längere Zeit ungleich verteilt bleibt, kann das auch zu innerer Erschöpfung und psychischer Belastung führen."
Die Auswirkungen dieser chronischen Belastung sind vielfältig und können sich in verschiedenen Formen zeigen. Betroffene Frauen leiden häufig unter Erschöpfung, Schlafstörungen, Angstzuständen oder depressiven Verstimmungen. Das Gefühl, nie wirklich "abschalten" zu können, verstärkt die psychische Belastung zusätzlich.
Die Problematik ist tief in gesellschaftlichen Strukturen und Rollenbildern verwurzelt. Trotz fortschreitender Gleichberechtigung übernehmen Frauen nach wie vor überproportional häufig Care-Arbeit – sowohl bezahlt als auch unbezahlt. Diese traditionellen Rollenverteilungen setzen sich oft unbewusst fort, selbst in Partnerschaften, die sich als gleichberechtigt verstehen.
Besonders problematisch ist dabei, dass diese Form der Arbeit gesellschaftlich wenig Anerkennung erfährt. Während berufliche Leistungen messbar und sichtbar sind, bleibt die emotionale und organisatorische Arbeit im Hintergrund oft unbemerkt. Dies führt dazu, dass viele Frauen ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen und sich selbst unter enormen Druck setzen.
Aus psychotherapeutischer Sicht ist es wichtig, diese Erfahrungen ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben. Psychotherapie kann dabei unterstützen, Belastungen zu reflektieren, eigene Bedürfnisse wieder stärker wahrzunehmen und neue Wege im Umgang mit Anforderungen zu entwickeln.
Therapeutische Interventionen können helfen, ungesunde Verhaltensmuster zu erkennen und zu durchbrechen. Dabei geht es nicht darum, Verantwortung völlig abzugeben, sondern um eine gerechtere Verteilung und um das Erlernen von Strategien zum Umgang mit Stress und Überforderung.
Professionelle Hilfe kann verschiedene Formen annehmen:
Der ÖBVP weist darauf hin, wie wesentlich ein guter Zugang zu psychosozialer Unterstützung ist. Derzeit bestehen in Österreich noch immer Hürden beim Zugang zu psychotherapeutischen Leistungen. Lange Wartezeiten, begrenzte Kassenplätze und hohe Kosten für Privattherapien erschweren vielen Frauen den Weg zur professionellen Hilfe.
Gleichzeitig ist eine gesellschaftliche Aufmerksamkeit für die vielfältigen Lebensrealitäten von Frauen notwendig. Es braucht ein Bewusstsein dafür, dass Care-Arbeit eine wertvolle gesellschaftliche Leistung darstellt, die entsprechend anerkannt und fair verteilt werden sollte.
Um psychische Belastungen durch Mehrfachbelastungen zu vermeiden, sind präventive Ansätze wichtig. Dazu gehört die Sensibilisierung für die Problematik bereits in jungen Jahren, die Förderung gleichberechtigter Rollenverteilungen und die Stärkung von Selbstfürsorge-Kompetenzen.
Warnsignale für eine Überlastung können sein:
Die Botschaft des ÖBVP macht deutlich: Die psychische Gesundheit von Frauen ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Thema. Es braucht strukturelle Veränderungen, um die Belastungen gerechter zu verteilen und Frauen zu entlasten.
Dazu gehören flexible Arbeitsmodelle für beide Geschlechter, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die gesellschaftliche Anerkennung von Care-Arbeit. Nur so kann langfristig die psychische Gesundheit von Frauen gestärkt und ihre Lebensqualität verbessert werden.
Der Internationale Frauentag mag vorbei sein, doch die Diskussion um die Gleichberechtigung und Gesundheit von Frauen geht weiter – und das ist auch gut so.