Greenpeace-Report deckt systematische Grenzwertüberschreitungen auf
81% der getesteten SHEIN-Produkte überschreiten EU-Grenzwerte. PFAS-Gifte teilweise 3000-fach über dem Limit. Grüne fordern schärfere Kontrollen.
Ein neuer Greenpeace-Report über die Online-Plattform SHEIN sorgt für Aufregung: 81 Prozent der getesteten Produkte überschreiten mindestens einen EU-Grenzwert, in neun von elf untersuchten Jacken wurden PFAS-Chemikalien festgestellt – teilweise 3.000-fach über dem zulässigen Grenzwert. Besonders brisant: Viele der beanstandeten Artikel, die SHEIN nach öffentlicher Kritik entfernt hatte, sind unter neuen Artikelnummern wieder online verfügbar.
"Wir reden hier nicht über Einzelfälle. Der Greenpeace Report zeigt, dass SHEIN, wissentlich und systematisch, hochgiftige Produkte verkauft und nach öffentlicher Kritik einfach wieder online stellt. Das ist brandgefährlich für Konsument:innen", erklärt Alma Zadić, Konsumentenschutzsprecherin der Grünen.
Bereits im Herbst 2024 hatte Greenpeace massive Grenzwertüberschreitungen bei SHEIN-Kleidung aufgedeckt. Die Plattform versprach damals, die betroffenen Artikel zu entfernen. Der aktuelle Nachtest zeigt jedoch: Viele Produkte sind wieder da – ident oder nahezu ident und erneut hoch belastet.
PFAS, auch "Ewigkeitsgifte" genannt, sind extrem langlebige Chemikalien, die sich in Umwelt und Körper anreichern. Sie werden mit schweren Gesundheitsrisiken in Verbindung gebracht, darunter Krebs, Leberschäden und Störungen des Immunsystems. Die in den SHEIN-Produkten gefundenen Konzentrationen überschreiten die EU-Grenzwerte um ein Vielfaches.
Die Chemikalien werden häufig für wasser- und schmutzabweisende Eigenschaften in Textilien verwendet. Für Verbraucher sind sie jedoch praktisch unsichtbar – nur Labortests können die gefährlichen Substanzen nachweisen.
Besonders problematisch ist das Geschäftsmodell von SHEIN. Viele Produkte werden direkt aus Drittstaaten an Konsument:innen versendet. Die Plattform verdient mit, entzieht sich aber der rechtlichen Verantwortung. Formal gelten oft die Kund:innen als Importeur:innen – eine "absurde Konstruktion", wie Zadić betont.
"Wenn beanstandete Ware verschwindet und kurz darauf unter neuer Artikelnummer wieder auftaucht, werden Konsument:innen nicht vor Gefahren geschützt. Solche Tricks auf Kosten der Gesundheit der Menschen darf es in Europa nicht geben", so die Grünen-Politikerin.
Der Fall SHEIN steht exemplarisch für ein größeres Problem: "Wir haben einen Giftskandal nach dem anderen. Wir sprechen über krebserregende PFAS in Kleidung oder Asbest in Kinderspielzeug. Immer wieder werden gefährliche Chemikalien in Billigprodukten gefunden", erläutert Zadić.
Das Geschäftsmodell der Ultra-Fast-Fashion setzt auf extrem niedrige Preise und schnelle Produktzyklen. Dabei werden oft Sicherheitsstandards vernachlässigt, um Kosten zu sparen. Hunderttausende Pakete kommen täglich nach Österreich – die Kontrollen können mit diesem Volumen nicht Schritt halten.
Die aktuellen Kontrollmechanismen sind der Flut an Online-Bestellungen nicht gewachsen. "Wenn hunderttausende Pakete täglich ins Land kommen, darf Produktsicherheit nicht Glückssache sein", fordert Zadić mehr Ressourcen für Zoll- und Marktüberwachungsbehörden.
Das Problem verschärft sich durch unklare Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Zollbehörden. Verbraucher wissen oft nicht, an wen sie sich wenden sollen, wenn sie ein gefährliches Produkt entdecken.
Als Reaktion auf den Skandal präsentieren die Grünen einen umfassenden Forderungskatalog:
Für Konsumenten, die bereits SHEIN-Produkte gekauft haben, empfehlen Experten besondere Vorsicht bei Outdoor-Kleidung und wasserabweisenden Textilien. Diese enthalten häufiger PFAS-Chemikalien. Verdächtige Produkte sollten nicht mehr getragen und fachgerecht entsorgt werden.
Langfristig raten Verbraucherschützer zu bewussteren Kaufentscheidungen: Qualitätskäufe bei vertrauenswürdigen Händlern, Second-Hand-Mode oder lokale Produzenten können Alternaturen zur problematischen Fast-Fashion sein.
Das Problem beschränkt sich nicht auf Österreich. In ganz Europa kämpfen Behörden mit den Herausforderungen des Online-Handels und unzureichenden Kontrollen bei Direktimporten aus Asien. Die EU-Kommission arbeitet bereits an schärferen Regelungen für Online-Marktplätze.
"Wenn giftige Produkte mit tausendfachen Grenzwertüberschreitungen immer wieder online auftauchen, dann versagt das System. Unsere Aufgabe ist es, dieses System zu reparieren – mit klarer Haftung, wirksamen Kontrollen und politischen Konsequenzen. Der Schutz der Konsument:innen muss endlich an erster Stelle stehen", so Alma Zadić abschließend.
Der Fall SHEIN zeigt deutlich: Der Boom des Online-Handels erfordert neue Regeln und verstärkte Kontrollen. Ohne politische Konsequenzen werden gefährliche Produkte weiterhin den europäischen Markt überschwemmen – mit unabsehbaren Folgen für Gesundheit und Umwelt.