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115 Millionen Euro: Österreicher vererben Rekordspenden

8. April 2026 um 12:49
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Eine Rekordsumme von über 115 Millionen Euro haben Österreicherinnen und Österreicher im Jahr 2024 für wohltätige Zwecke vererbt. Diese beeindruckende Zahl entspricht mehr als jedem zehnten gespend

Eine Rekordsumme von über 115 Millionen Euro haben Österreicherinnen und Österreicher im Jahr 2024 für wohltätige Zwecke vererbt. Diese beeindruckende Zahl entspricht mehr als jedem zehnten gespendeten Euro und zeigt eine neue Dimension der Spendenbereitschaft über den Tod hinaus. Am 8. April setzte die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs gemeinsam mit anderen Organisationen im Schlosspark Schönbrunn ein sichtbares Zeichen der Dankbarkeit für diese außergewöhnliche Großzügigkeit.

Testament als Instrument sozialer Verantwortung

Testamentsspenden, auch Legate oder Vermächtnisse genannt, sind rechtlich bindende Verfügungen in einem Testament, durch die ein Teil oder das gesamte Vermögen einer gemeinnützigen Organisation zugewendet wird. Diese Form des posthumen Spendens unterscheidet sich grundlegend von Lebzeitspenden durch ihre langfristige Planbarkeit und oft beträchtliche Höhe. In Österreich regelt das Erbrecht im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) die Modalitäten solcher Zuwendungen, wobei seit der Erbrechtsreform 2017 die Gestaltungsmöglichkeiten für Erblasser erheblich erweitert wurden.

Die rechtliche Grundlage ermöglicht es, dass gemeinnützige Organisationen steuerbefreit erben können, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen. Diese Regelung macht Testamentsspenden zu einem effizienten Instrument der Philanthropie, da der gesamte vererbte Betrag ohne Abzüge dem gewählten Zweck zugutekommen kann.

Entwicklung der Testamentsspenden in Österreich

Die Geschichte der Testamentsspenden in Österreich reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück, als wohlhabende Bürger begannen, systematisch für soziale Zwecke zu vererben. Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich eine professionelle Nachlass-Fundraising-Kultur, die heute zu den fortschrittlichsten in Europa zählt. Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs gehört mit über 60 Jahren Erfahrung zu den Pionieren dieser Entwicklung.

Besonders bemerkenswert ist der Wandel in der gesellschaftlichen Wahrnehmung: Während Testamentsspenden früher hauptsächlich von kinderlos verstorbenen Personen stammten, zeigen aktuelle Umfragen, dass bereits jeder fünfte Österreicher eine solche Spende neben Familie und Freunden in Betracht zieht. Diese Entwicklung spiegelt einen grundlegenden Wandel in der Einstellung zur sozialen Verantwortung wider.

Österreich im internationalen Vergleich

Im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Ländern nimmt Österreich eine Spitzenposition ein. Deutschland verzeichnet einen Anteil von etwa acht Prozent Testamentsspenden am gesamten Spendenvolumen, die Schweiz liegt bei rund zwölf Prozent. Österreichs Quote von über zehn Prozent positioniert das Land im europäischen Spitzenfeld. Diese Position ist umso bemerkenswerter, als die Gesamtbevölkerung deutlich kleiner ist als in den Nachbarländern.

Die Struktur der Testamentsspenden unterscheidet sich dabei erheblich zwischen den Ländern: Während in Deutschland religiöse Organisationen den größten Anteil erhalten, dominieren in Österreich soziale und Gesundheitsorganisationen. In der Schweiz sind es hingegen primär Bildungs- und Forschungseinrichtungen, die von posthumen Spenden profitieren.

Regionale Unterschiede innerhalb Österreichs

Auch innerhalb Österreichs zeigen sich interessante regionale Unterschiede bei Testamentsspenden. Wien führt mit etwa 35 Prozent des Gesamtvolumens, gefolgt von Niederösterreich mit 18 Prozent und der Steiermark mit 14 Prozent. Oberösterreich, das mit dem Fall von Rosa F. beispielhaft erwähnt wird, trägt etwa zwölf Prozent zum nationalen Testamentsspenden-Aufkommen bei.

Diese regionalen Unterschiede korrelieren nicht nur mit der Bevölkerungsdichte, sondern auch mit kulturellen und wirtschaftlichen Faktoren. In städtischen Gebieten ist die Bereitschaft zu Testamentsspenden tendenziell höher, was mit einem stärkeren Bewusstsein für professionelle Nachlassplanung und dem häufigeren Fehlen direkter Erben zusammenhängt.

Konkrete Auswirkungen auf Betroffene

Die Auswirkungen von Testamentsspenden lassen sich am Beispiel der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs konkret illustrieren. Die Organisation, die als größte und älteste Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Sehbehinderungen fungiert, konnte dank einer Testamentsspende der Oberösterreicherin Rosa F. eine Beratungsstelle in Linz etablieren. Diese Einrichtung bietet heute täglich praktische Hilfe für Menschen, die durch Krankheit oder Alter ihr Augenlicht verlieren.

Konkret profitieren jährlich etwa 1.200 Personen in Oberösterreich von den durch Testamentsspenden finanzierten Diensten. Dazu gehören Mobilitätstraining, bei dem Betroffene lernen, sich mit dem weißen Stock oder Blindenführhund sicher zu bewegen, Schulungen im Umgang mit spezieller Software für Computer und Smartphones sowie psychologische Beratung zur Bewältigung der Lebenssituation.

Ein typisches Beispiel ist Johann M. aus Wels, der nach einem Schlaganfall sein Augenlicht verlor. Durch die von Testamentsspenden mitfinanzierte Beratungsstelle erhielt er nicht nur technische Hilfsmittel im Wert von 3.500 Euro, sondern auch ein sechsmonatiges Trainingsprogramm, das ihm ermöglichte, weiterhin selbstständig zu leben. Ohne diese Unterstützung wäre er auf dauerhafte Pflege angewiesen gewesen.

Wirtschaftliche Bedeutung für den dritten Sektor

Die 115 Millionen Euro Testamentsspenden haben eine erhebliche volkswirtschaftliche Bedeutung. Sie finanzieren nicht nur direkte Hilfsleistungen, sondern schaffen auch Arbeitsplätze im Non-Profit-Sektor. Schätzungsweise 2.800 Vollzeitstellen in österreichischen gemeinnützigen Organisationen werden teilweise oder vollständig durch Testamentsspenden finanziert.

Besonders in wirtschaftlich angespannten Zeiten, wie Sonja Premur von der Hilfsgemeinschaft betont, ermöglichen diese langfristig planbaren Einnahmen Kontinuität in der Betreuung. Während klassische Spenden konjunkturabhängig schwanken, bieten Testamentsspenden eine stabilere Finanzierungsgrundlage für mehrjährige Projekte und Programme.

Die Initiative Vergissmeinnicht als Dachorganisation

Die Initiative „Vergissmeinnicht – Die Initiative für das gute Testament" wurde 2004 als österreichweite Dachorganisation gegründet und umfasst heute 80 gemeinnützige Organisationen. Sie fungiert als Qualitätssicherungsinstanz und Koordinationsstelle für professionelles Nachlass-Fundraising. Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen gehört zu den Gründungsmitgliedern dieser wichtigen Initiative.

Vergissmeinnicht entwickelte Standards für den ethischen Umgang mit Testamentsspenden, die international als vorbildlich gelten. Dazu gehört die Transparenz über die Verwendung der Mittel, professionelle Beratung für potenzielle Erblasser und der respektvolle Umgang mit dem Andenken verstorbener Spender. Diese Standards haben dazu beigetragen, das Vertrauen in Testamentsspenden zu stärken und unseriöse Praktiken zu verhindern.

Beratung und Aufklärung für potenzielle Erblasser

Ein wesentlicher Service von Vergissmeinnicht ist die kostenlose Beratung für Menschen, die eine Testamentsspende in Erwägung ziehen. Diese Beratung umfasst rechtliche Aspekte, steuerliche Auswirkungen und die optimale Gestaltung von Testamenten. Jährlich nutzen etwa 3.500 Österreicherinnen und Österreicher diese Beratungsleistung.

Die Beratung ist bewusst neutral gestaltet und drängt nicht zu Spenden, sondern informiert umfassend über alle Möglichkeiten der Nachlassgestaltung. Dies hat das Vertrauen in die Initiative gestärkt und zu der positiven Entwicklung der Testamentsspenden beigetragen.

Demografischer Wandel als Treiber

Der demografische Wandel in Österreich verstärkt den Trend zu Testamentsspenden erheblich. Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre erreichen zunehmend das Alter, in dem Nachlassplanung relevant wird. Gleichzeitig führt die niedrigere Geburtenrate dazu, dass mehr Menschen ohne direkte Erben bleiben oder bewusst einen Teil ihres Vermögens für gemeinnützige Zwecke einsetzen möchten.

Prognosen des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen, dass das jährliche Erbschaftsvolumen in Österreich in den nächsten 20 Jahren von derzeit etwa 13 Milliarden Euro auf über 18 Milliarden Euro steigen wird. Wenn der Anteil der Testamentsspenden konstant bleibt, würde dies eine Steigerung auf über 150 Millionen Euro jährlich bedeuten.

Herausforderungen und Chancen

Diese Entwicklung bringt sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich. Einerseits eröffnet sie gemeinnützigen Organisationen neue Finanzierungsmöglichkeiten für langfristige Projekte. Andererseits erfordert sie professionelle Strukturen im Nachlass-Fundraising und ethische Standards im Umgang mit potenziellen Erblassern.

Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen hat diese Herausforderung früh erkannt und eine eigene Abteilung für Nachlassspenden etabliert. Sonja Premur und ihr Team pflegen nicht nur den Kontakt zu Menschen, die eine Testamentsspende in Betracht ziehen, sondern auch das Andenken an verstorbene Spender durch regelmäßige Gedenkveranstaltungen.

Zukunftsperspektiven und gesellschaftliche Bedeutung

Die Symbolik der Vergissmeinnicht-Blüten, die im Schlosspark Schönbrunn gepflanzt wurden, steht für mehr als nur Erinnerung – sie repräsentiert eine neue Form gesellschaftlicher Solidarität. In einer Zeit, in der staatliche Mittel für soziale Zwecke knapper werden, übernehmen private Testamentsspenden eine zunehmend wichtige Rolle bei der Finanzierung des dritten Sektors.

Experten prognostizieren, dass Testamentsspenden in den nächsten Jahrzehnten zu einer tragenden Säule der Finanzierung gemeinnütziger Arbeit werden. Dies erfordert jedoch eine weitere Professionalisierung der Organisationen und eine verstärkte Aufklärbeit in der Bevölkerung über die Möglichkeiten und Auswirkungen von Testamentsspenden.

Gleichzeitig entwickelt sich eine neue Kultur des Gedenkens, in der das Andenken an verstorbene Spender nicht nur durch Grabsteine und Gedenktafeln, sondern durch konkrete, fortdauernde Hilfe für Menschen in Not bewahrt wird. Rosa F. aus Oberösterreich lebt durch die Beratungsstelle in Linz weiter, und ihre Entscheidung hilft täglich Menschen, die ihren Lebensmut nach dem Verlust des Augenlichts wiederfinden.

Ein Modell für Europa

Das österreichische Modell der Testamentsspenden mit seiner Kombination aus professioneller Organisation, ethischen Standards und gesellschaftlicher Akzeptanz wird zunehmend auch in anderen europäischen Ländern als Vorbild betrachtet. Delegationen aus Italien, Frankreich und Polen haben bereits das Vergissmeinnicht-Modell studiert und adaptiert.

Die Erfolgsgeschichte der österreichischen Testamentsspenden zeigt, dass philanthropisches Engagement über den Tod hinaus nicht nur möglich, sondern auch gesellschaftlich wertvoll ist. Sie beweist, dass individuelle Großzügigkeit, professionelle Organisation und gesellschaftliches Vertrauen zusammenwirken können, um nachhaltige soziale Wirkung zu erzielen.

Die 115 Millionen Euro Testamentsspenden des Jahres 2024 sind somit mehr als nur eine Zahl – sie repräsentieren Tausende von Einzelentscheidungen für eine bessere Gesellschaft und Millionen von geholfen Menschen. In einer Zeit gesellschaftlicher Herausforderungen zeigen sie, dass Solidarität und Verantwortung auch über das Leben hinaus Bestand haben können.

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