Der Frühling lockt Wiener in die Parks und Wälder – doch was gut gemeint ist, kann für Wildtiere zur Katastrophe werden. Jedes Jahr werden hunderte Jungtiere unnötig von gut meinenden Spaziergänger...
Der Frühling lockt Wiener in die Parks und Wälder – doch was gut gemeint ist, kann für Wildtiere zur Katastrophe werden. Jedes Jahr werden hunderte Jungtiere unnötig von gut meinenden Spaziergängern "gerettet", obwohl sie gar nicht in Gefahr sind. Das Wildtierservice der Stadt Wien schlägt Alarm: Falsche Hilfe kann mehr schaden als nutzen. Was Tierfreunde wirklich wissen sollten, um Wiens Wildtiere richtig zu schützen.
Was viele nicht wissen: Das Verhalten von Wildtier-Eltern unterscheidet sich fundamental von dem von Haustieren. Während Hunde oder Katzen ihre Jungen kontinuierlich bewachen, verfolgen Wildtiere eine andere Überlebensstrategie. Rehgeißen beispielsweise lassen ihre Kitze bis zu acht Stunden allein, um Fressfeinde nicht auf die Spur zu locken. In dieser Zeit liegt das Jungtier regungslos im Gras – ein angeborener Reflex, der "Drückreflex" genannt wird.
"Tiereltern sind oft nur kurz beim Nachwuchs, um keine Fressfeinde anzulocken und Nahrung zu suchen", erklärt das Wildtierservice Wien. Bei Hasen ist dieses Verhalten noch ausgeprägter: Häsinnen besuchen ihre Jungen nur zwei- bis dreimal täglich zum Säugen, meist in der Dämmerung oder nachts. Den Rest des Tages verbringen die Junghasen allein in ihrer Sasse – einem flachen Erdloch, das als Nest dient.
Bei Vögeln gestaltet sich die Jungtieraufzucht wieder anders. Viele Arten praktizieren das sogenannte "Ästlingsstadium": Die Jungvögel verlassen das Nest bereits, bevor sie vollständig flugfähig sind. Diese Phase ist völlig normal und dauert je nach Art zwischen wenigen Tagen und mehreren Wochen. Die noch nicht flugfähigen Vögel, sogenannte Ästlinge, halten sich am Boden oder in niedrigen Büschen auf und werden weiterhin von ihren Eltern gefüttert und beschützt.
Wenn Menschen eingreifen und vermeintlich verlassene Jungtiere mitnehmen, zerstören sie meist intakte Familien. "Bitte lassen Sie aufgefundene Jungtiere unbedingt in Ruhe und entfernen Sie sich. So helfen Sie am meisten", betont Günther Annerl, Leiter des Wildtierservice Wien. Die Begründung ist einleuchtend: Bereits die menschliche Anwesenheit kann Elterntiere davon abhalten, zu ihrem Nachwuchs zurückzukehren.
Besonders problematisch wird es, wenn Jungtiere tatsächlich mitgenommen werden. Wildtiere haben sehr spezielle Ernährungsanforderungen, die in menschlicher Obhut kaum erfüllt werden können. Rehkitze beispielsweise benötigen eine Milch mit ganz spezieller Zusammensetzung. Kuhmilch kann bei ihnen schwere Verdauungsstörungen und sogar den Tod verursachen. Auch die Stressbelastung durch menschlichen Kontakt ist für Wildtiere immens – ihr Herzschlag kann sich verfünffachen, was zu Schockreaktionen führen kann.
Hinzu kommt ein rechtlicher Aspekt: Nach dem österreichischen Tierschutzgesetz ist es grundsätzlich verboten, Wildtiere der Natur zu entnehmen. Nur in begründeten Notfällen und durch autorisierte Stellen ist dies erlaubt. Privatpersonen machen sich strafbar, wenn sie gesunde Wildtiere mitnehmen.
Nicht jedes aufgefundene Jungtier braucht Hilfe – aber wann ist menschliches Eingreifen tatsächlich notwendig? Das Wildtierservice Wien hat klare Kriterien entwickelt: Nur sichtbar verletzte, kranke oder eindeutig verwaiste Tiere benötigen professionelle Unterstützung. Verletzungen sind meist gut erkennbar: blutende Wunden, hängende Flügel bei Vögeln, Lahmheit oder apathisches Verhalten sind deutliche Warnsignale.
Auch Jungtiere an gefährlichen Orten – etwa auf stark befahrenen Straßen – benötigen manchmal Hilfe. Hier sollte aber zunächst versucht werden, das Tier vorsichtig in Richtung nächstgelegener Vegetation zu lenken, anstatt es sofort aufzunehmen. Bei Ästlingen ist besondere Vorsicht geboten: Können sie noch hüpfen oder flattern, sind sie meist gesund und müssen nur an einen sicheren Ort gebracht werden.
Wien verfügt über eine der modernsten Wildtierhilfe-Einrichtungen Europas. Das Wildtierservice der MA 49 (Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien) wurde 2008 gegründet und hat sich zu einer wichtigen Institution im Wildtierschutz entwickelt. Das Team besteht aus bestens geschulten Wildtierökolog*innen und Tierpfleger*innen, die rund um die Uhr für Notfälle erreichbar sind.
Die Einsatzkräfte verfügen über spezielles Equipment für den schonenden Transport verschiedenster Tierarten – von winzigen Fledermäusen bis hin zu ausgewachsenen Rehen. In ihrer Wildtierstation in der Lobau können sie bis zu 200 Tiere gleichzeitig versorgen. Das Ziel ist immer die Auswilderung: Über 80 Prozent der behandelten Tiere können wieder in die Freiheit entlassen werden.
"Bestens geschulte und erfahrene Wildtierökolog*innen und Tierpfleger*innen beraten die Bevölkerung und sorgen bei Einsätzen für eine schonende und möglichst stressfreie Hilfe für die Wildtiere", beschreibt die Stadt Wien den Service. Die Hotline 01 4000-49090 ist täglich von 7 bis 22 Uhr besetzt. Außerhalb dieser Zeiten übernimmt die Tierrettung die Notfallversorgung.
Die Arbeit des Wildtierservice zeigt beeindruckende Erfolge. 2023 wurden über 3.000 Tiere behandelt – von verletzten Igeln über gestrandete Wasservögel bis hin zu verirrten Fledermäusen. Besonders stolz ist das Team auf die Rehabilitation seltener Arten: So konnten bereits mehrere Uhus erfolgreich behandelt und ausgewildert werden. Diese größte europäische Eulenart war in Wien lange Zeit ausgestorben und kehrt erst seit wenigen Jahren zurück.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei Fledermäusen. Wien beherbergt über 20 verschiedene Fledermausarten, von denen viele auf der Roten Liste stehen. Das Wildtierservice hat eine spezielle Fledermaus-Aufzuchtstation eingerichtet, in der verwaiste Jungtiere mit winzigen Pipetten gefüttert und später erfolgreich ausgewildert werden.
Wien ist eine der grünsten Hauptstädte Europas – fast die Hälfte des Stadtgebiets besteht aus Grünflächen. Diese bieten Lebensraum für eine erstaunliche Vielfalt an Wildtieren: Rehe im Prater, Füchse in Döbling, Marder in Hietzing und sogar Biber an der Donau. Mit dieser Artenvielfalt steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Begegnungen zwischen Mensch und Wildtier.
Das richtige Verhalten beginnt bereits beim Spaziergang: Hunde sollten grundsätzlich an der Leine geführt werden, besonders während der Brut- und Setzzeit von März bis Juli. Unangeleinte Hunde sind für Wildtiere eine enorme Stressquelle und können Jungtiere aufscheuchen oder sogar töten. In vielen Wiener Parks herrscht ohnehin Leinenpflicht, die in dieser Zeit besonders strikt eingehalten werden sollte.
Auch bei der Wegwahl ist Rücksicht gefragt: Wer abseits der Hauptwege wandert, sollte besonders aufmerksam sein und bei verdächtigen Geräuschen oder Sichtungen von Jungtieren sofort umkehren. Fotografieren aus nächster Nähe ist tabu – moderne Teleobjektive ermöglichen beeindruckende Aufnahmen auch aus respektvoller Entfernung.
Das Leben von Wildtieren in der Großstadt bringt spezielle Herausforderungen mit sich. Glasscheiben werden zur tödlichen Falle für Vögel – allein in Wien sterben jährlich tausende Vögel durch Kollisionen mit Fenstern und Glasfronten. Das Wildtierservice berät Gebäudeeigentümer bei der Installation vogelfreundlicher Markierungen und behandelt die Opfer von Glasanpralltraumata.
Auch der Straßenverkehr fordert seinen Tribut: Jedes Jahr werden hunderte Wildtiere Opfer von Verkehrsunfällen. Besonders gefährdet sind Igel, die aufgrund ihrer Verteidigungsstrategie – sie rollen sich bei Gefahr zusammen – hilflos gegen Fahrzeuge sind. Das Wildtierservice arbeitet mit der MA 28 (Straßenverwaltung) zusammen, um Wildtierquerungen zu entschärfen und Warnschilder aufzustellen.
Jede Jahreszeit bringt ihre eigenen Herausforderungen für Wiener Wildtiere mit sich. Der Frühling ist traditionell die Zeit der Jungtieraufzucht, aber auch andere Jahreszeiten erfordern besondere Aufmerksamkeit. Im Sommer sind es oft Trockenperioden, die Tiere in Not bringen. Vögel leiden unter Wassermangel, während Igel auf der Suche nach Nahrung in Gärten stranden.
Der Herbst ist geprägt von Wanderungsbewegungen und der Vorbereitung auf den Winter. Besonders Fledermäuse sind in dieser Zeit aktiv und suchen nach geeigneten Winterquartieren. Das Wildtierservice Wien verzeichnet im Herbst einen deutlichen Anstieg bei Fledermausfunden, da die Tiere häufig in Gebäuden nach Unterschlupf suchen.
Im Winter schließlich stehen Fütterungsfragen im Mittelpunkt. Während das Füttern von Vögeln grundsätzlich erlaubt und sinnvoll ist, sollte es fachgerecht erfolgen. Brot und Küchenreste sind ungeeignet und können Krankheiten verursachen. Das Wildtierservice empfiehlt hochwertiges Vogelfutter und bietet Beratung zur artgerechten Winterfütterung.
Der Umgang with Wildtieren in Österreich ist durch verschiedene Gesetze geregelt. Das Wiener Naturschutzgesetz definiert geschützte Arten und Lebensräume, während das Tierschutzgesetz den Umgang mit einzelnen Tieren regelt. Besonders streng geschützt sind seltene Arten wie Eisvögel, Uhus oder Fledermäuse. Bereits das Stören dieser Tiere kann mit empfindlichen Geldstrafen geahndet werden.
In Naturschutzgebieten wie dem Nationalpark Donau-Auen gelten noch strengere Regeln. Hier ist das Verlassen markierter Wege grundsätzlich verboten, und Hunde müssen ganzjährig an der Leine geführt werden. Diese Beschränkungen dienen dem Schutz empfindlicher Ökosysteme und bedrohter Arten.
Verstöße gegen Naturschutzbestimmungen werden in Wien konsequent verfolgt. Die MA 22 (Umweltschutz) führt regelmäßige Kontrollen durch und kann Strafen bis zu 3.600 Euro verhängen. Besonders teuer wird es bei wiederholten Verstößen oder wenn geschützte Arten betroffen sind.
Die Stadt Wien setzt verstärkt auf Prävention und Aufklärung. Das Wildtierservice organisiert regelmäßig Informationsveranstaltungen in Schulen und bietet Führungen durch die Wildtierstation an. Ziel ist es, bereits Kindern den richtigen Umgang mit Wildtieren zu vermitteln und das Bewusstsein für Naturschutz zu schärfen.
Auch für Erwachsene gibt es vielfältige Informationsangebote: Die Website wildtierservice-wien.at bietet detaillierte Artensteckbriefe und Verhaltenstipps. Kostenlose Broschüren klären über die häufigsten Fehler im Umgang mit Wildtieren auf und geben praktische Hilfestellung für Notfälle.
Der Klimawandel verändert auch die Lebensbedingungen für Wiener Wildtiere nachhaltig. Mildere Winter führen dazu, dass einige Zugvogelarten ganzjährig in Wien bleiben, während ursprünglich heimische Arten unter der Hitze leiden. Das Wildtierservice beobachtet diese Entwicklungen genau und passt seine Arbeit entsprechend an.
Neue Herausforderungen entstehen auch durch den Zuzug neuer Arten: Goldschakale wandern aus dem Osten ein, während sich Nutria an der Donau ausbreiten. Diese Neubürger bringen neue Aufgaben für den Wildtierschutz mit sich und erfordern angepasste Managementstrategien.
Gleichzeitig eröffnen technologische Entwicklungen neue Möglichkeiten: GPS-Tracker helfen bei der Erforschung von Wanderrouten, Wärmebildkameras ermöglichen die schonende Überwachung von Nestern, und moderne Behandlungsmethoden verbessern die Heilungschancen verletzter Tiere. Das Wildtierservice Wien investiert kontinuierlich in neue Technologien und Ausrüstung.
Die Zusammenarbeit mit Bürgern wird dabei immer wichtiger: Über die App "Naturbeobachtung Wien" können Tierliebhaber ihre Sichtungen melden und so zur wissenschaftlichen Erforschung der Wiener Wildtierwelt beitragen. Diese Daten helfen bei der Planung von Schutzmaßnahmen und der Überwachung von Populationsentwicklungen.
Wer in diesem Frühjahr Wiener Parks und Wälder besucht, hat die Chance, Teil dieses erfolgreichen Naturschutzes zu werden. Die wichtigste Regel dabei bleibt einfach: Im Zweifel nicht eingreifen, sondern das Wildtierservice kontaktieren. Nur so können Wiens wilde Nachbarn auch in Zukunft sicher durch die wärmere Jahreszeit kommen. Weitere Informationen und den Notfallkontakt finden Interessierte unter wildtierservice-wien.at oder unter der Telefonnummer 01 4000-49090.