Österreich muss internationale Fachkräfte gezielter anwerben
IV und IOM präsentierten sechs Empfehlungen beim Europäischen Forum Alpbach – Diskussion mit Brunner, Wiederkehr und Herlitschka
Die Industriellenvereinigung fordert bei Forum Alpbach konkrete Maßnahmen zur Anwerbung und Bindung internationaler Fachkräfte und legt sechs Empfehlungen vor.
Im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach hat die Industriellenvereinigung (IV) in einer Closed Network Session das Thema internationale Fachkräfte erneut in den Mittelpunkt gestellt. Rund 40 Vertreter aus Industrie und Wirtschaft diskutierten unter dem Titel „Talent moves, Europe wins: Internationale Fachkräfte anwerben und binden“ mit EU-Kommissar Magnus Brunner, Bildungsminister Christoph Wiederkehr und Infineon-Vorstandsvorsitzender und IV-Vizepräsidentin Sabine Herlitschka die Herausforderungen und Vorschläge zur Anwerbung und Bindung ausländischer Fachkräfte.
Die Diskussion stützte sich auf zwei Policy-Analysen der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Die IV präsentierte in Alpbach sechs konkrete Empfehlungen, die auf den Ergebnissen der IOM-Analysen basieren und Maßnahmen für Anerkennung, Anwerbung, Monitoring und politische Steuerung vorschlagen.
Die IV-Session beim Europäischen Forum Alpbach
Die Veranstaltung fand im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach (EFA) statt, das heuer unter dem Motto „How Europe Wins“ steht. Die IV widmete dem Thema Fachkräfte zum zweiten Mal in Folge eine eigene Closed Network Session. An der Diskussion nahmen rund 40 Top-Vertreter aus Industrie und Wirtschaft teil sowie Vertreter aus Politik und EU-Institutionen.
IV-Präsident Georg Knill eröffnete die Session mit einem Fokus auf dem demografischen Druck und der Bedeutung von Migration für den Arbeitsmarkt. In seiner Eröffnung nannte er mehrere Zahlen, die laut IV die Ausgangslage charakterisieren: „Allein aufgrund der demografischen Entwicklung fehlen uns in den nächsten zehn bis zwölf Jahren 540.000 Arbeitskräfte. Drei von vier Industrieunternehmen haben schon heute Personalprobleme bei Hochqualifizierten im MINT-Bereich. Aktuell verlieren wir genau jene Menschen, die wir am dringendsten brauchen: Zwischen 2011 und 2023 haben 170.000 gut integrierte Zugewanderte Österreich wieder verlassen, ein Viertel der Hochqualifizierten bereits im ersten Jahr. Das können wir uns schlichtweg nicht leisten“.
Sechs IV-Empfehlungen zur Anwerbung und Bindung internationaler Fachkräfte
Auf Basis der IOM-Analysen legte die IV sechs Empfehlungen vor. Die Maßnahmen, wie in der Sitzung dargestellt, lauten:
- Bindung vor Anwerbung: Die Bindung internationaler Arbeits- und Fachkräfte, die bereits in Österreich leben, muss zu einer politischen und gesellschaftlichen Priorität werden. Die IV verweist auf die Zahl, dass rund 60 Prozent der zwischen 2010 und 2014 Zugewanderten Österreich fünf Jahre später wieder verlassen haben – darunter überdurchschnittlich viele Hochqualifizierte.
- Schnellere Anerkennung von Qualifikationen: Der Weg zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse soll einfacher, schneller und wirtschaftsfreundlicher werden. Laut IV üben aktuell mehr als 40 Prozent der Drittstaatsangehörigen in Österreich eine Tätigkeit unter ihrem ursprünglichen Qualifikationsniveau aus.
- Internationale Studierende als Zielgruppe: Mehr als die Hälfte der internationalen Bachelorabsolventen verlässt Österreich innerhalb von drei Jahren nach Studienabschluss. Diese Gruppe soll demnach aktiv für den heimischen Arbeitsmarkt angesprochen werden.
- Gezieltere Anwerbung und einfachere Rot-Weiß-Rot-Karte: Besonders in Mangelbereichen wie MINT fordert die IV innovativere Anwerbungsansätze und eine spürbare Vereinfachung der Rot-Weiß-Rot-Karte. In der Aussendung heißt es, das Verfahren überschreite derzeit in einem Viertel der Fälle die gesetzliche Frist. EU-Kommissar Magnus Brunner kommentierte dazu: „Talentepartnerschaften sind ein zentraler Baustein, um den Fachkräftemangel an die Bedürfnisse der Industrie anzupassen. Initiativen wie die von IV und IOM angestoßenen Skills-Mobilitätspartnerschaften in Österreich zeigen, wie das in der Praxis gelingen kann.“
- Österreichweites Skills-Monitoring: Eine schlanke, wissenschaftlich fundierte Skills Agency soll evidenzbasierte Grundlagen für die Fachkräftepolitik liefern – für internationale Fachkräfte und darüber hinaus.
- Rasche Fachkräftestrategie: Die von der Bundesregierung im Februar 2026 angekündigte Fachkräftestrategie solle zügig beschlossen und konsequent umgesetzt werden, mit internationalen Fachkräften als zentraler Säule. Bildungsminister Christoph Wiederkehr betonte in Alpbach: „Internationale Fachkräfte entscheiden sich nicht nur für einen Arbeitsplatz, sondern für ein Gesamtpaket aus Arbeit, Leben und Entwicklungschancen – dabei spielt die Lebensqualität und Familienfreundlichkeit eine große Rolle. Themen wie ein guter Kindergartenplatz und ein breites Schulangebot sind wichtig. Zudem werden gezielt mehrsprachige Bildungsangebote ausgebaut, um Österreich für internationale Fach- und Führungskräfte sowie deren Familien attraktiver zu werden. Damit wird ein Beitrag zur Stärkung des Wirtschafts- und Wissenschaftsstandortes Österreich geleistet.“
Zentrale Zahlen und die Ausgangslage für Österreich
Die IV nennt mehrere Kernzahlen als Grundlage der Debatte: Ein demografiebedingter Verlust von 540.000 Arbeitskräften in den kommenden zehn bis zwölf Jahren, eine von der Wirtschaftskammer bezifferte Fachkräftelücke mit 155.000 offenen Stellen sowie regionale Rückgänge der Erwerbsbevölkerung in Gebieten wie Obersteiermark, Südkärnten und dem Waldviertel. Vor diesem Hintergrund sieht die IV internationale Fachkräfte als einen entscheidenden Hebel neben der besseren Nutzung heimischer Potenziale.
Als weiteren Punkt nennt die IV die Mobilität und Fluktuation: Zwischen 2011 und 2023 haben nach IV-Angaben 170.000 gut integrierte Zugewanderte Österreich wieder verlassen; besonders hochqualifizierte Zugewanderte hätten häufig bereits im ersten Jahr das Land verlassen. Diese Entwicklung nutzt die IV als Argument für den Schwerpunkt „Bindung vor Anwerbung“.
Begriffe und Institutionen erläutert
Europäisches Forum Alpbach (EFA): In der Aussendung erscheint das EFA als Plattform, auf der die IV ihre Session „Talent moves, Europe wins“ durchführte. Für die IV war Alpbach Anlass, Politik, Industrie und EU-Vertreter zusammenzubringen.
IOM (Internationale Organisation für Migration): Die IV stützt ihre Empfehlungen auf zwei Policy-Analysen der IOM. In Alpbach stellte Marian Benbow Pfisterer, Missionschefin des IOM Landesbüros für Österreich, diese Analysen vor und betonte die Notwendigkeit innovativer und gesamtstaatlicher Ansätze.
Rot-Weiß-Rot-Karte: In der Aussendung wird die Rot-Weiß-Rot-Karte als zentrales Verfahren für die Aufnahme von Arbeitskräften genannt; die IV kritisiert, dass das Verfahren derzeit in einem Viertel der Fälle die gesetzliche Frist überschreitet und fordert eine spürbare Vereinfachung.
Skills Agency und Skills-Monitoring: Die IV spricht sich für ein österreichweites, wissenschaftlich fundiertes Monitoring der Kompetenzen aus. Dieses soll als Grundlage der Fachkräftepolitik dienen und wird in der Aussendung als Instrument zur Evidenzgewinnung vorgeschlagen.
MINT: MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) wird in der Aussendung als besonders betroffene Branche genannt. Die IV verweist darauf, dass drei von vier Industrieunternehmen heute Personalprobleme bei Hochqualifizierten im MINT-Bereich haben.
Was die Empfehlungen praktisch benennen
Zusammengefasst benennt die IV in Alpbach konkrete Handlungsfelder: erstens bessere Bindung bereits im Land lebender internationaler Fachkräfte, zweitens schnellere Qualifikationsanerkennung, drittens aktive Ansprache internationaler Studierender, viertens vereinfachte und beschleunigte Regelungen wie bei der Rot-Weiß-Rot-Karte, fünftens ein staatliches Monitoring der Skills und sechstens die zügige Umsetzung der angekündigten Fachkräftestrategie der Bundesregierung.
In der Session brachten Unternehmensvertreter ihre Perspektiven ein: Sabine Herlitschka schilderte aus Sicht von Infineon Austria die Praxis in einem High-Tech-Unternehmen am Standort Kärnten und nannte die Zahl von rund 6.000 Beschäftigten in Österreich, davon etwa 2.500 in Forschung und Entwicklung. Sie verwies auf die internationale Zusammensetzung der Belegschaft: „Rund 31 Prozent der Mitarbeitenden haben keinen österreichischen Pass.“
FAQ zur IV-Initiative und den Empfehlungen
Wer hat in Alpbach diskutiert?
In der Closed Network Session der IV nahmen rund 40 Vertreter aus Industrie und Wirtschaft teil. Zu den diskutierenden Gästen zählten EU-Kommissar Magnus Brunner, Bildungsminister Christoph Wiederkehr sowie Sabine Herlitschka als Vertreterin von Infineon und IV-Vizepräsidentin.
Auf welchen Analysen basieren die Empfehlungen?
Die IV stützt ihre Vorschläge auf zwei Policy-Analysen der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Marian Benbow Pfisterer, Missionschefin des IOM Landesbüros für Österreich, stellte diese Analysen in Alpbach vor.
Welche zentralen Zahlen nannte die IV?
Die IV führt mehrere Zahlen als Basis an: einen demografiebedingten Verlust von 540.000 Arbeitskräften in den nächsten zehn bis zwölf Jahren, eine von der Wirtschaftskammer genannte Zahl von 155.000 offenen Stellen sowie die Angabe, dass zwischen 2011 und 2023 170.000 gut integrierte Zugewanderte Österreich wieder verlassen haben.
Was kritisiert die IV am Anerkennungsprozess?
Die IV fordert, den Weg zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse einfacher, schneller und wirtschaftsfreundlicher zu machen. Als Indiz nennt die Aussendung, dass mehr als 40 Prozent der Drittstaatsangehörigen in Österreich eine Tätigkeit unter ihrem ursprünglichen Qualifikationsniveau ausüben.
Welche Rolle spielt die Rot-Weiß-Rot-Karte in der Debatte?
Die Rot-Weiß-Rot-Karte wird in der Aussendung als zentraler Zulassungsweg genannt. Die IV fordert eine spürbare Vereinfachung, da das Verfahren derzeit in einem Viertel der Fälle die gesetzliche Frist überschreitet. EU-Kommissar Brunner setzte diese Empfehlung in den europäischen Kontext und verwies auf Talentepartnerschaften.
Was gilt als nächster Schritt laut Aussendung?
Die IV fordert, dass die im Februar 2026 angekündigte Fachkräftestrategie der Bundesregierung rasch beschlossen und konsequent umgesetzt wird, wobei internationale Fachkräfte als zentrale Säule genannt werden. Bildungsminister Christoph Wiederkehr sprach in Alpbach zudem über Aspekte wie Lebensqualität, Familienfreundlichkeit und mehrsprachige Bildungsangebote.
Quellen und Kontakt
Die Unterlage zum Gespräch ist dokumentiert und abrufbar: Unterlage zum Gespräch.
Kontakt zur Industriellenvereinigung: Marlena Mayer, BA, Telefon: +43 (1) 711 35-2315, E-Mail: marlena.mayer [at] iv.at. Weitere Informationen: https://www.iv.at.
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